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Coliving: Arbeit ist die halbe Miete

Coliving: Arbeit ist die halbe Miete
WeWork
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit6 Min · 1.107 Wörter

Text: Gina Nicolini

Sibirien ist 100 Quadratmeter groß und hat vier Bewohner, eine Radiostation und ein Fotostudio. Wenn Daniel Jensen nach Sibirien will, muss er nur die Treppe runter und über den schmalen Innenhof. Sibirien liegt gleich neben dem Kopenhagener Hauptbahnhof im rechten Flügel eines eleganten Stadthauses, das früher mal ein Amt war. Jensen, der sein Geld als Startup-Berater verdient, wohnt im linken Hausteil, wo sie sich den ironischen Namen Sibirien ausgedacht haben. Denn diese Wohnung liegt als einzige des Coliving-Projekts Nest im rechten Gebäudeteil gegenüber. „Zusammenhängende Wohnungen oder ein ganzes Haus waren nicht zu finden“, sagt Jensen. Wenn 21 junge Unternehmer und Kreative zusammenziehen wollen, müssen sie eben nehmen, was sie kriegen.

Nest gibt es seit 2014. Es ist das Pionierprojekt für Coliving in Europa. Coworking-Spaces gibt es mittlerweile in nahezu jeder deutschen Großstadt. Doch einigen Leuten reicht es nicht mehr, sich nur das Büro zu teilen. Sie wollen auch den gemeinsamen Küchentisch und das Sofa, wollen zusammen arbeiten und gemeinsam leben. Coliving-Spaces lassen sich vielleicht am besten als eine Art WG für digitale Nomaden beschreiben, als mal mehr mal weniger temporäre Heimat für Menschen, die häufig die Stadt wechseln und denen zum Arbeiten Steckdose und W-Lan reichen, denen Nächte in Hotelzimmern oder ein Dasein als zwischenmietender WG-Hopper aber zu wenig Sozialleben mit sich bringen.

Dieses familiäre Umfeld Gleichgesinnter suchte auch Jensen. Er fand es bei Nest, einem Zusammenschluss von Gründern und Kreativen, die sich vier Wohnungen in Kopenhagens City teilen. 21 Zimmer, vier Gemeinschaftsräume. Jeder hat Schlüssel zu allen Wohnungen. Natürlich dreht sich im Nest nicht alles immer um Arbeit – sie würden sonst wohl keinen Next-Top-Model-Contest mit selbst gebastelten Kostümen aus Tapete machen. Aber es kann eben immer auch um Arbeit gehen, wenn beispielsweise aus dem abendlichen Zusammensitzen doch wieder eine Brainstorming-Session wird. „Für uns ist das perfekt“, sagt Jensen. „Wir profitieren voneinander, die anderen verstehen dich und deine Probleme. So etwas bekomme ich sonst nirgends.“

Gründer-WG mit Benefits

Ihren Ursprung hat die Coliving-Bewegung in den USA. Junge Unternehmer, die ihr Geld lieber ins Business als in überteuerten Wohnraum investieren wollen, schlossen sich zu homogenen Wohngemeinschaften zusammen. Die ersten und bekanntesten sind die „Rainbow Mansion“ im Silicon Valley, „The Glint“ und „The Embassy“ in San Francisco. Mittlerweile sind Coliving-Spaces ein globales Phänomen. Berlin hat WGs für spanische Gründer, die in Deutschland Fuß fassen wollen, in Spanien wiederum kann man sich in eine Finka einmieten und den Sommer mit Digitalnomaden aus aller Welt verbringen. Oft sind es kleine, private Initiativen, doch die steigende Nachfrage – Nest bekommt im Jahr rund 180 Bewerbungen – macht Coliving für kommerzielle Anbieter interessant.

WeWork, der Coworking-Riese aus den USA, der über 50 Spaces betreibt und mit 10 Mrd. Dollar bewertet ist, experimentiert derzeit am Stammsitz New York mit Coliving. Dort wurden die oberen Etagen eines Bürogebäudes an der Wall Street in 45 voll ausgestattete Micro-Apartments umgewandelt. Das Unternehmen spricht von einer „Testphase“. Glückt sie, könnten hier auf 20 Etagen Einer- und Zweier-Apartments für bis zu 600 Bewohner entstehen. WeWork verspricht sich offensichtlich viel vom neuen Business: Laut internen Unterlagen, die „Buzzfeed“ veröffentlicht hat, kalkuliert WeWork, dass die neue Coliving-Sparte bis 2018 ein Fünftel des Umsatzes erwirtschaftet.

