Business & Beyond Pleite-Tsunami: Deutschland erlebt Insolvenz-Höchststand seit 20 Jahren

Pleite-Tsunami: Deutschland erlebt Insolvenz-Höchststand seit 20 Jahren

Die deutsche Wirtschaft fiebert: 17.604 Firmeninsolvenzen in 2025 markieren den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Besonders Industrie und Mittelstand kämpfen ums Überleben – ein strukturelles Problem ohne schnelle Lösung.

Deutschland erlebt eine Pleitewelle historischen Ausmaßes. Mit 17.604 Insolvenzen wurde 2025 der höchste Stand seit 20 Jahren erreicht, wie das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) dokumentiert. Täglich verschwanden durchschnittlich 48 Unternehmen von der Wirtschaftslandkarte – mehr als selbst während der Finanzkrise 2009. Hinter jeder dieser Zahlen stehen Existenzen, verlorene Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftseinbrüche.

Branchenübergreifender Absturz

„Der Anstieg war breit, da wurde niemand verschont“, erklärt Professor Dr. Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, laut „Bild“. Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage im Dezember mit 1519 Insolvenzanträgen – 75 Prozent mehr als in Vor-Corona-Zeiten. Hotel- und Gastgewerbe, Baubranche sowie Immobiliensektor traf es besonders hart. Der Zinsanstieg Ende 2022 machte vielen Unternehmen einen Strich durch die Rechnung.

Auch traditionelle Betriebe mit jahrzehntelanger Geschichte mussten aufgeben. In Schleswig-Holstein stellte eine 120 Jahre alte Papierfabrik die Produktion ein, wie „Welt“ berichtet. In Baden-Württemberg schloss ein ehemaliger Weltmarktführer im Maschinenbau seine Tore für immer. Selbst etablierte Bäckereiketten wie Leifert aus Niedersachsen mit 220 Mitarbeitern und Hansen Mürwik aus Schleswig-Holstein mit 145 Beschäftigten meldeten Insolvenz an.

Großunternehmen besonders gefährdet

Alarmierend ist der massive Anstieg bei Großinsolvenzen. Laut einer Analyse der Unternehmensberatung Falkensteg, über die das „Handelsblatt“ berichtet, meldeten 471 Unternehmen mit einem Jahresumsatz über zehn Millionen Euro Insolvenz an – ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit dem Post-Corona-Tiefpunkt 2021 hat sich die Zahl der Großinsolvenzen nahezu verdreifacht. Besonders betroffen: die verarbeitende Industrie.

Metallwarenhersteller führten mit 65 Fällen erstmals das Negativ-Ranking an, gefolgt von Autozulieferern mit 59 Fällen. Den stärksten Zuwachs verzeichneten Elektrotechnikunternehmen mit einem Plus von fast 77 Prozent auf 53 Fälle. Bei Nahrungs- und Konsumgüterherstellern stiegen die Insolvenzen um etwa 30 Prozent, während sie im Einzelhandel um rund 10 Prozent zurückgingen.

Von der Konjunkturdelle zum Strukturkollaps

„Die deutsche Wirtschaft ringt nicht mehr nur mit Kopfschmerzen – sie hat Fieber bekommen“, bilanziert Jonas Eckhardt, Wirtschaftsexperte der Transformationsberatung Falkensteg, gegenüber „Bild“. Für viele Mittelständler sei die aktuelle Lage keine vorübergehende Konjunkturdelle mehr, sondern eine existenzielle Bedrohung. „Der zyklische Abschwung entwickelt sich zum strukturellen Kollaps“, warnt Eckhardt laut „Handelsblatt“.

Die Ursachen sind vielschichtig: Strukturkrisen in Schlüsselbranchen wie Auto- und Maschinenbau, anhaltende Konsumzurückhaltung und geopolitische Unsicherheiten überlagern sich. Gleichzeitig steigt der Kostendruck durch höhere Energie-, Rohstoff- und Personalkosten, während die Konkurrenz durch Billigprodukte aus Fernost zunimmt. Staatliche Infrastrukturprogramme zeigen bislang kaum Wirkung.

Business Punk Check

Die Pleitewelle ist mehr als eine statistische Anomalie – sie ist Symptom einer tiefgreifenden Transformation der deutschen Wirtschaft. Der Standort Deutschland verliert seine Wettbewerbsfähigkeit nicht plötzlich, sondern schleichend durch ein toxisches Gemisch aus Überregulierung, Innovationsstau und globalen Machtverschiebungen. Besonders bitter: Während politische Entscheider von „Zeitenwende“ sprechen, fehlt ein kohärentes Konzept zur Revitalisierung des Wirtschaftsstandorts.

Die Wahrheit ist unbequem: Deutschland braucht keinen weiteren Subventions-Flickenteppich, sondern fundamentale Strukturreformen – von Bürokratieabbau über Energiekosten bis zur Digitalisierung. Für Unternehmer heißt das: Wer auf politische Lösungen wartet, wird Teil der Statistik. Überlebensfähig sind nur Geschäftsmodelle, die radikale Effizienz mit konsequenter Digitalisierung und globaler Perspektive verbinden.

Häufig gestellte Fragen

  • Welche Branchen sind besonders von der Insolvenzwelle betroffen?
    Die verarbeitende Industrie steht im Zentrum der Krise. Metallwarenhersteller führen mit 65 Fällen das Negativ-Ranking an, gefolgt von Autozulieferern (59 Fälle) und Elektrotechnikunternehmen mit dem stärksten Zuwachs von 77 Prozent. Auch das Hotel- und Gastgewerbe sowie die Baubranche kämpfen massiv.
  • Was können mittelständische Unternehmen jetzt konkret tun, um nicht Teil der Statistik zu werden?
    Mittelständler sollten ihre Geschäftsmodelle radikal auf Effizienz trimmen, Digitalisierungspotenziale konsequent ausschöpfen und ihre Abhängigkeit von einzelnen Märkten reduzieren. Wichtig ist auch, Finanzierungsstrukturen zu diversifizieren und frühzeitig Restrukturierungsoptionen zu prüfen – wer erst handelt, wenn die Liquidität knapp wird, hat meist schon verloren.
  • Wie wird sich die Insolvenzwelle 2026 entwickeln?
    Experten erwarten keine Trendwende. Die Unternehmensberatung Falkensteg prognostiziert für 2026 einen weiteren Anstieg der Großinsolvenzen um 10 bis 20 Prozent auf rund 530 Fälle. Besonders die verarbeitende Industrie dürfte unter Druck bleiben, während der für Februar erwartete neue Fünfjahresplan Chinas den Wettbewerbsdruck auf deutsche Schlüsselbranchen weiter erhöhen könnte.
  • Welche strukturellen Probleme verhindern eine schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft?
    Die Kombination aus schleichendem Wettbewerbsverlust, Fachkräftemangel, überbordender Bürokratie und stockenden Investitionen bremst die Erholung. Hinzu kommen hohe Energiekosten, geopolitische Unsicherheiten und die zunehmende technologische Eigenständigkeit wichtiger Handelspartner wie China, die traditionelle deutsche Exportstärken herausfordern.

Quellen: „Bild“, „Welt“, „Handelsblatt“

Das könnte dich auch interessieren