Business & Beyond Wie ich in Davos grenzenlose Fantasie und kollektive Ohnmacht erlebe

Wie ich in Davos grenzenlose Fantasie und kollektive Ohnmacht erlebe

Der Wirtschaftswissenschaftler Professor David Matusiewicz erlebt Trump in Davos: Wie er von seiner Mutter erzählt, wie er beinahe Baseballprofi geworden wäre. Und wie die Davos-Teilnehmer zunehmend resilienter werden gegenüber dem, was dieser Präsident zu erzählen hat. Hier sein Bericht.

Donald Trump ist wohl der erratischste, transparenteste und gleichzeitig witzigste Präsident, den die Welt je gesehen hat. Wenn es nicht gleichzeitig so traurig wäre. So habe ich auch seine Rede beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos mit gemischten Gefühlen erwartet. Selbst wer sie nicht in der Kongresshalle miterleben durfte – also wer keinen fünf- oder sechsstelligen Betrag für eine Akkreditierung locker machen konnte oder wollte –, sah oder hörte sie. Nah dran waren diejenigen, die sich auf der rund einen Kilometer langen Straße um das gut gesicherte Kongresszentrum herum befanden. Zu Fuß oder in den schwarzen Limousinen, die sich Stoßstange an Stoßstange durch den winterlichen Verkehr schoben. Oder in den warm geheizten Brandhouses und Hotels. So wie früher die Menschen vor Schaufenstern stehen blieben, um Nachrichten zu schauen, so blicken sie heute meist in ihre kleinen, handlichen, digitalen Schaufenster, die sie aus der Hosentasche holen. Nur eben mit weißen AirPods im Ohr – zusammen und doch jeder für sich allein.

Es ging nicht darum, der Rede zu folgen, sondern sie zu verarbeiten. Ich stellte mir zwischendurch Fragen wie: Hat er gerade gefühlt minutenlang erzählt, dass seine Mutter geglaubt hatte, er hätte das Zeug zum Baseball-Profi gehabt? Es war ja klar, dass er sich über Macrons blaue coole Fliegerbrille lustig machen würde. Hätte Macron lieber mit einem rot-blauen Auge dastehen sollen? Oder hätte er damit Schwäche gezeigt und noch mehr Angriffsfläche geboten? Lohnt es sich überhaupt, eine ernsthafte Diskussion über die Worte des Präsidenten zu führen? Der weise Prophet wartet die Entwicklung ab, dachte ich mir an vielen Stellen der Rede. So wie Zölle plötzlich das große Thema werden, sind sie es jetzt um 21:35 Uhr, als ich diese Zeilen in einem Flugzeug tippe, nicht mehr. Und wenn ich lande, wird es sicherlich wieder neue „Breaking News” aus einer Pressekonferenz in Davos geben. Eine sehr emotionale, erratische Weltpolitik.

Ich habe da oben auf dem Zauberberg von Davos gespürt, dass nicht nur die Teilnehmer zuhörten, sondern dass eine globale Öffentlichkeit gleichzeitig reagierte. Die Rede hatte auch etwas Gutes. Wir waren vereint in einem kollektiven Achsel- oder zumindest Augenbrauenzucken. Wir sind schließlich Zuschauer und Kommentatoren eines geopolitischen Moments.

Und nun? Aufstehen oder sitzenbleiben? Allein die beiden Themen Grönland und Windräder gaben Davos dann endgültig seinen eigenen Touch. Auf den Fluren hörte man weniger über Lieferketten und mehr über Eisflächen. Irgendjemand rechnete scherzhaft vor, wie viele Winterjacken man wohl bräuchte, um eine Insel dieser Größe symbolisch zu übernehmen. Andere fragten sich laut, ob das nächste USA-House nun vielleicht ein Iglu-Design bekommen müsse. Dabei war das Lächeln meist breiter als der Ernst der Worte. Einige Teilnehmer in Davos haben definitiv mehr über arktische Geografie gesprochen als in ihrer gesamten Schulzeit. Grönland als Objekt der Begierde. Und Windräder als Bedrohung für den perfekten Abschlag. Dazwischen ein Publikum, das zwischen Staunen und Schmunzeln pendelte.

Am Ende dieses Tages habe ich weniger Zitate im Kopf als Stimmungen. Dieses kollektive Schulterzucken. Dieses gleichzeitige Lächeln und Stirnrunzeln. Dieses Gefühl, Teil eines Moments gewesen zu sein, an den ich mich später nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen der Reaktion darauf erinnern werde. Ich habe einige, die mit mir in Davos waren, auch um ein Statement gebeten. Malte Striegler, Vice President Investment Banking bei Pava Partners fasste es gut zusammen: „Trumps Ton fiel weniger konfrontativ aus, als zu erwarten gewesen wäre. Dennoch hat sich einmal mehr gezeigt: Europa muss jetzt entschieden und vereint seine Größe als Binnenmarkt nutzen, um seine signifikanten geostrategischen, technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu lösen.“ Der Digitalunternehmer Ingo Horak beobachtete „viele Menschen auf der Promenade, die beim Laufen die Rede mit ungläubigem Kopfschütteln verfolgt haben.“ Überraschend für mich war, dass ich viele Absagen auf meine Anfrage für ein Statement erhielt oder im Nachgang zurückgezogene oder gelöschte Nachrichten erhielt. Einmal mit dem Hinweis, man wolle sich nicht die Einreise in die USA in Zukunft verbauen.

Vielleicht war genau das das eigentliche Echo dieser Rede in Davos: nicht das Gesagte, sondern das, was es mit den Menschen gemacht hat. Und die Zurückhaltung. Und wie sichtbar diese Emotionen wurden – auf der Promenade, im Stau, auf den Bildschirmen und in den Gesprächen danach. Die Trump-Resilienz ist zwar mittlerweile ausgeprägt, doch kaum einer kann sich den Nachrichten entziehen. Ich würde die Situation zwischen kollektiver Ohnmacht und grenzenloser Fantasie einordnen. Die Rede war nicht der Höhepunkt der diesjährigen Konferenz, sondern vielmehr ein Auslöser. Für die darauffolgenden Gespräche an der nächsten Schlange. Oder zumindest für Memes im Internet. Vielleicht sollte ich aber zumindest heute mein Smartphone ausmachen. Oder auch nicht. Lets see what happens…

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