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Trip auf Rezept

Warum Ärzte mit Pilzen und LSD psychische Krankheiten behandeln – und mit welchem Erfolg?

Im Juli 2025, mitten im Sommerloch, ereignete sich in Deutschland eine kleine medizinische Sensation mit potenziellen Folgen für tausende Patienten, Ärzte und Therapeuten bundesweit. Nein, nicht die Entdeckung eines neuen Wundermittels, sondern die reglementierte Freigabe eines altbekannten Wirkstoffs: Psilocybin.

Von Julius Zimmer

Ab jetzt dürfen in Deutschland zwei Kliniken in Ausnahmefällen psychisch schwer erkrankte Patienten mit Psilocybin behandeln – einer Substanz, die in Form von „Magic Mushrooms“ als psychedelische Partydroge bekannt ist, Halluzinationen auslöst und geistige Erregungszustände bewirkt. Wie passt das zusammen?

Neue Wege für alte Probleme

„Wenn man ein klassisches Psychedelikum wie Psilocybin, LSD oder DMT einnimmt, kommt es primär zu einer Aktivierung des Serotonin-Rezeptorsystems, das für dieses stark veränderte Bewusstsein hauptverantwortlich ist“, erklärt Dr. Andrea Jungaberle. „Dadurch kommen bestimmte Hirnareale miteinander in Kontakt, die sonst nicht miteinander sprechen. Diese erhöhte Konnektivität ermöglicht es, anders zu denken und zu erleben.“

Und genau das könnte Menschen mit schweren Depressionen helfen.

Dr. Andrea Jungaberle hat in Psychosomatik promoviert und sich später zur Verhaltenstherapeutin weitergebildet. Heute ist sie Chefärztin und Leiterin der OVID Clinic Berlin, einer von zwei Einrichtungen. Dank der neuen Härtefallregelung darf die OVID Clinic therapieresistente Menschen mit Psilocybin behandeln. Und das geht so: In mehreren Gesprächen wird zunächst geprüft, ob die betroffene Person für die Therapie überhaupt infrage kommt. Dabei geht es auch darum, Vertrauen aufzubauen: Was erwartet mich und worauf sollte ich achten?

Am Behandlungstag selbst nehmen die Patienten eine genau abgemessene Dosis Psilocybin ein – und keine wahllos auf dem Dancefloor in die Hand gedrückte Menge Pilze Marke Eigenanbau. Die nächsten Stunden verbringen sie dann unter ständiger Begleitung von Therapeuten und Ärzten, oft mit Augenbinde und Kopfhörern, um sich ganz auf die innere Erfahrung konzentrieren zu können.

„Drumherum gibt es außerdem noch ein psychotherapeutisches Rahmenprogramm mit intensiven Nachbesprechungen“, erklärt Felix Müller, Leiter der Forschungsgruppe für substanzgestützte Therapie an der Universität Basel. Im vergangenen Jahr beendete der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie, Neurologie und suchtmedizinische Grundversorgung dort eine Studie zum Nutzen von LSD bei Patienten mit mittelgradiger bis schwerer Depression. Und siehe da: Wie in zahlreichen ähnlichen internationalen Studien mit Psychedelika zeigte sich auch hier, dass die Therapie anschlägt.

Böse Droge, gutes Medikament?

Doch birgt dieser Rausch auf Rezept auch Risiken und Nebenwirkungen? Was ist mit den berüchtigten Horrortrips, Psychosen, Panikattacken? Auf den zweifelhaften Ruf von psychedelischen Drogen angesprochen, rollt Jungaberle nur mit den Augen und seufzt.

„Psilocybin in der therapeutischen Nutzung ist kein Rauschmittel, sondern ein Medikament, das gerade den Zulassungsprozess als Arzneimittel durchläuft. Man kann eine Freizeitnutzung dieser Mittel, sei es LSD, Ketamin oder andere Substanzen, nicht mit einer medizinischen Anwendung vergleichen.“

Das sieht auch Bernd Werse, Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaftliche Suchtforschung von der Frankfurter Universität für Angewandte Wissenschaften, so: „Ideologisch motivierte Kampagnen – sei es gegen Cannabis oder Psychedelika – haben dafür gesorgt, dass diese Substanzen jahrzehntelang verschrien waren.“ Jetzt zeige sich jedoch, dass Menschen im Rahmen von gut kontrollierten Therapien davon profitieren können. Das hält der Leiter des Instituts für Suchtforschung (ISFF) für eine „sehr begrüßenswerte Sache“.

Aus dem K-Hole zurück ins Leben


Wie LSD und Psilocybin erfreut sich auch das Betäubungsmittel Ketamin bei Partygängern und Medizinern gleichermaßen großer Beliebtheit. Die einen, weil sich damit tranceartige Zustände erleben lassen, die anderen, weil es bei Narkosen als extrem sicher und wechselwirkungsarm gilt. Doch auch in der Psychotherapie hat es in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen.

Der Frankfurter Psychiater Dennis Bennett therapiert seit Jahren Patienten mit Ketamin – unter ganz ähnlichen Bedingungen wie bei Behandlungen mit LSD und Psilocybin. Die Resultate dieser „medikamentös induzierten Zwangsentspannung“, wie er sie nennt, erstaunen ihn immer wieder: „Die Patienten finden den Effekt anfangs oft befremdlich, beschreiben ihn dann aber als sehr positiv – endlich mal entspannen zu können.“

Bennett erklärt, dass schon kurze Phasen ohne belastende Gedanken für Menschen mit therapieresistenter Depression einen enorm positiven Effekt auf die Lebensqualität haben können – etwa 40 Minuten ohne Suizidgedanken, manchmal sogar länger. Er beobachtet immer wieder, dass Patienten dadurch ganz spontan und überraschend Besserung erfahren. Auch wenn ihn das als Arzt zunächst skeptisch stimmt, ist er überzeugt: „Die therapeutischen Potenziale von Ketamin, Psilocybin und LSD sind noch lange nicht ausgeschöpft!“

Eine Microdosis? Nein, danke!


Ein Heilsversprechen, das scheinbar nicht ganz das hält, was es verspricht, ist Microdosing. Es soll die Kreativität anregen und sogar leistungsfördernd sein, behaupten zumindest Wellness-Influencer und selbsternannte Silicon-Valley-Gurus. Ob die Wirkung allerdings über den Placeboeffekt hinausgeht, bezweifeln viele Ärzte. Die Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen, sagt OVID-Clinic-CEO Jungaberle. Aber: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Microdosing ein sehr potentes Placebo ist, ist sehr hoch. Denn wenn man mit einem speziellen Medikament die Rezeptoren des Opiatsystems blockiert, dann wirkt Microdosing häufig nicht mehr, weil man auf diese Weise den Placeboeffekt aushebelt.“

Und trotzdem: Das Phänomen zeigt, dass sich der Ruf dieser Substanzen in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Substanzgestützte Therapien – noch dazu mit Psychedelika – galten für Ärzte und Therapeuten früher als absoluter Karrierekiller. Heute werden die Debatten deutlich nüchterner geführt, was wohl auf die zahlreichen positiven Studienergebnisse, aber auch auf einen Innovationsstau bei den klassischen Psychopharmaka zurückzuführen ist.

Bleibt nur zu hoffen, dass hierzulande keine künftige Regierung auf die Idee kommt, daran etwas zu ändern.

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