Business & Beyond VW-Dominoeffekt: Warum 200.000 Jobs am seidenen Faden hängen

VW-Dominoeffekt: Warum 200.000 Jobs am seidenen Faden hängen

VW droht mit Werkschließungen und Massenentlassungen. Doch die wahre Gefahr lauert woanders: Experten warnen vor einem Dominoeffekt, der über 200.000 Arbeitsplätze vernichten könnte.

Vier Werke dicht, 120.000 Jobs weg – die Horrorszenarien bei VW klingen nach industriellem Kahlschlag. Doch während Wolfsburg noch über Einschnitte verhandelt, zeichnet sich eine weitaus größere Bedrohung ab.

Experten rechnen mit einem Dominoeffekt, der die gesamte deutsche Wirtschaft erfassen könnte. Die Botschaft: Wenn VW strauchelt, reißt der Konzern Zehntausende Zulieferer, Logistiker und Dienstleister mit in den Abgrund.

Weniger dramatisch als befürchtet?

Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer dämpft die Panik. Maximal das Audi-Werk Neckarsulm stehe wirklich auf der Kippe, die anderen Standorte Hannover, Emden und Zwickau dürften überleben. Sein Rat: VW brauche einen Moderator für die Verhandlungen mit der IG Metall, am besten Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Olaf Lies.

Auch Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands gibt Entwarnung: Statt der kolportierten 120.000 zusätzlichen Stellen weltweit rechne er mit 30.000 bis 40.000 Jobverlusten. Eine Vier-Tage-Woche könnte den Kahlschlag weiter abfedern – VW hatte das Modell bereits in den 1990ern erfolgreich eingesetzt.

Der Detroit-Effekt droht

Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sieht das anders. Seine Warnung: Pro VW-Stelle fallen drei bis fünf weitere Jobs im Umfeld weg. Zulieferer, Logistiker, Hotels, selbst Bäckereien, die gesamte Wertschöpfungskette steht auf dem Spiel.

Bei 50.000 gestrichenen VW-Stellen könnten laut n-tv über 200.000 Arbeitsplätze verschwinden. Bratzel spricht von einer drohenden „Detroitisierung“, in Anspielung auf die US-Autometropole, die nach dem Niedergang der Branche zur Geisterstadt verkam.

„Wir gehen davon aus, dass im Falle des Wegfalls von weiteren 50.000 Stellen mindestens dreimal bis fünfmal mehr Arbeitsplätze im Umfeld von Zulieferern über Logistikunternehmen bis hin zu Hotels und Bäckereien betroffen sind“, sagte Bratzel gegenüber n-tv.

Blumes Rechnung geht nicht auf

VW-Chef Oliver Blume scheiterte vergangene Woche im Aufsichtsrat mit seinem Sparpaket. Seine Rechnung im Konzern-Intranet: Ohne Senkung der Arbeitskosten müssten 50.000 Stellen zusätzlich zu den bereits geplanten 50.000 Jobs bis 2030 gestrichen werden.

Für Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm könne VW keine wettbewerbsfähige Auslastung in den 2030er-Jahren garantieren. Gleichzeitig betont Blume, intelligente Lösungen seien besser als Werkschließungen, für Osnabrück laufe bereits ein Gespräch mit Rüstungsunternehmen.

Business Punk Check

Die VW-Krise entlarvt die Achillesferse der deutschen Industrie: Jahrzehntelang hat der Konzern auf Verbrenner-Technologie gesetzt, während Tesla und chinesische Hersteller die E-Mobilität revolutionierten. Jetzt zahlt Wolfsburg den Preis für verschlafene Transformation. Die Werkschließungen sind nur das sichtbare Symptom, das eigentliche Problem liegt in veralteten Produktionsstrukturen und Überkapazitäten. Bratzel hat recht: Der Dominoeffekt ist real.

Deutschland hat zu lange auf die Automobilindustrie als Wachstumsmotor gesetzt, ohne Diversifizierung voranzutreiben. Die Vier-Tage-Woche mag kurzfristig Entlassungen verhindern, löst aber nicht das Kernproblem: VW muss radikal umbauen, digitalisieren und verschlanken. Wer jetzt noch auf Rettung durch Politik hofft, verkennt die Realität. Die Transformation kommt :mit oder ohne VW.

Quellen: n-tv, Golem

Das könnte dich auch interessieren