Business & Beyond Özdemirs riskante Wette: Kann er auf Boris Palmer setzen, um zu gewinnen?

Özdemirs riskante Wette: Kann er auf Boris Palmer setzen, um zu gewinnen?

2024 begann sich der Ton zu verändern. Özdemir erklärte, man solle Menschen selten für immer abschreiben. Palmer habe Brücken eingerissen, aber es müsse Wege zurückgeben unter bestimmten Bedingungen. Aus klarer Abgrenzung wurde vorsichtige Öffnung. Auffällig ist der Zeitpunkt. Parallel begannen die Umfragen in Baden-Württemberg für die Grünen schwieriger zu werden. Der Vorsprung schmolz, die politische Lage wurde enger.

Anfang 2026 folgt jetzt der nächste Schritt. Özdemir bezeichnet Palmer öffentlich als „sehr, sehr wichtigen Ratgeber“. Personalfragen wollte er vor der Wahl nicht klären, doch er stellt Nähe zu dem Missverstandenen her. Palmer, der zuvor als Risiko galt, wird wird für Özdemir zum Faktor. Nicht, weil sich Palmer erkennbar verändert hätte, sondern weil sich die Mehrheitsverhältnisse verändert haben.

Wer braucht hier wen?

Der Hintergrund für Özdemirs Drehungen und Wendungen liegt im seit Jahren schwierigen Verhältnis Palmers zu den Grünen. Palmer war einer der erfolgreichsten Kommunalpolitiker der Partei, zugleich ihr größter innerer Widersacher. Seine migrations- und ordnungspolitischen Positionen, seine Sprache, seine Provokationen passten immer weniger zum Selbstbild der Grünen. 2023 trennte sich Palmer faktisch von der Partei – und kam damit einem Ausschluss möglicherweise zuvor. Er blieb aber politisch ein Ausnahmetalent und erreicht genau jene bürgerlich-pragmatischen Wähler, die den Grünen inzwischen fehlen.

Die aktuellen Umfragen erklären die neue Dynamik. Die Grünen liegen in Baden-Württemberg bei nur noch 20 Prozent, während die CDU derzeit auf 29 Prozent kommt. Cem Özdemir braucht Stimmen außerhalb des grünen Kernmilieus, wenn er Ministerpräsident werden will. Boris Palmer ist einer der wenigen Politiker im Land, die in diesem Lager Glaubwürdigkeit besitzen.

Palmer selbst ist übrigens anders als der Wahlkämpfer konstant bleibt. Er äußert sich respektvoll über Özdemir, spricht von Freundschaft, traut ihm das Amt ausdrücklich zu. Öffentliche Kritik an Özdemir war von ihm bislang nicht zu hören. Das Signal aus dieser ungleichen politischen Kameradschaft lautet damit so: Nicht der Tübinger Oberbürgermeister braucht den möglichen Ministerpräsidenten in spe, sondern es ist Özdemir, der Palmer braucht, wenn er gewinnen will.

Seite 2 / 2
Vorherige Seite Zur Startseite

Das könnte dich auch interessieren