Business & Beyond Von 17 auf 5 Prozent: Teslas Krankenstand-Wunder hat einen Haken und der heißt Lohnfortzahlung

Von 17 auf 5 Prozent: Teslas Krankenstand-Wunder hat einen Haken und der heißt Lohnfortzahlung

Von 17 auf unter fünf Prozent: Tesla feiert sinkenden Krankenstand in Grünheide. Doch die Methode ist fragwürdig – der Konzern streicht kranken Mitarbeitern die Lohnfortzahlung. Arbeitsrechtler warnen.

Werksleiter André Thierig verkündet auf der Hannover Messe stolz: Der Krankenstand in Teslas Gigafactory Grünheide liegt unter fünf Prozent. Noch im August 2024 waren es 17 Prozent: „Ich glaube, da würden viele Unternehmen neidisch drauf schauen, hätten sie das geschafft.“

Was nach Management-Erfolg klingt, entpuppt sich als arbeitsrechtliches Minenfeld. Denn parallel verschickt Tesla Briefe an länger erkrankte Beschäftigte – und stellt die Lohnfortzahlung ein. Mehrere Betriebsräte bestätigen das gegenüber dem Handelsblatt.

Fitnessstudio und Barbershop – oder Druck?

Tesla präsentiert sich als fürsorglicher Arbeitgeber. Mitarbeiter-Aktienprogramm, werkseigenes Fitnessstudio, Barbershop vor Ort. Beschäftigte können für 25 Euro täglich einen Tesla mieten. Thierig spricht von einem neuen Geist in der Fabrik. Die Belegschaft komme mittlerweile bereits in Arbeitskleidung zur Schicht.

Doch hinter der Wohlfühl-Fassade läuft ein knallhartes Programm. In Schreiben mit der Überschrift „Keine weitere Entgeltfortzahlung wegen möglicher Fortsetzungserkrankung“ bestreitet der Konzern, dass neue Erkrankungen vorliegen. Die Forderung: Mitarbeiter sollen ihre Ärzte von der Schweigepflicht entbinden und ihre komplette Krankengeschichte offenlegen.

Arbeitsrechtler: „Juristisch hoch umstritten“

Tesla beruft sich auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von Januar 2023. Demnach dürfen Arbeitgeber das Vorliegen einer Neuerkrankung anzweifeln. Gregor Thüsing, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Bonn, hält Teslas Interpretation jedoch für überzogen.

Kein Beschäftigter müsse von sich aus Diagnosen preisgeben, so Thüsing laut Handelsblatt. Auch Ärzte seien nicht verpflichtet, ihre Diagnosen mit dem Arbeitgeber zu diskutieren. Was Tesla fordere, sei juristisch höchst fragwürdig. Die IG Metall erstritt bereits 2024 rund 160.000 Euro für Beschäftigte zurück, denen Tesla den Lohn einbehalten hatte.

Expansion trotz schrumpfender Belegschaft

Parallel plant Thierig Wachstum. Bis Ende Juni sollen 1.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, die Produktion auf 6.000 Fahrzeuge pro Woche steigen. Paradox: Seit März 2024 schrumpfte die Belegschaft von 12.400 auf 10.700 Beschäftigte. Thierigs Erklärung: Automatisierung mache weniger Personal für dieselbe Fahrzeugmenge nötig. Den Druck benennt er offen – Tesla konkurriere mit chinesischen Elektrofahrzeugen und müsse an der Effizienzschraube drehen.

Business Punk Check

Tesla verkauft Barbershop und Fitnessstudio als Mitarbeiter-Wohlfühlprogramm – und streicht parallel kranken Beschäftigten den Lohn. Das ist keine moderne Unternehmenskultur, sondern Zuckerbrot und Peitsche im Silicon-Valley-Gewand. Die Zahlen entlarven die Strategie: Von 17 auf unter fünf Prozent Krankenstand in anderthalb Jahren – das schafft man nicht mit einem werkseigenen Gym. Das schafft man mit Druck. Die arbeitsrechtliche Grauzone, die Tesla hier ausreizt, ist brisant. Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts erlaubt Arbeitgebern, Neuerkrankungen anzuzweifeln. Tesla interpretiert das maximal aggressiv: vollständige Offenlegung der Krankengeschichte, Entbindung der Ärzte von der Schweigepflicht. Professor Thüsing nennt das „juristisch hoch umstritten“ – Klartext: Tesla überzieht.

