Business & Beyond „Wartezimmer ist 90er-Jahre. Versorgung muss on demand sein.“

„Wartezimmer ist 90er-Jahre. Versorgung muss on demand sein.“

Christoph Neumeier revolutioniert mit seiner CKM Group das deutsche Gesundheitssystem: Hybrid Healthcare statt Wartezimmer-Tristesse, On-Demand-Versorgung statt Faxgeräte – und Cannabis als unerwarteter Modernisierungstreiber.

Wir leben in einem Land, in dem man einen Herzschrittmacher digital konfigurieren kann, das Rezept dafür aber per Fax verschickt. Das ist nicht komplex. Es ist absurd, sagt Christoph Neumeier. Der Unternehmer und Gründer der CKM Group baut gerade eine Plattform für Hybrid Healthcare. Digital, wenn sinnvoll, physisch, wenn nötig. Mit Kliniken, Daten und Diagnostik und einer ehrlichen Haltung zu „Gras“ als modernem Medikament.

Christoph, du bist 35, kommst aus Dillenburg und hast erst vor ein paar Jahren in Health reingedreht. Nicht das klassische Gründerszenario. Wie kam das alles?

Christoph Neumeier: Wie viele in unserem Team, komme ich aus der Eventbranche. Meine erste Firma war darauf spezialisiert, das Tourleben internationaler DJs zu organisieren. Maceo Plex, Sven Väth, Adriatique, Solomun. Da geht es nur um eine Sache: liefern. Wenn in Buenos Aires um 23:45 Uhr etwas brennt, diskutierst du nicht ‘nächste Woche’. Der größte Fehler wäre, 10.000 Fans erklären zu müssen, warum der Künstler nicht kommt. Also löst du es. Sofort. Diese Haltung, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und nicht auszuweichen, fehlt dem deutschen Gesundheitssystem an allen Ecken.

Und dann der 7. Dezember 2020?

Vier Freunde, keine Investoren, keine Power Point. Nur die Frage: „Wie stehen in zwei Wochen funktionierende Teststationen?“ Wir haben Covi Medical gebaut: erst kostenpflichtige Schnelltests, dann Bürgertests. Eigenes Labor, Expansion nach Spanien, im Peak 2.500 Mitarbeitende, am Ende knapp zehn Millionen Tests.
Damit haben wir ein Bedürfnis erfüllt, das das reguläre Gesundheitssystem nicht abdecken konnte. Wir bieten Versorgung auf Knopfdruck, weil wir ein attraktives Angebot geschaffen haben, das unabhängig vom System ist. Action Bias war die Wunderwaffe. Andere sagten: „Unmöglich”. Und wir? Haben’s einfach gemacht.

Bei CKM sprecht ihr von Hybrid Healthcare. Was bedeutet das konkret?

Hybrid Healthcare heißt: Digital, wenn sinnvoll, physisch, wenn nötig. Keine Spielerei mit Apps, sondern Infrastruktur. Ein paar Beispiele: Wenn im TV „Grippewelle“ läuft, dann kommen die Abwasserdaten dahinter oft von uns. Oder die Prävention: Wir entwickeln Heimtests für Darm- und Gebärmutterhalskrebs mit, die bereits heute über Krankenkassen erhältlich sind. Dann zum Thema Verhalten und Begleitung: Rauchentwöhnung oder gesundes Gewicht – medizinisch sinnvoll, digital umgesetzt. Und wir betreiben die Munich Airport Clinic inklusive Notfallambulanz. Und ja: Gras: Green Medical ist unsere Plattform für medizinisches Cannabis. Heute besteht die CKM Group in Deutschland aus über 250 Mitarbeitenden.

Was läuft im deutschen Gesundheitssystem schief?
Zugang und Usability. Medizinisch sind wir stark, aber der Weg dorthin ist Steinzeit. Wir streamen in Echtzeit und faxen Befunde. Wartezimmer? 90er. Versorgung? On demand. Punkt. Weil das System nicht niedrigschwellig genug ist, können Menschen ihre Gesundheit nicht aktiv managen. Sie werden kränker als nötig und es entstehen zusätzliche Kosten durch teure Spätbehandlungen statt früher Interventionen.

Klingt nach einem Optimierungsprojekt.

Nein. Das ist Kampf gegen den Stillstand. Gegen Trägheit, die „Tradition“ heißt. Gegen Bürokratie, die Ärzt:innen zu Verwaltern macht. Gegen Steuergeld, das verdampft, statt Menschen zu helfen. Wir bauen nicht für das System – wir bauen für die, die darin festhängen. Für Patient:innen mit langen Wartezeiten und Fünf-Minuten-Slots. Für Ärzt:innen, die behandeln wollen, statt Formulare auszufüllen.

Und Cannabis?

Cannabis ist ein modernes Medikament und Symbol für den Wandel. Die Legalisierung erzeugt eine Nachfrage, die das alte System nicht bedienen kann. Also entsteht hybride Versorgung. Und ja, so wie Pornos Videostreaming groß gemacht haben, treibt „Gras“ gerade die Modernisierung im Gesundheitsbereich voran. Provokant, aber wahr.

Warum habt ihr keine Investoren mit an Bord genommen?

Erstens wollte uns damals niemand finanzieren – aber wir brauchten es auch nicht, weil wir profitabel waren. Ehrlich: Das hätte uns in der Hochphase wahrscheinlich sogar gekillt. Zweitens – und wichtiger –, weil grundsätzlich: Innovation in Health dauert. Für VC ist sie zu langsam, für PE zu stabil. Klassische Innovationsfinanzierung läuft oft ins Leere, bis am Ende nur noch PE-Cases übrigbleiben. Nicht, weil Gründer faul sind, sondern weil Regulierung, Vergütung und Skalierung Zeit fressen. Versorgung hat kein Quartalsziel. Sie braucht Ausdauer, dicke Nerven – und manchmal einen Verrückten wie mich, der eigenes Geld reinsteckt.

Wo siehst du Patient:innen in zehn Jahren?

Informiert, aktiv, in Kontrolle. LLMs drehen das Rollenverständnis: Menschen sind nicht mehr Empfänger, sondern Mitgestalter. Unser Job ist nicht, ihnen Entscheidungen abzunehmen, sondern sie in die Lage zu versetzen, diese selbst zu treffen.

Und deine Rolle?

Tempo und hands-on. Unkonventionelle Ideen und die Hände dreckig machen, damit es wirklich passiert. Das System daran erinnern, dass es für Menschen da ist. Nicht für Formulare. Ich komme aus einem Job, in dem ich nur Kunden kannte und nichts liebe ich mehr, als Kunden mit guter Dienstleistung glücklich zu machen. Das gilt hier genauso: Wenn mein Kunde etwas braucht, klingelt das rote Telefon und er wird gehört.

Klingt nach Kampfmodus.

Ist es auch. Und bis das Fax aus den Praxen verschwunden ist, bleibe ich dabei.


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