Business & Beyond Ist die Kirche jetzt ein Swingerclub?

Ist die Kirche jetzt ein Swingerclub?

Eine Berliner Pfarrerin segnete bei einem Pop-up-Festival die Beziehung von vier Männern – und löste damit einen digitalen Shitstorm aus. Die Kirche distanziert sich vom Hochzeits-Begriff, stellt sich aber gegen die Hasskommentare.

In Deutschland ist Polygamie verboten – zivilrechtlich können Ehen nur zwischen zwei Personen geschlossen werden. Trotzdem sorgt aktuell ein Fall für Aufsehen: Die Berliner Pfarrerin Lena Müller segnete im Sommer die Beziehung von vier Männern bei einem innovativen „Pop-up-Hochzeitsfestival“ in Berlin-Kreuzberg. Was als progressive Segenshandlung gedacht war, entwickelte sich schnell zu einem Paradebeispiel für digitale Empörungskultur und kirchliche Krisenkommunikation.

Die Segnung, die keine Hochzeit war

Das Konzept hinter dem Festival war unkonventionell: Menschen konnten ohne Voranmeldung zur Heilig-Kreuz-Kirche kommen und sich segnen lassen. Unter den Besuchern befand sich auch ein Quartett aus vier Männern unterschiedlicher Nationalitäten. „Man konnte sofort sehen, dass da ganz viel Liebe zwischen ihnen war“, erklärte Müller laut „Bild“.

Das Team habe sich schnell einig gewesen: „Was sollte Gott dagegen haben, dass es nun eben vier sind und nicht zwei?“ Die 33-jährige Landesjugendpfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) beschreibt sich selbst als „Feministin & Pfarrerin“ und nennt Inklusion, intersektionalen Feminismus und Queerfreundlichkeit als ihre Schwerpunkte. Für sie war die Entscheidung konsequent: Wenn Menschen selbstbestimmt und einvernehmlich handeln, sei es nicht ihre Aufgabe als Pfarrerin, in deren Privatleben einzugreifen.

Kirchliche Distanzierung und rechtliche Grenzen

Die evangelische Kirche reagierte prompt mit einer klaren Abgrenzung. „Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz traut nur Paare, die standesamtlich verheiratet wurden“, stellte Bischof Christian Stäblein laut „rbb24″ klar. „Vorwürfe von Polygamie in diesem Kontext sind gegenstands- und haltlos.“ Die Landeskirche distanzierte sich offiziell von „als Trauungen dargestellten Segenshandlungen, die mehr als zwei Personen durch Liebe verbinden sollen“, wie „rbb24“ berichtet.

Pröpstin Christina-Maria Bammel betonte: „Evangelische Trauungen segnen die Ehe zweier liebender Menschen“. Müller selbst hatte nie behauptet, eine rechtsgültige Trauung durchgeführt zu haben. Sie erklärte laut „Bild“: „Wir konnten die Hochzeit nicht ins Kirchenbuch eintragen, weil dazu vorher eine standesamtliche Trauung stattgefunden haben muss, und die wäre in dieser Konstellation ja nicht möglich“. Dennoch sei sie überzeugt, dass die vier Männer „vor Gott wirklich geheiratet haben“.

Digitaler Hass und kirchlicher Schutz

Nach der medialen Berichterstattung entlud sich in sozialen Netzwerken eine Welle der Empörung gegen die Pfarrerin. Kommentare wie „absolut krank“, „eine Schande“ oder „man erkennt diese Irren sehr leicht“ häuften sich, wie „Bild“ dokumentiert. Zahlreiche User forderten Müllers Entlassung aus dem Kirchendienst.

Die EKBO stellte sich schützend vor ihre Pfarrerin: „Wir sind entsetzt über den Hass, der ihr entgegenschlägt. Wir stehen an ihrer Seite und verurteilen diese Angriffe aufs Schärfste“, teilte die Kirchenleitung mit. Der Fall zeigt exemplarisch, wie kirchliche Innovationsversuche im Spannungsfeld zwischen traditionellen Werten und gesellschaftlichem Wandel stehen.

Business Punk Check

Der Fall offenbart die Disruption traditioneller Institutionen durch gesellschaftlichen Wandel. Während Tech-Unternehmen längst agile Methoden wie Pop-up-Konzepte nutzen, experimentieren nun auch konservative Organisationen mit innovativen Formaten. Die Kirche steht dabei vor einem klassischen Innovationsdilemma: Zu viel Veränderung gefährdet die Kernidentität, zu wenig macht sie irrelevant.

Besonders interessant: Die digitale Empörungsdynamik folgt denselben Mustern wie bei Unternehmens-Shitstorms – von der schnellen Eskalation bis zur Krisenkommunikation. Für Organisationen jeder Art gilt: Wer mit progressiven Konzepten experimentiert, muss robuste Kommunikationsstrategien entwickeln, die sowohl die Innovation schützen als auch die Kernwerte vermitteln.

Häufig gestellte Fragen

  • Wie können traditionelle Institutionen innovativ sein, ohne ihre Kernidentität zu verlieren?
    Erfolgreiche Transformation balanciert zwischen behutsamer Evolution und mutigen Experimenten. Entscheidend ist, Innovationen als klar gekennzeichnete „Labs“ oder „Pilotprojekte“ zu rahmen und gleichzeitig die Kernwerte transparent zu kommunizieren. So bleiben Experimente möglich, ohne die Gesamtorganisation zu gefährden.
  • Wie sollten Organisationen auf digitale Shitstorms reagieren?
    Schnelle, transparente Kommunikation ist entscheidend. Statt defensiver Rechtfertigung empfiehlt sich eine dreistufige Strategie: 1) Fakten klarstellen, 2) betroffene Personen schützen, 3) den eigenen Standpunkt selbstbewusst vertreten. Wichtig: Nicht auf jede Provokation reagieren, sondern die Kommunikationshoheit behalten.
  • Welche Lehren können Unternehmen aus kirchlichen Transformationsprozessen ziehen?
    Kirchen navigieren seit Jahrhunderten zwischen Tradition und Erneuerung – oft mit erstaunlicher Resilienz. Unternehmen können davon lernen, dass nachhaltige Transformation Zeit braucht und klare Wertekommunikation erfordert. Besonders wertvoll: Die Fähigkeit, lokale Experimente zuzulassen, ohne die gesamte Organisation zu gefährden.
  • Wie können digitale Tools helfen, progressive Konzepte zu schützen?
    Proaktives digitales Reputationsmanagement ist unverzichtbar. Organisationen sollten eigene Communities aufbauen, die bei Angriffen als Unterstützer aktiviert werden können. Gleichzeitig helfen Monitoring-Tools, frühzeitig Eskalationen zu erkennen und gegenzusteuern, bevor sich Narrative verselbstständigen.

Quellen: „Bild“, „Focus“, „rbb24“

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