Business & Beyond VW Beben: 120.000 Jobs weg, 1 Millionen Autos weniger & Beschäftigte in Angst

VW Beben: 120.000 Jobs weg, 1 Millionen Autos weniger & Beschäftigte in Angst

Volkswagen plant den radikalsten Umbau seiner Geschichte: Bis zu 120.000 Stellen sollen verschwinden, vier deutsche Werke stehen vor dem Aus. Der Aufsichtsrat blockiert – doch die Belegschaft bleibt im Unklaren.

Während in Wolfsburg der Aufsichtsrat tagt, stehen Tausende VW-Beschäftigte an fast 20 Standorten auf der Straße. Was sie befürchten, übertrifft ihre schlimmsten Erwartungen: Der Konzern will die Modellpalette außerhalb Chinas bis 2035 halbieren, die Ausstattungsvarianten um 75 Prozent kappen. Die Produktion soll von aktuell zehn Millionen auf 9 Millionen Fahrzeuge jährlich schrumpfen. Eine Millionen Autos weniger, das ist keine Anpassung mehr, das ist ein Kahlschlag.

Aufsichtsrat verweigert Zustimmung zu radikalen Sparplänen

Der Vorstand um Oliver Blume präsentierte dem Aufsichtsrat ein Maßnahmenpaket mit zwölf Initiativen und dem sogenannten Zielbild 2030. Doch laut Bild scheiterte der Vorstand mit seinen radikalen Sparplänen: Das Land Niedersachsen und die Arbeitnehmervertreter stimmten dagegen, die Abstimmung ging mit 7 zu 12 Stimmen verloren. Aus Konzernkreisen heißt es, die Situation sei sehr angespannt gewesen.

Konkrete Angaben zu Stellenabbau und Werksschließungen? Fehlanzeige. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer kommentiert trocken: Kein Wort zu Werken, kein Wort zur Beschäftigung.

120.000 Stellen auf der Kippe: 70.000 mehr als vereinbart

Die Zahlen, die durchsickern, haben es in sich: Bis zu 120.000 Arbeitsplätze könnten wegfallen, 70.000 mehr als in bestehenden Vereinbarungen vorgesehen. VW setzt dabei vorrangig auf freiwillige Lösungen wie Altersteilzeit oder Abfindungen.

Doch auch bestehende Job-Garantien sollen überprüft werden. Vier deutsche Werke stehen massiv unter Druck: Emden und Zwickau (beide bis 2031), Hannover (bis 2032) und Audi in Neckarsulm (bis 2034). Nach Auslaufen der aktuellen Modelle gibt es keine Garantie für neue Fahrzeuge an diesen Standorten.

Betriebsrat stellt Ultimatum & spricht von Respektlosigkeit

Betriebsratschefin Daniela Cavallo lässt ihrer Wut freien Lauf. Sie fordert VW-Chef Blume auf, sich bis Freitag unmissverständlich zu den Sparplänen zu äußern.

Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten, erklärt sie laut n-tv. Es sei unverantwortlich, die Belegschaft im Unklaren zu lassen und so in den Urlaub zu schicken. Kommt Blume der Aufforderung nicht nach, drohen nach der Sommerpause konzernweite außerordentliche Betriebsversammlungen.

Blumes vage Versprechen: die harte Realität

In einer vierminütigen Videobotschaft verspricht Konzernchef Blume, Deutschland bleibe zentraler Industriestandort für VW. Er lobt die industrielle Basis, die Ingenieurskunst, die Verzahnung von Forschung und Produktion. Doch dann folgt das große Aber: Im globalen Wettbewerb reiche das nicht mehr aus.

Höhere Kosten könnten nur durch mehr Produktivität, Effizienz und Innovationskraft ausgeglichen werden. Was Blume fordert: bessere Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Energiepreise, eine fokussierte Technologielandschaft. Was er verschweigt: konkrete Zusagen für die bedrohten Standorte.

Proteste an 15 Standorten und die Angst ist greifbar

An mehr als einem Dutzend Standorten gehen Beschäftigte auf die Straße. In Wolfsburg versammeln sich 500 Menschen direkt am Vorstandshochhaus, in Emden zählt die IG Metall 1.500 Teilnehmer.

Wie angespannt die Lage ist, zeigt sich an den Standorten selbst. BILD sprach in Zwickau und Emden mit Beschäftigten, die sich am Donnerstag zum Schichtwechsel an Protestaktionen gegen mögliche Werksschließungen beteiligten. In Zwickau schilderte Montagearbeiter Tobias Reinhardt (48) seine Sorge um die Zukunft des Standorts: „Die Situation ist erschreckend. Ich mache mir Sorgen – um mich und die ganze Region. Wir brauchen eine klare Zusage zum Standort. Keiner redet mit uns. Alles was wir erfahren, sind Gerüchte.“

Auch bei Beschäftigten außerhalb der direkten VW-Belegschaft ist die Unsicherheit groß. Norah Kaltenpoth (30), die in der Transportabwicklung arbeitet, sagte zu BILD: „Ich bin alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen und habe nur noch Angst. Ich fühle mich wie auf einer Brücke, die kurz vorm Einsturz steht. Alles hängt in der Schwebe, keiner gibt verlässliche Antworten. Ich bin nicht direkt bei VW angestellt, sondern kümmere mich bei einem Transportabwickler um Handling und Verladung der Autos, die das Werk verlassen. Sie können sich vorstellen, dass man da noch weniger erfährt.“

Weitere Proteste in Neckarsulm, Braunschweig, Stuttgart, Hannover, Kassel, Chemnitz, Dresden, Zwickau, Leipzig, München, Nürnberg, Salzgitter und Osnabrück. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Angst greifbar. Montagearbeiter berichten von Gerüchten statt Fakten, alleinerziehende Mütter fürchten um ihre Existenz, Betriebsräte sprechen von sechs Milliarden Euro Investitionen, die umsonst gewesen sein könnten.

Business Punk Check

VW inszeniert den größten Umbau seiner Geschichte und scheitert am eigenen Aufsichtsrat. Das ist keine Zukunftsstrategie, das ist ein Offenbarungseid. Der Konzern will Komplexität reduzieren, Überkapazitäten abbauen, regionaler produzieren. Klingt nach Management-Consulting-Bullshit, ist aber die brutale Konsequenz jahrelanger strategischer Fehlentscheidungen. Die E-Mobilitätswende wurde verschlafen, die Modellpalette aufgebläht, die Kostenstrukturen sind im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig. Jetzt sollen 120.000 Beschäftigte die Rechnung zahlen.

Die politische Dimension ist brisant: Niedersachsen als Großaktionär blockiert zusammen mit den Arbeitnehmervertretern. Das ist Industriepolitik im Krisenmodus – keine langfristige Vision, sondern Schadensbegrenzung. Ministerpräsident Olaf Lies betont, Werksschließungen seien kein Zukunftskonzept. Aber was ist die Alternative? Wettbewerbsfähige, innovative Produkte, genau die fehlen VW seit Jahren. Die Wahrheit: Der Konzern hat zu lange auf Masse statt Klasse gesetzt, auf Variantenvielfalt statt Effizienz. Jetzt kommt die Quittung. Für Zulieferer, Dienstleister und ganze Regionen bedeutet das: Vorbereitung auf harte Zeiten. Wer von VW abhängig ist, sollte dringend diversifizieren.

Quellen: Bild, n-tv, Focus

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