Die IG Metall hat bereits 160.000 Euro erstritten. Weitere Klagen sind programmiert. Was hier passiert, ist ein Stresstest für deutsches Arbeitsrecht. Tesla prüft, wie weit US-Methoden in Deutschland durchsetzbar sind. Der Konzern setzt darauf, dass viele Beschäftigte aus Unwissenheit oder Angst nachgeben. Wer sich wehrt, gewinnt bisher vor Gericht. Aber wie viele trauen sich das? Die eigentliche Frage: Ist das die Zukunft der Arbeit in Deutschland – oder der Anfang vom Ende der Mitbestimmung? Unternehmen, die Teslas Methoden kopieren wollen, sollten ihre Rechtsabteilung vorher gründlich briefen. Und Mitarbeiter sollten wissen: Kein Barbershop der Welt ist es wert, auf Arbeitsrechte zu verzichten.

Häufig gestellte Fragen

Darf Tesla die Lohnfortzahlung bei Krankheit einstellen?

Nur unter engen Voraussetzungen. Tesla beruft sich auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das Arbeitgebern erlaubt, das Vorliegen einer Neuerkrankung anzuzweifeln. Arbeitsrechtler wie Professor Gregor Thüsing warnen jedoch: Was Tesla fordert – vollständige Offenlegung der Krankengeschichte und Entbindung der Ärzte von der Schweigepflicht – geht über die Rechtsprechung hinaus und ist juristisch umstritten.

Was können betroffene Mitarbeiter tun?

Betroffene sollten sich sofort an den Betriebsrat oder die IG Metall wenden. Die Gewerkschaft hat bereits 2024 erfolgreich 160.000 Euro für Beschäftigte erstritten, denen Tesla die Lohnfortzahlung verweigert hatte. Wichtig: Mitarbeiter müssen keine Diagnosen offenlegen und ihre Ärzte nicht von der Schweigepflicht entbinden.

Warum ist der Krankenstand bei Tesla so stark gesunken?

Tesla führt den Rückgang von 17 auf unter fünf Prozent auf verbesserte Arbeitsbedingungen zurück – Fitnessstudio, Barbershop, Mitarbeiter-Aktienprogramm. Doch die parallele Einstellung der Lohnfortzahlung bei länger Erkrankten legt nahe, dass auch Druck eine Rolle spielt. Ob Mitarbeiter tatsächlich gesünder sind oder sich aus Angst vor Lohnausfall krankmelden, bleibt offen.

Wie entwickelt sich die Beschäftigtenzahl in Grünheide?

Widersprüchlich. Seit März 2024 schrumpfte die Belegschaft von 12.400 auf 10.700 Mitarbeiter. Gleichzeitig plant Werksleiter Thierig bis Ende Juni 1.000 Neueinstellungen und will die Produktion auf 6.000 Fahrzeuge pro Woche steigern. Seine Begründung: Automatisierung ersetze Personal, während die Produktion wächst.

Welche Rolle spielt der Wettbewerb mit China?

Thierig benennt den Druck offen: Tesla konkurriere mit chinesischen Elektrofahrzeugen und müsse deshalb an der Effizienzschraube drehen. Das erklärt sowohl die Automatisierungsstrategie als auch den harten Kurs bei Fehlzeiten. Deutsche Arbeitsstandards kollidieren hier mit dem globalen Kostenwettbewerb – und Tesla testet aus, wie weit es gehen kann.

Quellen: Handelsblatt, Berliner Kurier, Berlin

Das könnte dich auch interessieren