Business & Beyond Fed auf Krawallkurs: Was Deutschland droht

Fed auf Krawallkurs: Was Deutschland droht

Wenn in Washington ein neuer Chef die US-Notenbank übernimmt, wackeln auch in Frankfurt die Verstärker. Denn die Entscheidungen der amerikanischen Federal Reserve bestimmen längst mit, wie teuer Kredite in Deutschland werden, wie stabil der Euro bleibt und ob die deutsche Exportmaschine rund läuft oder ins Schleudern gerät.

Mit Kevin Warsh wird jetzt ein geldpolitischer Hardliner zum Vorsitzenden der mächtigsten Zentralbank der Welt berufen – mitten in einer Phase erhöhter Inflationsrisiken. Seine Ideen könnten die Finanzmärkte weltweit unter Strom setzen und Europas ohnehin angeschlagene Wirtschaft zusätzlich stressen. Für Deutschland beginnt damit eine neue Runde im globalen Finanzpunkrock.

Die amerikanische Notenbank bekommt einen neuen Frontmann – und diesmal wirkt der Typ weniger wie ein Verwaltungsbeamter als wie der Sänger einer aggressiven Wall-Street-Hardcoreband. Kevin Warsh übernimmt die Führung der US Federal Reserve in einer Phase, in der Inflation, geopolitische Krisen und politische Machtspiele gleichzeitig gegen die Weltwirtschaft prügeln. Der ehemalige Morgan-Stanley-Banker und frühere Fed-Gouverneur folgt auf Jerome Powell und übernimmt einen Laden, der längst nicht mehr nur amerikanische Geldpolitik macht, sondern praktisch den globalen Pulsschlag der Finanzmärkte kontrolliert.

Warum Deutschland das nicht ignorieren kann

Was die Fed entscheidet, landet zeitversetzt fast immer auch auf deutschen Küchentischen. Steigen in den USA die Zinsen, wird weltweit Geld teurer. Kredite für Unternehmen verteuern sich, Investitionen brechen weg, Immobilienmärkte geraten unter Druck und die Exportwirtschaft bekommt Gegenwind. Gerade Deutschland hängt an diesem Tropf wie kaum ein anderes Land Europas, weil die deutsche Industrie extrem abhängig vom Welthandel und von günstiger Finanzierung ist. Wenn Warsh die Geldpolitik verschärft, spürt das der Mittelständler in Baden-Württemberg ebenso wie die Häuslebauer in Bayern oder die ohnehin angeschlagene Autoindustrie. Ein aggressiver Fed-Kurs stärkt oft den Dollar und schwächt den Euro. Das kann deutschen Exporteuren kurzfristig helfen, macht aber gleichzeitig Energieimporte teurer – ein Problem in einer Wirtschaft, die ohnehin unter hohen Energiepreisen ächzt. Und dann ist da noch die Europäische Zentralbank. Die European Central Bank kann sich nämlich nur begrenzt von der Fed abkoppeln. Wenn die Amerikaner die Zinsen hochhalten, gerät auch die EZB unter Druck. Sonst fließt Kapital Richtung USA ab wie Bier aus einem umgetretenen Festivalbecher.

Der Anti-Gelddruck-Rebell

Warsh gilt seit Jahren als Gegner der ultralockeren Geldpolitik. Schon nach der Finanzkrise rebellierte er intern gegen das massive Aufpumpen der Fed-Bilanz durch sogenannte quantitative Lockerung. Während andere Zentralbanker Billionen in die Märkte pumpten, warnte Warsh davor, dass die Notenbank zur Dauerrettungsmaschine für Politik und Finanzmärkte werde. 2011 stieg er aus Protest aus der Fed aus. Jetzt kehrt er zurück – und zwar mit ziemlich klaren Vorstellungen. Weniger Interventionen. Weniger Dauerfeuer aus billigem Geld. Weniger staatlich gestützte Marktberuhigung. Stattdessen soll die Fed wieder härter, schlanker und disziplinierter werden. Das ist geldpolitischer Punkrock gegen die sterile Zentralbankroutine der vergangenen Jahre.

Trump will billiges Geld – die Inflation bleibt hart

Das Timing könnte kaum brutaler sein. Präsident Donald Trump fordert seit Jahren niedrigere Zinsen, um Wachstum und Börsen weiter anzuschieben. Doch gleichzeitig bleibt die Inflation erhöht, angeheizt durch geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise. Warsh sitzt damit zwischen allen Fronten gleichzeitig. Das Weiße Haus will billiges Geld. Die Märkte wollen Stabilität. Die Inflation verlangt Härte. Und die Fed versucht verzweifelt, ihre politische Unabhängigkeit nicht völlig zu verlieren. Besonders bizarr wirkt inzwischen der offene politische Druck auf die Notenbank. Trump hat öffentlich gedroht, gegen die Fed vorzugehen, falls diese die Zinsen nicht senkt. In jeder anderen Industrienation wäre das ein Skandal. In Amerika gehört es inzwischen offenbar zum Soundcheck.

Weniger Meetings, weniger Geschwätz, mehr Schockwirkung

Warsh plant offenbar nicht nur wirtschaftliche Kursänderungen, sondern auch einen kulturellen Umbau der Fed. Weniger Zinssitzungen. Weniger Pressekonferenzen. Weniger Hinweise an die Märkte. Eine kleinere Bürokratie. Mehr Überraschung, weniger Dauerkommunikation. Das mag technokratisch wirken, ist aber hochpolitisch. Denn die Finanzmärkte haben sich daran gewöhnt, dass Zentralbanken jede Bewegung vorher ankündigen wie Stadionrockbands ihre Zugaben. Warsh dagegen scheint eher auf die Philosophie zu setzen: Bühne dunkel, Verstärker an, Einschlag ohne Warnung.

Deutschland steht mitten im globalen Moshpit

Für Deutschland kommt dieser Wechsel zur denkbar schlechtesten Zeit. Die Wirtschaft schwächelt, die Industrie kämpft mit hohen Kosten, die Bauwirtschaft steckt tief in der Krise und gleichzeitig bleibt die Inflation hartnäckig. Sollte die Fed unter Warsh auf einen aggressiveren Kurs einschwenken, könnten sich die globalen Finanzbedingungen weiter verschärfen. Dann wird aus einem Personalwechsel in Washington plötzlich ein Problem für deutsche Unternehmen, Verbraucher und Regierungen. Kevin Warsh übernimmt also nicht einfach nur die amerikanische Notenbank. Er greift direkt in das Nervensystem der Weltwirtschaft ein. Und Deutschland steht mitten vor der Bühne.

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