Business & Beyond Stuttgart 21, Köln, Deutschland: Willkommen im Wartesaal mit Oberleitung

Stuttgart 21, Köln, Deutschland: Willkommen im Wartesaal mit Oberleitung

Milliarden versenkt, Software gescheitert, Züge im Standby-Modus: Während Stuttgart 21 zur Dauerbaustelle wird und Köln im Digital-Blackout versinkt, sitze ich im ICE und übe mich in unseren neuen National-Disziplinen: warten, schweigen, funktionieren.

Ich sitze im Zug nach Köln, als die Pushmeldung auf dem Handy aufploppt: Stuttgart 21 geht nicht 2026 in Betrieb. Natürlich nicht. Nur naive Träumer hielten die „21“ je für eine Jahreszahl. Wahrscheinlicher ist, dass sie für das Jahrhundert der Fertigstellung steht. Seit 2019 verschiebt sich der Start fast im Rhythmus eines deutschen Haushaltsplans: regelmäßig, ritualisiert, folgenlos.

Die Kosten? Eine schöne deutsche Tradition. Erst 4,5 Milliarden, jetzt 11,5 Milliarden. Das ist kein Kostenrahmen, das ist ein Fitnessprogramm für Steuerzahler. Und natürlich wird auch diese Zahl wieder gerissen. Man muss in Deutschland nur lang genug schlechte Nachrichten wiederholen, dann klingen sie irgendwann wie Normalität.

Stuttgart 21 ist kein Bauprojekt. Es ist ein Denkmal. Ein Denkmal für die Kunst, Großprojekte so lange zu optimieren, bis nichts mehr funktioniert. Der BER in Berlin war wenigstens ehrlich im Scheitern. Aber im Schwabenland? Dort, wo früher Ingenieure Schrauben abgezählt haben, bevor sie sie verbauten? Offenbar zählen sie heute eher PowerPoint-Folien.

Während ich darüber nachdenke, steht mein Zug. Einfach so. Irgendwo zwischen Köln und der Erkenntnis, dass Stillstand inzwischen zum Markenkern der Deutschen Bahn gehört. Ich warte auf die Durchsage nicht aus Hoffnung, sondern aus wissenschaftlichem Interesse. Die Bahn besitzt eine eigene Poesieabteilung. „Störungen im Betriebsablauf“ – das ist Zen-Buddhismus in drei Worten. Oder der Klassiker: „Verspätung eines vorausfahrenden Zuges“. Klingt, als hätte ein anderer Zug zuerst angefangen, das Chaos zu veranstalten, und alle anderen seien nur unschuldige Opfer.

Am ehrlichsten sind diese seltenen Momente, in denen der Schaffner sagt, der Lokführer habe seine Arbeitszeit überschritten und sei jetzt offiziell raus. Das ist der Moment, in dem man weiß: Der Kaffee wird kalt, der Tag wird lang und das Leben wird grundsätzlich in Regionalexpress-Einheiten gemessen.

Diesmal hat es nicht nur meinen Zug erwischt, sondern gleich den ganzen Kölner Hauptbahnhof. Totalsperre. Grund: geplantes Software-Update. Die Bahn wollte modern werden. Der Bahnhof blieb zu. Die Software kam nicht rein. Aber die Sperre blieb. Das ist deutsche Digitalisierung in ihrer reinsten Form: Plan wird durchgezogen, Realität wird ignoriert.

Hendrik Wüst fragte öffentlich, ob die Bahn sowas eigentlich zum ersten Mal mache. Eine berechtigte Frage. Wahrscheinlich saß er dabei in einem stehenden Zug. Alles andere wäre unrealistisch.

Ich habe neulich selbst ein Update gemacht. Danach ging gar nichts mehr. Ich holte unseren IT-Mann. Eine Stunde, zwei Flüche, drei Kaffees – es lief wieder. Ich wäre bereit, ihn zur Bahn zu schicken. Er arbeitet zuverlässig. Und er behauptet nicht, dass alles „weitgehend planmäßig“ läuft.

Im Zug breitet sich eine seltsame Gelassenheit aus. Niemand schreit, niemand dreht durch. Man sitzt da, schaut auf Beton, Schotter, Leitplanken und denkt über große deutsche Fragen nach: Wann ist es eigentlich schiefgegangen? Warum akzeptieren alle den Stillstand als Service-Level?

Heute fühlt sich dieses Land an wie ein Wartesaal mit Oberleitung. Strom ist da. Bewegung nicht.

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