Business & Beyond Zoll & Roll: Warum deine Harley jetzt mehr kostet als ein Mittelklassewagen

Zoll & Roll: Warum deine Harley jetzt mehr kostet als ein Mittelklassewagen

Geopolitik trifft Motorradkultur

Was bedeutet das? Für Harley-Importeure in Deutschland heißt es: Preise nach oben korrigieren, bevor der Zollhammer fällt. Controller kalkulieren längst nicht nur den aktuellen sechsprozentigen EU-Zoll, sondern das Risiko einer Reaktivierung der Strafzölle. Das prallt auf einen Markt, der ohnehin unter Relevanzverlust und rückläufigen Absätzen leidet. 2024 verkaufte Harley weltweit rund 148 000 Motorräder, ein spürbarer Einbruch gegenüber früheren Jahren. Europa war nur dank rabatthungriger Abverkäufe im Plus.

Die Harley-Community ist deswegen im Alarmmodus: „Ich habe heute im Radio gehört, dass neue H-Ds aufgrund der Zölle von ‚El Presidente‘ noch teurer werden. Kann das Mutterschiff diese Katastrophe überstehen?“, fragt einer und liefert damit kein Meme, sondern Marktpsychologie in Reinkultur. Ein anderer User ergänzt schnörkellos: „Wenn Europa seine Zolltarife verdoppelt, geht Harley weltweit in die Knie.“

Konsumforscher und Ökonomen schütteln dazu den Kopf: Zölle, so ihr Lehrbuchwissen, schützen selten effektiv, sie verteuern und verzerren, besonders wenn sie politisch aufgeladen sind. In einem Markt, der schon bei Preisen im fünfstelligen Bereich die Kunden schlucken lässt, kann ein zusätzliches Zoll-Plus die Kaufentscheidung so sehr verschieben, dass selbst begeisterte Fans auf Distanz gehen.

Harley hat versucht, dem zu entkommen: Die Amerikaner verlagerten Produktion nach Thailand, um die EU-Zolllast hinter sich zu lassen, doch Brüssel wertete das als Umgehungsstrategieund hielt an den hohen Sätze fest. Der nächste große Plan der Marke, ein preislich attraktives Modell unter 10 000 Euro, hängt jetzt am Zolldrehmomentschlüssel. Ohne stabile Zollrelationen bleibt es eine Rechenspielerei. Eine lokale Montage in Europa wäre ein Ansatz, kostet aber Zeit und Kapital, das andere Player längst in E-Mobilität und neue Segmente stecken.

So steht Harley-Davidson heute da wie eine klassischer Rockband vor dem klotzigen Schreibtisch des Manager vom Plattenlabel: Legende im Rücken, Publikum in den Startlöchern – und einer dazwischen, der die Preise kaputt verhandelt. Wenn das nächste große US-Zoll-Epos ins Rollen kommt, heißt es für Harley: Wahl zwischen Preis-Kollaps oder strategischer Neuorientierung. Und während die Politiker in Davos, Brüssel und Washington noch ihre Zölle wie Gitarren-Effekte durchprobieren, bleibt der deutsche Harley-Fan am Ende derjenige, der für diesen geopolitischen Soundcheck im Showroom bezahlt.

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