WG mit Animateuren

Kommerzielles Coliving hat natürlich wenig gemein mit Grassroots-Projekten wie Nest, wo in bester WG-Manier aus allen Bewerbern die beiden passendsten ausgewählt und zum Casting-Dinner eingeladen werden. Die Macher von Zoku, einem Coliving-Startup in Amsterdam, das im Frühjahr 2016 starten soll, sprechen darum auch von einem Hotel.

Sechs Jahre haben die beiden Gründer Hans Meyer und Marc Jongerius an ihrem Konzept gearbeitet. Sie befragten ihre Zielgruppe, waren sechs Monate auf Weltreise und warfen einen Blick auf die Konkurrenz. Dabei kamen sie zu der Erkenntnis, dass traditionelle Hotels für digitale Nomaden keine Anlaufstelle bieten. Zu unpersönlich, zu einsam, zu uncool. Ihr Gegenentwurf: ein Hotel mit großzügigen Gemeinschaftsräumen und Coworking-Flächen sowie Zimmern verschiedener Preisklassen – vom bud­get­scho­nen­den Bunk-Bed-Raum bis hin zum 46-Quadratmeter-Loft. Wer sich für länger einbucht, kann sich die Zimmer-Deko selbst aussuchen. „Wir haben eine Auswahl an Kunst, aus der Gäste ihre Lieblingsstücke wählen können“, sagt Meyer.

Seine Gäste sollen sich zu Hause fühlen. „Und zwar nicht nur in ihrem Loft, sondern auch in der Stadt“, sagt Meyer. Weil dabei das Sozialleben eine wichtigere Rolle spielt als die Bilder an der Wand, haben die Zoku-Macher ihre Idee eines Hotels für Netzwerker bis zur Möblierung durchdekliniert. „Mittelpunkt aller Zimmer ist ein großer Tisch“, sagt Jongerius, Meyers Co-Gründer. „Hier muss nicht nur gearbeitet werden, man kann auch Dinnerpartys veranstalten, Freunde zum Spieleabend einladen.“ Für den Fall, dass das mit dem Netzwerken nicht auf Anhieb klappt, haben die Zoku-Gründer „Sidekicks“ eingestellt, Animateure, die mit den Gästen durch Kneipen tingeln.

Ob das Konzept aufgeht, muss sich zeigen. Erste Buchungen gibt es zumindest. Es haben auch schon Firmen reserviert, die Mitarbeiter zum Arbeiten nach Amsterdam holen. Meyer und Jongerius planen groß: Insgesamt 133 ihrer Lofts wollen die beiden in Amsterdam bauen, verteilt auf zehn bis 20 Komplexe. Zoku-Ableger in Berlin, Paris oder Barcelona sollen folgen.

Büros zum Wohnen

Zokus Expansionsplänen steht ein Problem entgegen, mit dem alle Initiatoren von Coliving-Spaces konfrontiert werden: Die Gebäude müssen zentral liegen, brauchen eine gute ÖPNV-Anbindung, das Nachtleben sollte auch nah sein – alles, was eine gute WG halt so auszeichnet. Eine Lösung besteht darin, Officeflächen zu Wohnraum umzubauen. WeWork hat das in New York getan, und auch die Zoku-Gründer schauen sich Bürogebäude an.

Bei Nest hat es von der ersten Idee mehrere Jahre gedauert, bis sie die passende Immobilie gefunden hatten. Inzwischen ist daraus eine Groß-WG mit geringer Mieterfluktuation geworden, die sich beim letzten Glas Wein zum Abschied so harmonisch anfühlt, dass man sofort einziehen mag. Trotzdem: Was, wenn es Streit gibt? Ein gemeinsamer Job schiefgeht und man zwar kein Kollege mehr ist, aber immer noch Mitbewohner? Dann setzen sie sich zusammen und reden, sagt Jensen, „wie Erwachsene halt“.

Einmal erst hätten sie sich von einem Mitbewohner getrennt, „einvernehmlich“, beteuert Jensen. Entscheidender für den Nest-Frieden sei ohnehin etwas anderes. Etwas, das alle nachvollziehen können, die jemals in einer WG gelebt oder in einem Büro gearbeitet haben: Jedes Apartment hat eine eigene Spülmaschine.

 

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