Business & Beyond Yen-Schock: Japan macht Europa ärmer

Yen-Schock: Japan macht Europa ärmer

Der japanische Yen ist im freien Fall – und das ist längst kein Problem mehr, das nur Tokio betrifft. Während Japans Exporteure profitieren, geraten deutsche Unternehmen, Finanzmärkte und Verbraucher zunehmend unter Druck.

Der Absturz des Yen ist kein Zufall und keine Laune der Devisenmärkte. Hinter der schwachen Währung stecken die große Zinskluft zwischen Japan und den USA, geopolitische Unsicherheiten und eine weiterhin lockere Geldpolitik der Bank of Japan – mit Folgen, die längst bis nach Europa reichen.

Der Yen stürzt ab

Der japanische Yen notiert nicht nur auf einem rund 40-Jahres-Tief gegenüber dem US-Dollar. Auch im Verhältnis zum Euro ist die Währung außergewöhnlich schwach. Bei einem Kurs von rund 185 Yen je Euro bewegt sich der Yen auf einem der schwächsten Niveaus der vergangenen Jahre. Das ist keine harmlose Schwankung, sondern Ausdruck tiefgreifender Veränderungen an den Devisenmärkten. Für Europa bedeutet das mehr Wettbewerbsdruck für die Industrie, neue Risiken an den Finanzmärkten und wachsende Herausforderungen für Unternehmen, die in Japan aktiv sind. Besonders problematisch: Immer wieder wird der Eindruck vermittelt, es handle sich lediglich um eine normale zyklische Schwächephase. Tatsächlich befindet sich der Yen gegenüber dem Dollar auf dem niedrigsten Niveau seit rund vier Jahrzehnten und auch gegenüber dem Euro auf einem außergewöhnlich schwachen Stand. Das ist deutlich mehr als eine gewöhnliche Währungsschwankung.

Niedrige Zinsen, starke USA – und eine Kluft, die den Yen klein hält

Der Hauptgrund für den Absturz ist schnell erklärt: Während die US-Notenbank ihre Zinsen bei rund 3,5 bis 3,75 Prozent hält, liegt der japanische Leitzins trotz der Anhebung im Juni bei lediglich einem Prozent. Für Investoren ist die Rechnung einfach. Kapital fließt dorthin, wo höhere Renditen winken – also in den Dollar. Der Yen verliert dadurch weiter an Wert. Dazu kommt die geopolitische Lage. Die Spannungen im Nahen Osten, steigende Energiepreise und die weiterhin restriktive Geldpolitik der US-Notenbank haben den Dollar zusätzlich gestärkt. Jeder neue Ölpreisschock trifft Japan besonders hart, weil das Land einen Großteil seiner Energie importieren muss. Das Ergebnis: Der Dollar bleibt stark, der Yen gerät weiter unter Druck.

Japans Exportwirtschaft läuft – die Bevölkerung zahlt den Preis

Offiziell kämpfte Japan jahrelang gegen Deflation und schwaches Wachstum. Deshalb hielt die Bank of Japan die Zinsen über Jahrzehnte nahezu bei null oder sogar im negativen Bereich. Erst in den vergangenen Jahren begann die langsame Zinswende. Trotzdem bleibt die Geldpolitik im internationalen Vergleich ausgesprochen locker. Genau das begünstigt den schwachen Yen. Dadurch werden japanische Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Konzerne wie Toyota oder Sony profitieren davon erheblich, weil ihre Fahrzeuge und Elektronik im Ausland preislich attraktiver werden. Die Kehrseite trifft die eigene Bevölkerung. Lebensmittel, Energie und andere importierte Waren verteuern sich, die Kaufkraft sinkt und die Lebenshaltungskosten steigen. Anders gesagt: Die Exportindustrie profitiert, während Verbraucher und Importeure die Belastung tragen.

