Business & Beyond Wirtschaftsstandort-Alarm: Deutschland nur auf 0,2 – aber fünf Faktoren retten den Ruf

Wirtschaftsstandort-Alarm: Deutschland nur auf 0,2 – aber fünf Faktoren retten den Ruf

Der KPMG-Standortindex stürzt auf historisches Tief. 70 Prozent der Auslandskonzerne kritisieren Bürokratie-Wahnsinn, 43 Prozent sehen Deutschland beim Energiepreis am EU-Ende. Doch fünf Faktoren zeigen: Die Wende ist möglich.

Deutschland verliert seinen Ruf als verlässlicher Wirtschaftsstandort. Der KPMG-Standortindex sackt auf 0,2 Punkte ab – historischer Tiefstand seit Erhebungsbeginn 2017. Damals lag der Wert noch bei 3,1. Was folgt, ist mehr als eine Konjunkturdelle: 52 Prozent der befragten Finanzchefs internationaler Konzerne bewerten die wirtschaftliche Lage als schlecht oder sehr schlecht. Vor zwei Jahren waren es 18 Prozent. Die Zahlen stammen aus einer Befragung von 400 Finanzchefs und kaufmännischen Leitern durch Appinio im Auftrag von KPMG. Die Botschaft ist klar: Ausländische Unternehmen, die knapp ein Fünftel zur deutschen Wirtschaftsleistung beitragen, verlieren das Vertrauen.

Bürokratie-Kollaps und Energiepreis-Schock

70 Prozent der befragten Unternehmen sehen Deutschland unter den fünf EU-Nationen mit der komplexesten Bürokratie – eine Verdopplung gegenüber der letzten Erhebung. Die Konsequenz: Unternehmen haben in drei Jahren 325.000 Menschen eingestellt, nur um Vorschriften zu erfüllen. 14 Prozent der Betriebe bewerten ihre bürokratische Belastung 2025 als sehr hoch, 2022 waren es vier Prozent.

Beim Energiepreis sieht es nicht besser aus: 43 Prozent stufen Deutschland als schwächsten EU-Standort ein, weitere 26 Prozent unter den fünf schwächsten. Die Infrastruktur bröckelt: Nur noch 29 Prozent halten Deutschland für führend bei Straßen und Schienen, 2017 waren es 77 Prozent. Der Investitionsrückstand auf kommunaler Ebene liegt laut Handelsblatt bei 216 Milliarden Euro.

Steuerlast und Fachkräfte-Desaster

47 Prozent der internationalen Unternehmen zählen Deutschland zu den fünf EU-Ländern mit den höchsten Steuern – zwölf Prozentpunkte mehr als 2023. Der kombinierte Körperschaftsteuersatz liegt bei 30,1 Prozent und übertrifft andere OECD-Länder deutlich.

Beim Fachkräftemangel verschärft sich die Lage: 55 Prozent der Finanzchefs sehen Deutschland bei hochqualifizierten Arbeitskräften unter den fünf schwächsten EU-Nationen – eine Vervierfachung gegenüber 2021. Die Digitalisierung hinkt hinterher: 69 Prozent ordnen Deutschland bei digitaler Infrastruktur unter die fünf schwächsten EU-Länder ein, ein Anstieg um 27 Prozentpunkte gegenüber 2023.

Fünf Faktoren, die Hoffnung machen

Trotz der Kritik gibt es Lichtblicke, so das Handelsblatt. Deutschland führt bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz: Zwölf Prozent der Unternehmen setzen KI ein, der EU-Durchschnitt liegt bei acht Prozent. Die Reformagenda der Bundesregierung überzeugt 19 Prozent der Befragten als Investitionsanreiz, weitere 17 Prozent sehen Chancen in Transformationsaufgaben wie Energiewende und Verteidigungsfähigkeit.

Die geografische Lage punktet: 60 Prozent der internationalen Unternehmen nutzen Deutschland als Europazentrale, 57 Prozent ordnen das Land unter die Top-5-EU-Länder bei Marktgröße und Kaufkraft ein. Politische Stabilität wird geschätzt: 65 Prozent zählen Deutschland zu den fünf besten EU-Ländern, bei britischen Unternehmen sind es sogar 78 Prozent. Der stärkste Aufwärtstrend zeigt sich bei Bildungs- und Integrationsmöglichkeiten: 63 Prozent sehen Deutschland unter den fünf attraktivsten EU-Ländern, vor zwei Jahren waren es 21 Prozent.

US-Konzerne: Optimismus trotz Kritik

Eine Umfrage der Amerikanischen Handelskammer und Roland Berger zeigt einen Stimmungswandel bei US-Unternehmen. Nur ein Viertel stuft Deutschland aktuell als attraktiven Wirtschaftsstandort ein, 42 Prozent bewerten die Bedingungen als schlecht.

