Business & Beyond Putins Machtpoker: Lawrow in Ungnade oder strategisches Kalkül?

Putins Machtpoker: Lawrow in Ungnade oder strategisches Kalkül?

Sergej Lawrow ist seit zwei Wochen von der Bildfläche verschwunden. Hinter den Kulissen des Kremls brodelt es – geht es um ein geplatztes Trump-Treffen oder um tiefere geopolitische Machtspiele?

Die Gerüchteküche in Moskau kocht auf Hochtouren. Seit zwei Wochen fehlt von Russlands Außenminister Sergej Lawrow jede Spur in der Öffentlichkeit. Besonders auffällig: Bei der strategisch wichtigen Sitzung des russischen Sicherheitsrats am 5. November glänzte der 75-jährige Diplomat durch Abwesenheit – ausgerechnet als Putin die mögliche Wiederaufnahme russischer Atomtests thematisierte. Ein Kernthema der Außenpolitik, bei dem Lawrow als ständiges Mitglied des Rates eigentlich unverzichtbar erscheint.

Machtspiele im Kreml

Die Spekulationen über einen möglichen Statusverlust des langjährigen Chefunterhändlers verdichten sich. Laut „Welt“ fehlt Lawrow nicht nur bei wichtigen Sicherheitssitzungen, sondern wurde auch als Delegationsleiter für den kommenden G20-Gipfel abgelöst. Statt des erfahrenen Diplomaten schickt Putin seinen deutlich jüngeren Vizechef der Präsidialadministration, Maxim Oreschkin, nach Südafrika.

Hinter den Kulissen soll vor allem ein geplatztes Gipfeltreffen zwischen Putin und Trump für Verstimmung gesorgt haben. Wie „fr.de“ berichtet, könnte ein Telefonat zwischen Lawrow und seinem US-Amtskollegen Marco Rubio maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Trump das für Budapest geplante Treffen absagte. Auch ein vom russischen Außenministerium vorgelegtes Memorandum mit kaum verhandelbaren Maximalforderungen soll die amerikanische Seite vergrault haben.

Kreml-Dementi und offene Fragen

Der Kreml weist alle Spekulationen entschieden zurück. „Die Berichte haben nichts mit der Wirklichkeit gemein“, beteuerte Putin-Sprecher Dmitri Peskow laut „fr.de“. Seine kryptische Antwort auf die Frage nach Lawrows Zukunft – „Zweifellos arbeitet Lawrow als Außenminister. Natürlich“ – lässt jedoch Raum für Interpretationen.

Aus Kreisen der russischen Regierung wurde behauptet, Lawrows Abwesenheit bei der Sicherheitsratssitzung sei „im Voraus vereinbart“ gewesen. Eine Erklärung, die angesichts der Bedeutung des Themas und Lawrows Position wenig überzeugend wirkt.

Geopolitisches Schachspiel mit Trump

Die Causa Lawrow offenbart tiefere Risse in der russischen Außenpolitik. Nach dem aus russischer Sicht zunächst vielversprechenden Gipfeltreffen in Alaska entwickelt sich der Dialog mit der Trump-Administration anders als erhofft. Auf die Absage des Budapest-Treffens folgten neue US-Sanktionen gegen die russischen Ölkonzerne Rosneft und Lukoil – die ersten in Trumps zweiter Amtszeit.

Besonders brisant: Während Lawrows Vize Sergei Rjabkow erklärte, der Impuls des Alaska-Treffens für Ukraine-Verhandlungen habe sich erschöpft, widersprach Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow öffentlich. Man arbeite weiterhin auf Grundlage der Alaska-Vereinbarungen mit den Amerikanern, so die offizielle Kreml-Linie.

Parallele Verhandlungskanäle

Gleichzeitig setzt Putin auf alternative Kanäle. Wie „Welt“ dokumentiert, hat der Kremlchef Kirill Dmitrijew, den Chef des russischen Fonds für Direktinvestitionen, mit verschiedenen Business-Ideen auf Trumps Umgebung angesetzt und gewährt ihm dabei ungewöhnlich viele Freiheiten – sehr zum Missfallen Lawrows.

Die russische Führungsriege verfolgt dabei eine auffällige Strategie: Während Putin und sein Umfeld Trump mit Schmeicheleien überhäufen und dessen „pragmatische Politik“ loben, üben sie gleichzeitig scharfe Kritik an seinen Vorgängern, insbesondere Joe Biden. Eine Taktik, die bislang jedoch nicht die erhofften Ergebnisse liefert.

Business Punk Check

Der Lawrow-Fall zeigt exemplarisch, wie Geopolitik und Business im Putin-System verschmelzen. Die Ablösung des altgedienten Diplomaten durch jüngere, wirtschaftsorientierte Akteure wie Oreschkin und Dmitrijew signalisiert einen strategischen Shift: Weg von klassischer Diplomatie, hin zu Business-Deals als außenpolitisches Instrument. Putin erkennt, dass Trump in Geschäftskategorien denkt – und passt sein Team entsprechend an.

Für westliche Unternehmen bedeutet dies: Die Trennung zwischen Politik und Wirtschaft wird in den russisch-amerikanischen Beziehungen weiter verschwimmen. Wer künftig in Russland Geschäfte machen will, muss verstehen, dass jeder Deal automatisch politische Dimension hat. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Lawrow in Ungnade gefallen ist, sondern ob sein diplomatischer Ansatz in der neuen Ära der transaktionalen Außenpolitik überhaupt noch funktionieren kann.

Häufig gestellte Fragen

  • Welche Auswirkungen hat der mögliche Machtverlust Lawrows auf deutsche Unternehmen mit Russland-Geschäft?
    Unternehmen müssen sich auf eine stärkere Verschmelzung von Politik und Wirtschaft einstellen. Mit dem Aufstieg wirtschaftsorientierter Akteure wie Dmitrijew könnten Geschäftsbeziehungen zwar einfacher werden, sind aber noch stärker politisch aufgeladen. Entscheidend wird sein, ob die eigenen Projekte in die geopolitische Strategie des Kremls passen.
  • Wie sollten sich europäische Mittelständler auf die neue russische Verhandlungsstrategie vorbereiten?
    Mittelständische Unternehmen sollten ihre Russland-Strategie überdenken und direkte Kanäle zu wirtschaftsorientierten Akteuren wie dem russischen Fonds für Direktinvestitionen aufbauen. Gleichzeitig ist erhöhte Vorsicht geboten: Jede Geschäftsbeziehung kann schnell zum politischen Spielball werden.
  • Welche Branchen könnten von der Neuausrichtung der russischen Außenpolitik profitieren?
    Technologieunternehmen, die nicht unter Sanktionen fallen, könnten neue Chancen bekommen. Auch die Energie- und Rohstoffbranche bleibt trotz der jüngsten Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil interessant – gerade weil sie für Russland strategisch so wichtig ist und Trump hier Deals anstrebt.
  • Wie wirkt sich der Konflikt zwischen klassischer Diplomatie und Business-Diplomatie auf internationale Verhandlungen aus?
    Verhandlungen werden unberechenbarer und stärker personalisiert. Die klassischen diplomatischen Regeln verlieren an Bedeutung, während persönliche Beziehungen und konkrete Geschäftsinteressen in den Vordergrund rücken. Unternehmen und Staaten müssen beide Ebenen gleichzeitig bespielen können.

Quellen: „Welt“, „fr.de“, „fr.de“

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