Business & Beyond Gavin Newsom in Davos: Amerikas letzte Hoffnung mit Eiern aus Stahl

Gavin Newsom in Davos: Amerikas letzte Hoffnung mit Eiern aus Stahl

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen die Höflichkeit stirbt. Meistens geschieht dies leise, in einem Hinterzimmer. Doch in Davos, zwischen Canapés und der dünnen Luft der Schweizer Alpen, wurde sie gestern öffentlich beerdigt – und Gavin Newsom tanzte auf ihrem Grab.

Während der Rest der demokratischen Partei in den USA oft wirkt, als würde er zu einer Schießerei mit einem Gedichtband von Robert Frost und einer Tüte veganem Studentenfutter erscheinen, hat der Gouverneur von Kalifornien beschlossen, das Regelwerk zu verbrennen. Er kam nach Davos, wurde vom offiziellen, durch das Außenministerium abgesegneten „USA House“ ausgeladen (eine Zensur, die ihm wie ein Orden an der Brust heftete), und tat dann das Undenkbare: Er schlug zurück. Nicht mit einem moralischen Appell an das „bessere Wesen“ seiner Gegner, sondern mit purer, unverfälschter Chuzpe.

Man muss sich die Szene auf der Zunge zergehen lassen. Da sitzen die CEOs von Microsoft und McKinsey, die Grandseigneurs des globalen Kapitals, und Newsom hält ihnen den Spiegel vor. Er spricht über „Knie-Schoner“, die er auf seiner Webseite verkauft – eine bitterböse Anspielung darauf, wie bereitwillig die amerikanische Wirtschaftselite vor der neuen autokratischen Realität im Weißen Haus in den Staub sinkt. Das ist nicht fein. Das ist nicht „presidential“ im klassischen Sinne. Aber es ist genau die Art von rücksichtslosem Überlebensinstinkt, den das liberale Amerika verzweifelt gesucht hat.

Man könnte es vulgär ausdrücken und sagen: Der Mann hat Eier aus Stahl. Aber bleiben wir im journalistischen Duktus: Gavin Newsom verfügt über eine anatomische Anomalie, die in der modernen Politik selten geworden ist – ein Rückgrat aus Titan.

Mehr als nur „Malibu Ken“

Seine Kritiker, allen voran der amtierende US-Finanzminister, versuchen ihn als „Patrick Bateman trifft Sparkle Beach Ken“ zu karikieren – eine hübsche, seelenlose Hülle aus Haargel und kalifornischer Sonne. Doch wer Newsom in Davos zuhörte, der bemerkte schnell, dass unter der perfekt sitzenden Frisur ein politischer Straßenkämpfer lauert, der Plutarch zitiert, während er den politischen Gegner filetiert.

Warum ist er die Hoffnung? Weil er der Einzige ist, der verstanden hat, dass die Zeit der Appelle vorbei ist. Newsom führt keinen Wahlkampf; er führt einen Kulturkampf. Er nennt Trump eine „invasive Spezies“ und weigert sich, die Normalisierung des Wahnsinns zu akzeptieren. Wenn Washington 4.000 Nationalgardisten in kalifornische Städte schickt, antwortet Newsom nicht mit einer Presseerklärung, sondern mit der politischen Souveränität eines Mannes, der einen Staat regiert, der – wäre er ein Land – die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde wäre.

Und genau hier wechselt der Artikel von der Poesie zur harten Währung der Fakten. Denn Newsoms Arroganz ist gedeckt. Er ist kein Schaumschläger. Er verwaltet 18 Prozent der weltweiten Forschung und Entwicklung. Er regiert über das Epizentrum der KI-Revolution. Während Texas und Florida sich in Kulturkriegen verheddern, produziert Kalifornien Zukunft. Newsom rechnet vor, dass sein Staat 83 Milliarden Dollar mehr an den Bund zahlt, als er zurückbekommt, und entlarvt die roten Staaten als das, was sie ökonomisch oft sind: Almosenempfänger, die den Geber verhöhnen.

Der Pragmatismus des Pöblers

Was Newsom jedoch wirklich gefährlich für seine Gegner (und zur Hoffnung für die Demokratie) macht, ist seine Weigerung, sich in die ideologische Reinheitsecke drängen zu lassen. Er ist kein Bernie Sanders in Designerschuhen. In Davos verteidigte er seine Ablehnung einer kalifornischen Vermögenssteuer mit einer Kälte, die jeden Wall-Street-Banker vor Neid erblassen ließe. Er weiß, dass Kapital flüchtig ist. Er weiß, dass man die Gans, die goldene Eier legt, nicht schlachtet, auch wenn die eigene Parteibasis schon das Messer wetzt.

Er gibt offen zu, dass seine Partei bei der Grenzsicherung versagt hat. Er beschwört den Geist von Ronald Reagan – in dessen altem Büro er sitzt –, um eine Einwanderungspolitik zu fordern, die Ordnung mit Menschlichkeit verbindet. Das ist der Spagat, an dem viele scheitern. Newsom turnt darauf wie ein Olympionike.

Das 250. Jubiläum und der Blick in den Abgrund

Es liegt eine fast shakespearesche Tragik darin, dass ausgerechnet im Jahr 2026, zum 250. Geburtstag der USA, die Republik am seidenen Faden hängt. Newsom spürt diese historische Schwere. Wenn er sagt: „Es ist nicht mehr Rule of Law, es ist Rule of Don“, dann ist das kein Wahlslogan, sondern eine Diagnose.

Viele in Europa und den USA haben sich in eine Art Schockstarre begeben. Sie hoffen, dass der Sturm vorüberzieht. Newsom hingegen stellt sich in den Wind und schreit zurück. Er nutzt die Methoden des Gegners – Gerrymandering, aggressive Rhetorik, juristische Härte –, um die Institutionen zu schützen. Er ist bereit, sich die Hände schmutzig zu machen, damit die Weste der Demokratie sauber bleibt.

Ist er perfekt? Keineswegs. Er ist eitel, er ist glatt, und seine Rhetorik schwankt manchmal zwischen Prediger und Gebrauchtwagenhändler. Aber in einer Ära, in der Anstand als Schwäche ausgelegt wird, braucht Amerika keinen Heiligen. Es braucht einen Krieger.

Gavin Newsom ist dieser Krieger. Er ist der Beweis, dass man liberal sein kann, ohne weich zu sein. Er zeigt, dass man für Minderheitenrechte, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit kämpfen kann, ohne dabei die ökonomische Realität aus den Augen zu verlieren oder sich von Tyrannen den Mund verbieten zu lassen.

Wenn die Geschichtebücher über diese turbulente Phase der amerikanischen Demokratie geschrieben werden, wird es viele Kapitel über Feigheit und Kollaboration geben. Aber es wird ein Kapitel geben über den Mann aus Kalifornien, der nach Davos kam, ausgeladen wurde und trotzdem lauter sprach als alle anderen. Ein Mann, der bewies, dass Stahl – zumindest im übertragenen Sinne – immer noch das härteste Metall in der Politik ist.

Amerika ist vielleicht am Boden, aber solange Gavin Newsom steht, ist der Kampf nicht vorbei.

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