Doch 62 Prozent erwarten in drei bis vier Jahren eine Verbesserung – im Vorjahr waren es 29 Prozent. AmCham-Germany-Präsidentin Simone Menne fordert Tempo: Die Bundesregierung müsse bei Bürokratieabbau, Kostenreduktion und Strukturreformen endlich liefern, gerade wegen geopolitischer Unsicherheiten.

Business Punk Check

Die Wahrheit hinter den Zahlen: Deutschland steht nicht vor einer Trendwende, sondern vor einer Entscheidung. Der KPMG-Index zeigt keine vorübergehende Schwäche, sondern strukturelles Versagen. 325.000 Menschen, die nur Bürokratie verwalten? Das ist keine Wirtschaftspolitik, das ist organisierte Selbstsabotage. Die fünf Hoffnungsfaktoren klingen gut, aber KI-Führerschaft bei zwölf Prozent Nutzung ist kein Grund zum Feiern – es zeigt nur, wie schwach der Rest Europas ist. Die Reformagenda überzeugt gerade mal 19 Prozent der Befragten als Investitionsgrund. Das ist kein Vertrauensbeweis, das ist Skepsis in Zahlen.

Was wirklich zählt: Deutschland hat zwei bis drei Jahre, um zu beweisen, dass Bürokratieabbau und Energiepreis-Senkung mehr sind als Wahlkampf-Versprechen. Wer jetzt investiert, wettet auf politischen Willen – nicht auf aktuelle Rahmenbedingungen. Für internationale Konzerne bedeutet das: Deutschland als Europazentrale nutzen, aber Produktion und Wertschöpfung flexibel halten. Die 62 Prozent Optimismus bei US-Unternehmen sind kein Freifahrtschein, sondern eine Warnung: Wenn die Reformen scheitern, ist die Abwanderung programmiert. Der Standort-Alarm ist real – und die Snooze-Taste funktioniert nicht mehr.

Häufig gestellte Fragen

Welche Branchen sind vom Standort-Absturz am stärksten betroffen?

Energieintensive Industrien und produzierende Unternehmen leiden am meisten unter hohen Energiepreisen und Infrastruktur-Mängeln. Besonders betroffen sind Chemie, Stahl und Maschinenbau, die auf günstige Energie und funktionierende Logistik angewiesen sind. Tech-Unternehmen kämpfen mit Fachkräftemangel und digitaler Infrastruktur, während alle Branchen unter Bürokratie-Lasten leiden.

Wie können Mittelständler auf die Standort-Verschlechterung reagieren?

Mittelständler sollten Digitalisierung und KI-Einsatz priorisieren, um Effizienzgewinne zu erzielen und Bürokratie-Kosten zu kompensieren. Strategische Partnerschaften mit internationalen Playern können Zugang zu besseren Rahmenbedingungen schaffen. Wer Produktion ins Ausland verlagert, sollte Deutschland als Innovations- und Steuerungszentrale nutzen – die politische Stabilität bleibt ein Trumpf.

Lohnt sich noch die Expansion nach Deutschland für ausländische Investoren?

Kommt auf die Branche an. Für Tech-Unternehmen mit KI-Fokus und für Firmen, die eine stabile Europazentrale suchen, bleibt Deutschland attraktiv. Wer auf günstige Energie und schlanke Bürokratie angewiesen ist, sollte andere EU-Standorte prüfen. Die Reformagenda der Bundesregierung könnte mittelfristig Verbesserungen bringen – aber nur, wenn sie schnell umgesetzt wird.

Was bedeutet der Investitionsrückstand von 216 Milliarden Euro konkret?

Der Rückstand zeigt sich in maroden Straßen, überlasteten Schienen und veralteter digitaler Infrastruktur. Unternehmen verlieren Zeit und Geld durch Staus, Zugausfälle und langsame Verwaltungsprozesse. Ohne massive Investitionen in Verkehrsinfrastruktur droht ein Teufelskreis: Schlechtere Bedingungen führen zu weniger Investitionen, was wiederum weniger Steuereinnahmen für Infrastruktur bedeutet.

Warum steigt der Optimismus bei US-Unternehmen trotz schlechter Bewertung?

US-Konzerne setzen auf die neue Bundesregierung und deren Reformversprechen. Die geopolitische Lage macht Europa als Produktionsstandort attraktiver, und Deutschland bietet trotz Schwächen politische Stabilität und Rechtssicherheit. Viele US-Firmen haben bereits massiv investiert und hoffen auf Verbesserungen, statt Standorte aufzugeben. Der Optimismus ist aber an konkrete Umsetzung gekoppelt.

Quellen: Handelsblatt

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