Business & Beyond Europa verliert im Chipkrieg: Niederlande rücken Nexperia an China zurück

Europa verliert im Chipkrieg: Niederlande rücken Nexperia an China zurück

Den Haag gibt Kontrolle über Chiphersteller Nexperia zurück an China – ein Schachzug mit weitreichenden Folgen für Europas Autoindustrie und die Frage der technologischen Souveränität.

Die Niederlande haben im Machtpoker mit China um kritische Halbleiter-Infrastruktur nachgegeben. Nach wochenlangem Tauziehen gibt Den Haag die staatliche Kontrolle über den Chiphersteller Nexperia wieder ab – ein Schritt, der die Abhängigkeit Europas von globalen Lieferketten schonungslos offenlegt.

Strategischer Rückzieher

„Angesichts der jüngsten Entwicklungen halte ich es für den richtigen Zeitpunkt, einen konstruktiven Schritt zu unternehmen“, erklärte der niederländische Wirtschaftsminister Vincent Karremans laut „Zeit“. Der Schritt folgt auf intensive Verhandlungen mit Peking, nachdem China die Lieferung der für die europäische Autoindustrie essentiellen Halbleiter blockiert hatte.

Die Vorgeschichte zeigt, wie verwundbar europäische Wertschöpfungsketten sind: Ende September hatte die niederländische Regierung unter Berufung auf ein Notstandsgesetz von 1952 die Kontrolle über Nexperia übernommen. Der Grund: Befürchtungen, dass der chinesische Eigentümer Wingtech Technologie und Know-how nach China abziehen könnte, wie „tagesschau.de“ berichtet.

Machtdemonstration aus Peking

Die chinesische Antwort kam prompt und traf Europa an seiner empfindlichsten Stelle – der Autoindustrie. Peking verhängte ein Exportverbot für Nexperia-Chips, die zwar in Europa produziert, aber zur Weiterverarbeitung nach China geschickt und anschließend zurück nach Europa exportiert werden. Die Folge: Produktionsengpässe bei europäischen Autozulieferern und eine drohende Kettenreaktion durch die gesamte Wertschöpfungskette.

Anfang November signalisierte China erste Kompromissbereitschaft und lockerte das Exportverbot für bestimmte Halbleiter. Die Bedingung: Den Haag müsse die Kontrolle über Nexperia zurückgeben. Mit der jetzigen Entscheidung hat die niederländische Regierung genau das getan – während sich aktuell eine hochrangige Delegation des Wirtschaftsministeriums in Peking aufhält, so „Zeit“.

Business Punk Check

Der Fall Nexperia ist ein Lehrstück in Sachen Machtpolitik und offenbart Europas technologische Achillesferse. Während Politiker von Souveränität und Resilienz schwadronieren, zeigt die Realität: Ein gezielter Druck auf die Lieferkette reicht aus, um europäische Regierungen zum Einlenken zu zwingen. Die wahre Lektion: Europas Chip-Ambitionen sind ohne funktionierende Lieferketten wertlos.

Der European Chips Act mit seinen 43 Milliarden Euro bleibt ein Papiertiger, solange kritische Produktionsschritte außerhalb der EU stattfinden. Für den Mittelstand bedeutet das: Wer seine Lieferketten nicht diversifiziert, wird bei der nächsten geopolitischen Krise erneut zum Spielball. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Europa mehr Chipfabriken braucht, sondern ob es bereit ist, in vollständige Wertschöpfungsketten zu investieren – von der Rohstoffgewinnung bis zum fertigen Produkt. Alles andere ist geopolitische Naivität.

Häufig gestellte Fragen

  • Welche Auswirkungen hat der Nexperia-Fall auf die europäische Halbleiter-Strategie?
    Der Fall zeigt die Grenzen des European Chips Act auf. Solange Europa nicht die komplette Wertschöpfungskette kontrolliert, bleibt es verwundbar. Unternehmen sollten ihre Chip-Beschaffung diversifizieren und nicht nur auf europäische Produktion, sondern auf vollständige regionale Lieferketten setzen.
  • Wie können mittelständische Unternehmen ihre Chip-Versorgung absichern?
    Mittelständler sollten ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduzieren und Notfallpläne entwickeln. Konkret bedeutet das: Aufbau von Lagerbeständen kritischer Komponenten, Qualifizierung alternativer Lieferanten und Entwicklung von Produktdesigns, die flexibel auf verschiedene Chipvarianten reagieren können.
  • Welche Branchen sind neben der Autoindustrie besonders gefährdet?
    Besonders exponiert sind Medizintechnik, Industrieautomation und Telekommunikation. Diese Sektoren sollten branchenübergreifende Einkaufsallianzen bilden und gemeinsame Notfallpläne entwickeln, um bei künftigen Lieferengpässen handlungsfähig zu bleiben.
  • Was bedeutet der Nexperia-Fall für die Standortpolitik in Europa?
    Europa muss über reine Produktionskapazitäten hinausdenken und in geschlossene regionale Wertschöpfungsketten investieren. Das erfordert eine koordinierte Industriepolitik, die Rohstoffversorgung, Forschung, Produktion und Recycling umfasst – und nicht nur prestigeträchtige Chipfabriken.

Quellen: „Zeit“, „tagesschau.de“

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