Business & Beyond IOC verbietet Gedenk-Helm – Ukrainer trägt ihn trotzdem

IOC verbietet Gedenk-Helm – Ukrainer trägt ihn trotzdem

Das IOC verbietet einem ukrainischen Skeleton-Fahrer seinen Helm mit Bildern getöteter Sportler. Seine Antwort: Klare Verweigerung. Ein Konflikt über Regel 50 der Olympischen Charta eskaliert in Cortina.

Vladyslav Heraskevych fährt seinen Helm trotzdem. Der 27-jährige Skeleton-Pilot aus der Ukraine ignoriert das Verbot des Internationalen Olympischen Komitees und tritt bei den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo mit seinem Gedenk-Helm an. Auf dem Kopfschutz: Porträts von sieben ukrainischen Athleten, die im Krieg gegen Russland getötet wurden. Das IOC beruft sich auf Regel 50 der Olympischen Charta, die politische Statements verbietet. Heraskevych kontert mit einer simplen Botschaft: Erinnerung sei kein Regelverstoß.

Schwarzes Armband statt Helm – ein Kompromiss, den keiner will

Das IOC bietet Heraskevych einen Deal an: schwarzes Armband statt Helm. IOC-Sprecher Mark Adams erklärt laut Sportschau, man habe eine Ausnahme von den Richtlinien gemacht, damit der Athlet seine Trauer ausdrücken könne. Heraskevych lehnt ab.

Der Helm zeige Gewichtheberin Alina Perehudova, Boxer Pavlo Ischenko, Eishockeyspieler Oleksiy Loginov, Schauspieler Ivan Kononenko, Wasserspringer Mykyta Kozubenko, Schütze Oleksiy Habarov und Tänzerin Daria Kurdel – allesamt Opfer russischer Angriffe. Einige waren Medaillengewinner bei Olympischen Jugendspielen, gehörten also zur olympischen Familie. Für Heraskevych keine politische Botschaft, sondern eine Ehrung gefallener Kollegen.

Doppelstandards? US-Eiskunstläufer darf Elternfoto zeigen

Heraskevych wirft dem IOC Heuchelei vor. Der US-Eiskunstläufer Maxim Naumov durfte ein Foto seiner verstorbenen Eltern präsentieren – ohne Konsequenzen. Warum gelten für ukrainische Athleten andere Regeln? Das IOC argumentiert, das Regelwerk habe sich seit 2008 weiterentwickelt.

Damals hielt der deutsche Gewichtheber Matthias Steiner nach seinem Olympiasieg in Peking ein Foto seiner bei einem Unfall getöteten Frau hoch – ebenfalls ohne Sanktion. Heraskevych sieht darin einen klaren Widerspruch. Auch die ukrainische Rodlerin Olena Smaha protestiert: Im Zieleinlauf zeigt sie einen Handschuh mit der Aufschrift „Remembrance is not a Violation!“ – und riskiert damit eine IOC-Strafe.

Präsident Selenskyj schaltet sich ein

Wolodymyr Selenskyj stellt sich hinter seinen Athleten. Der ukrainische Präsident schreibt auf Telegram, Heraskevych erinnere die Welt an den Preis des ukrainischen Widerstands. Diese Wahrheit könne nicht unbequem oder unangebracht sein. Die Ukraine halte sich an den olympischen Geist – Russland nicht.

Das ukrainische Olympische Komitee reicht offiziell einen Antrag ein, damit Heraskevych seinen „Helm der Erinnerung“ tragen darf. Die Begründung: Der Helm erfülle alle Sicherheitsstandards, enthalte keine Werbung, keine politischen Slogans, keine diskriminierenden Elemente. Bei den Trainingseinheiten sei er bereits genehmigt worden.

13 russische und 7 belarussische Athleten starten als „neutrale“ Teilnehmer

Parallel dazu hat das IOC 13 russischen und 7 belarussischen Athleten die Teilnahme als „Individual Neutral Athletes“ genehmigt. Für Heraskevych eine weitere Provokation. Während Russland trotz Angriffskrieg unter neutraler Flagge starten darf, wird ihm das Gedenken an getötete Kollegen verboten.

