Business & Beyond Grupp nach Suizidversuch: „Würde alles ungeschehen machen“

Grupp nach Suizidversuch: „Würde alles ungeschehen machen“

Acht Monate nach seinem Suizidversuch tritt Wolfgang Grupp erstmals wieder öffentlich auf. Der Ex-Trigema-Chef spricht über Altersdepressionen, seine dunkelste Stunde – und warum er seinen Jagdschein abgab.

Wolfgang Grupp (83) steht wieder auf der Bühne. Acht Monate nach seinem Suizidversuch im Juli 2024 zeigt sich der ehemalige Trigema-Chef bei Gregor Gysis Talkreihe in Tübingen – und spricht erstmals öffentlich über seine dunkelste Stunde. Was folgt, ist ein Abend voller Emotionen, Ehrlichkeit und überraschender Einblicke in das Leben eines Unternehmers, der jahrzehntelang als unerschütterlich galt.

Der Weg zurück ins Leben

Juli 2024 versuchte Grupp, sein Leben zu beenden. Per Rettungshubschrauber kam er schwer verletzt in eine Klinik. In einem späteren Brief offenbarte er: „Ich bin im 84. Lebensjahr und leide an sogenannten Altersdepressionen. Da macht man sich Gedanken darüber, ob man überhaupt noch gebraucht wird. Ich habe deswegen versucht, mein Leben zu beenden“, so Grupp im Gespräch mit Gysi.

Jetzt, am 2. März 2025, sitzt Grupp neben Ex-Linken-Chef Gregor Gysi (78) im Neuen Kunstmuseum Tübingen. Seine Worte sind direkt: „Ich habe noch Beschwerden. Ich höre nicht mehr so hundertprozentig.“ Dann folgt der Satz, der den Abend prägt: „Ich würde am liebsten alles ungeschehen machen. Aber das ist nicht mehr möglich.“.

Neue Prioritäten nach der Krise

Grupp hat Konsequenzen gezogen. Seinen Jagdschein gab er ab – ein symbolischer Schritt für einen Mann, der sein Leben lang Kontrolle und Stärke verkörperte. Die Waffe, die Teil seiner Identität als Unternehmer und Jäger war, gehört nun der Vergangenheit an. Stattdessen setzt er auf neue Prioritäten, auch wenn der Weg zur vollständigen Genesung noch lang sei: „Es kann etwas länger dauern, bis ich wieder ganz gesund bin“, räumte er ein. Der Talk mit Gysi zeigt einen anderen Grupp – verletzlicher, reflektierter, aber auch kämpferisch.

Er erzählt von seiner Studienzeit in Köln, wo er das Leben in vollen Zügen genoss: 3-Zimmer-Wohnung, eigenes Reitpferd, Sportwagen. „Ich habe das Leben genossen. Ich war in kaum einer Vorlesung“, sagt Grupp und erntet Gelächter aus dem Publikum.

Vom Internat zum Unternehmer

Doch nicht alles war Champagner und Freiheit. Seine Internatszeit bei den Jesuiten in St. Blasien beschreibt Grupp als „schlimmste Zeit“. Mit elf Jahren von zu Hause getrennt, nur dreimal im Jahr Ferien, zweimal jährlich Familienbesuch. „Ich hatte furchtbar darunter gelitten“, sagt er.

Doch diese harte Schule habe ihn geprägt: „Ich musste mich durchsetzen, um nicht unterzugehen. Ich musste mich anpassen, um Freunde zu haben.“ Diese Erfahrungen formten den Mann, der Trigema jahrzehntelang führte – kompromisslos, patriarchalisch, erfolgreich. Vor einiger Zeit übergab er die Geschäfte an seine Kinder Wolfgang Junior (34) und Bonita (36). Die Tochter verantwortet Onlinehandel, Marketing und Personal, der Sohn Geschäftskunden, IT, Produktion und Finanzen. Grupp selbst nennt Steuergründe als Motiv für die Übergabe.

Hilfe bei Suizidgedanken

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Alternativ gibt es Hilfe-Chats und E-Mail-Beratung über die Website der Telefonseelsorge. Alle Angebote sind vertraulich und hinterlassen keine Spuren auf Telefonrechnungen oder in E-Mail-Postfächern.

Business Punk Check

Wolfgang Grupps Auftritt durchbricht ein Tabu, das in der deutschen Wirtschaft noch immer gilt: Schwäche zeigen. Jahrzehntelang verkörperte er den patriarchalischen Unternehmer alter Schule – Made in Germany, keine Kompromisse, eiserne Kontrolle. Jetzt steht er auf einer Bühne und spricht über Altersdepressionen, Suizidgedanken und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Das ist radikal ehrlich in einer Branche, die Verletzlichkeit als Schwäche auslegt. Doch was bedeutet das für die Wirtschaft?

Grupps Fall zeigt, dass auch erfolgreiche Unternehmer nach der Übergabe in ein Vakuum fallen können. Die Identität, die jahrzehntelang an die Firma gekoppelt war, verschwindet – und damit oft der Lebenssinn. Familienunternehmen sollten aufmerksam werden: Nachfolgeplanung ist nicht nur eine Frage von Steuern und Strukturen, sondern auch von psychologischer Begleitung. Wer Gründer oder langjährige Chefs in den Ruhestand schickt, muss ihnen eine neue Rolle geben – oder riskiert genau solche Krisen. Grupps Offenheit könnte anderen Unternehmern helfen, rechtzeitig Hilfe zu suchen.

Häufig gestellte Fragen

Warum hat Wolfgang Grupp seinen Jagdschein abgegeben?

Nach seinem Suizidversuch im Juli 2024 gab Grupp seinen Jagdschein ab und setzte neue Prioritäten. Dieser Schritt symbolisiert einen bewussten Bruch mit seiner bisherigen Identität als Unternehmer und Jäger. Die Waffe, die Teil seines Selbstbildes war, gehört nun der Vergangenheit an – ein Zeichen für einen Neuanfang nach der Krise.

Welche Lehren können Familienunternehmen aus Grupps Fall ziehen?

Grupps Krise zeigt, dass Nachfolgeplanung mehr ist als Steuern und Strukturen. Gründer und langjährige Chefs brauchen nach der Übergabe eine neue Rolle, sonst droht ein Identitätsverlust. Familienunternehmen sollten psychologische Begleitung in den Übergabeprozess integrieren, um solche Krisen zu vermeiden. Die Frage „Werde ich noch gebraucht?“ muss proaktiv beantwortet werden.

Wie geht es Wolfgang Grupp heute gesundheitlich?

Grupp räumt ein, dass er noch Beschwerden habe und nicht mehr hundertprozentig höre. Die vollständige Genesung werde länger dauern. Dennoch zeigt sein öffentlicher Auftritt in Tübingen, dass er den Weg zurück ins Leben gefunden hat. Seine Offenheit über Altersdepressionen könnte anderen Betroffenen Mut machen, rechtzeitig Hilfe zu suchen.

Wer führt Trigema nach Wolfgang Grupps Rückzug?

Wolfgang Grupp Junior (34) und seine Schwester Bonita (36) führen das Familienunternehmen gemeinsam. Bonita verantwortet Onlinehandel, Marketing und Personal, Wolfgang Junior kümmert sich um Geschäftskunden, IT-Projekte, Produktion und Finanzen. Die Übergabe erfolgte laut Grupp aus Steuergründen, doch die Krise des Vaters zeigt, dass auch emotionale Faktoren eine Rolle spielen.

Quellen: Bunte, FAZ, Morgenpost

Das könnte dich auch interessieren