Deutschlands Industrie bekommt Preiskampf zu spüren

Für Deutschland entwickelt sich der schwache Yen zunehmend zu einem Wettbewerbsproblem. Zwar gehen nur rund ein Prozent der deutschen Exporte nach Japan, während etwa drei Prozent der Importe von dort stammen. Der direkte Effekt auf den Handel bleibt also überschaubar. Die eigentliche Herausforderung entsteht auf den Weltmärkten. Dort konkurrieren deutsche Maschinenbauer, Autohersteller und Technologieunternehmen direkt mit japanischen Anbietern. Wenn japanische Produkte durch den schwachen Yen günstiger werden, geraten deutsche Unternehmen automatisch unter Preisdruck. Dieser Nachteil verschwindet nicht nach ein paar Wochen, sondern kann sich über längere Zeit verfestigen.

Besonders deutlich zeigt sich das bei deutschen Unternehmen mit Geschäft in Japan. Laut Umfragen der Auslandshandelskammern sehen sich 82 Prozent der Firmen durch den schwachen Yen negativ betroffen. Gerade Maschinenbauer berichten von sinkenden Margen und schwieriger werdenden Geschäften. Der Wechselkurs wird damit ganz real zu einem Problem für Gewinne und Investitionen.

Der Carry-Trade

Der Yen spielt außerdem eine Schlüsselrolle an den internationalen Finanzmärkten. Seit Jahren finanzieren sich Investoren über günstige Kredite in Japan und investieren das Geld anschließend in höher verzinste Anlagen oder Aktien, vor allem in den USA. Dieses Prinzip ist als Carry-Trade bekannt. Das funktioniert allerdings nur, solange der Yen schwach bleibt und die japanischen Zinsen niedrig sind. Sollte Japan stärker intervenieren oder die Zinsen deutlicher anheben, könnten viele Anleger ihre Positionen gleichzeitig auflösen. Dann könnten Aktien und andere Vermögenswerte verkauft werden, um Kredite zurückzuzahlen. Solche Kettenreaktionen können erhebliche Turbulenzen an den internationalen Börsen auslösen. Europa wäre davon keineswegs verschont. Steigende Volatilität an den Finanzmärkten, schwankende Aktienkurse und höhere Unsicherheit bei Anleihen würden auch deutsche Investoren und Unternehmen treffen. Gleichzeitig verteuert ein starker Dollar wichtige Importe wie Energie und Rohstoffe zusätzlich.

Schluss mit der Mär von der harmlosen Schwankung

Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Zahlen. Die oft wiederholte Annahme, es handle sich lediglich um ein vorübergehendes Phänomen, greift zu kurz. Tatsächlich befindet sich der Yen gegenüber dem Dollar auf dem schwächsten Niveau seit rund 40 Jahren und auch gegenüber dem Euro auf einem außergewöhnlich niedrigen Stand. Die japanische Regierung hat in den vergangenen Jahren bereits mehrhaft gelungen ist das bislang jedoch nicht. Wer die Entwicklung verfolgt, erkenfach mit milliardenschweren Interventionen versucht, den Yen zu stabilisieren. Dauernt: Es geht längst nicht mehr um eine gewöhnliche Währungsschwankung.

Europa zahlt Preis für Yen-Schwäche

Der schwache Yen ist längst kein rein japanisches Problem mehr. Er verschiebt Wettbewerbsverhältnisse, belastet deutsche Unternehmen und erhöht die Risiken an den internationalen Finanzmärkten. Während Japans Exportwirtschaft von der günstigen Währung profitiert, steigen anderswo die wirtschaftlichen Herausforderungen. Für Deutschland ist das eine klare Warnung. Der Konkurrenzdruck aus Japan nimmt zu, globale Kapitalströme werden unberechenbarer und die Exportindustrie gerät stärker unter Druck. Obwohl die Bank of Japan ihre ultralockere Geldpolitik inzwischen vorsichtig zurückfährt, bleibt die Zinslücke zu den USA groß. Europa muss sich deshalb darauf einstellen, dass japanische Unternehmen auf den Weltmärkten vorerst einen erheblichen Preisvorteil behalten – mit Auswirkungen, die weit über den Devisenmarkt hinausreichen.

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