Der Skeleton-Fahrer kündigte bereits vor den Spielen an, die Olympischen Winterspiele als Plattform zu nutzen, um die Welt an den Krieg in der Ukraine zu erinnern. Schon bei den Spielen 2022 in Peking hielt er ein „No War in Ukraine“-Banner hoch – kurz vor Beginn der russischen Invasion.

Business Punk Check

Das IOC versteckt sich hinter Regel 50 – und offenbart damit seine eigene Doppelmoral. Während US-Athleten Familienfotos zeigen dürfen und russische Sportler unter neutraler Flagge antreten, wird einem Ukrainer das Gedenken an getötete Kollegen untersagt. Die Begründung: politische Neutralität. Doch wer russische und belarussische Athleten zulässt, während deren Länder einen Angriffskrieg führen, hat seine Neutralität längst aufgegeben.

Heraskevychs Helm ist keine politische Propaganda – er zeigt Gesichter von Menschen, die zur olympischen Familie gehörten. Das IOC könnte hier Haltung zeigen, entscheidet sich aber für bürokratische Ausflüchte. Die Konsequenz: Ein Athlet riskiert seine Teilnahme, weil er sich weigert, seine getöteten Freunde zu vergessen. Das ist kein Kompromiss – das ist ein Armutszeugnis für eine Organisation, die Frieden und Völkerverständigung predigt, aber im Ernstfall einknickt.

Häufig gestellte Fragen

Was besagt Regel 50 der Olympischen Charta genau?

Regel 50 verbietet jegliche politische, religiöse oder rassistische Propaganda in olympischen Stätten und Wettkampfbereichen. Das IOC argumentiert, dass Athleten sich ohne äußere Einflüsse auf ihre Leistung konzentrieren sollen. In der Praxis wird die Regel jedoch unterschiedlich ausgelegt – wie der Fall Heraskevych zeigt, während US-Athleten Familienfotos präsentieren dürfen.

Welche Konsequenzen drohen Heraskevych, wenn er den Helm trotzdem trägt?

Das IOC prüft Regelverstöße individuell und kann Sanktionen verhängen – von Verwarnungen bis zur Disqualifikation. Heraskevych zeigt sich davon unbeeindruckt und betont, er habe keine Regeln verletzt. Das ukrainische Olympische Komitee unterstützt ihn offiziell und hat einen formellen Antrag eingereicht. Eine Eskalation ist wahrscheinlich.

Warum dürfen russische Athleten trotz Angriffskrieg starten?

Das IOC lässt 13 russische und 7 belarussische Athleten als „Individual Neutral Athletes“ zu – ohne Flagge, ohne Hymne, angeblich ohne staatliche Verbindung. Kritiker sehen darin eine Farce, da diese Athleten weiterhin von ihren Verbänden unterstützt werden. Heraskevych wirft dem IOC vor, hier mit zweierlei Maß zu messen.

Gibt es Präzedenzfälle für Gedenk-Gesten bei Olympia?

Ja. Der deutsche Gewichtheber Matthias Steiner hielt 2008 nach seinem Olympiasieg ein Foto seiner verstorbenen Frau hoch – ohne Sanktion. Auch US-Eiskunstläufer Maxim Naumov zeigte bei den aktuellen Spielen ein Foto seiner verstorbenen Eltern. Das IOC argumentiert, das Regelwerk habe sich seitdem verschärft – eine Begründung, die viele als vorgeschoben betrachten.

Was bedeutet dieser Konflikt für die Zukunft politischer Statements im Sport?

Der Fall Heraskevych zeigt, dass die Grenze zwischen Gedenken und politischem Statement willkürlich gezogen wird. Athleten nutzen zunehmend ihre Reichweite für gesellschaftliche Themen – vom Klimaschutz bis zu Menschenrechten. Das IOC steht vor der Wahl: Entweder es modernisiert seine Regeln und erlaubt authentische Ausdrucksformen, oder es riskiert weitere Konflikte mit einer Generation von Sportlern, die sich nicht mehr mundtot machen lässt.

Quellen: CNN, Fr, Sportschau

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