DIE FOLIE MIT DEN ZWEI LÖCHERN
Ein Münchner Start-up will Autos beibringen, Berührungen zu spüren. Der Weg dorthin führt über Beschusstests mit der Rüstungsindustrie, einen Abschuss über Iran und ein Stück Kunststoff, durch das zwei Kugeln gegangen sind.
Ein Auto von heute weiß, wie weit der Radfahrer neben ihm entfernt ist. Es liest Tempolimits, erkennt müde Fahrer und bremst, bevor der Mensch den Fuß bewegt. Eines weiß es nicht: dass ihm gerade jemand die Tür eingedellt hat. Das liegt an der Bauweise. Beim Unfall verlassen sich Fahrzeuge auf eine Handvoll Beschleunigungssensoren an festen Punkten. Die reichen, um den Airbag zu zünden. Wo genau die Wucht eingeschlagen ist und was sie im Blech, im Rahmen oder im Batteriepaket angerichtet hat, zeigt erst die Werkstatt.
DAS AUTO HAT AUGEN, ABER KEINE HAUT.
An dieser Haut arbeitet CurveSYS seit 2018. Das Münchner Unternehmen entwickelt Sensorfolien, dünn wie eine Plastikhülle und biegsam genug, um sie in Stoßfänger, Türen oder Stoff einzuarbeiten. Jede Folie ist in Zonen geteilt. Wird sie gedrückt, gebogen oder getroffen, soll sie in Millisekunden melden, wo es passiert ist und wie heftig.

Nach Angaben des Unternehmens begann es mit Crashtests, unter anderem mit dem Autozulieferer Shape und dem Schutzausrüster Mehler. Aus dieser Arbeit ist inzwischen ein eigener Geschäftsbereich geworden. Mit Shape entwickelt CurveSYS aktiv Anwendungen für Fahrzeugstrukturen, Automotive zählt heute zu den wichtigsten Standbeinen des Unternehmens. Verteidigung, Automobil und Robotik laufen bei CurveSYS parallel, keiner der Bereiche wartet auf den anderen.
In der Crashhalle kam aber noch eine zweite Frage auf den Tisch. Wenn die Folie spürt, wie sich ein Stoßfänger verformt, spürt sie dann auch einen Schuss?

Die Antwort liegt auf einem Foto, das nicht nach Hochglanz aussieht. Es zeigt eine graue Folie auf schwarzem Untergrund mit acht gerasterten Feldern, die jemand mit Filzstift von Hand durchnummeriert hat. Daneben stehen rote Kreuze und blaue Linien. Mitten durch zwei der Felder gehen Löcher mit ausgefransten Rändern. Hier sind Projektile durchgeschlagen. Solche Beschusstests hat CurveSYS nach eigenen Angaben unter anderem mit dem israelischen Rüstungskonzern Elbit Systems und im Rahmen von Projekten mit der Bundeswehr durchgeführt. Die Folie soll dabei erfassen, welche Zone getroffen wurde und wie stark. Für einen Soldaten bedeutet das etwas anderes als für einen Autofahrer. Eine Schutzweste hält das Geschoss vielleicht auf, sagt aber niemandem, dass sie getroffen wurde. Ob der Mann darunter verletzt ist, bewusstlos oder nur gestürzt, erfährt die Einheit erst, wenn er sich meldet. Manchmal meldet er sich nicht.
150 FLUGZEUGE FÜR EINEN MANN
Im April 2026 wurde über Iran ein amerikanischer Kampfjet vom Typ F-15E abgeschossen. Ein verletztes Besatzungsmitglied saß danach im Gebirge fest, gejagt von Truppen, die immer näher kamen. Washington ließ nach Darstellung von CurveSYS mehr als 150 Luftfahrzeuge aufsteigen, um einen einzigen Menschen zu finden.
Mit seiner Technik, sagt das Unternehmen, hätte man sofort gewusst, ob und wo der Mann getroffen wurde und wo er sich befand. Prüfen lässt sich der Satz nicht. Er beschreibt aber ein Problem, das jede Armee kennt: Drohnen, Satelliten und Gefechtsstände sind in Echtzeit vernetzt, der Mensch in der Mitte ist es nicht.

Aus dem Labor ist die Technik nach Darstellung des Unternehmens längst heraus. Den Reifegrad seiner Sensoren sieht CurveSYS inzwischen bei TRL 8+, also serienreif. Am 19. Oktober seien 10.000 Sensoren für Deutschland und Israel eingetroffen, gefertigt von einem deutschen Milliardenkonzern. Einzelne Gesamtsysteme und Integrationen durchlaufen weiterhin ihre Qualifizierung.
Im Einsatz soll die Folie mehr melden als nur einen Treffer. Weil in Uniform, Schutzweste und Helm mehrere Sensorzonen sitzen, zeigt das System nach Angaben des Unternehmens, wo die Einwirkung stattfand, etwa an Brust, Schulter, Arm oder Rücken. Aus der betroffenen Zone, der Intensität und dem zeitlichen Verlauf des Signals lassen sich Ereignisse unterscheiden. Perspektivisch soll das auch Hinweise darauf geben, wie schwer ein Treffer sein könnte. Für Sanitäter, die entscheiden müssen, wen sie zuerst versorgen, wäre das ein wichtiger Vorsprung. Eine medizinische Diagnose ersetzt es nicht, das betont CurveSYS selbst.
Und wer hört das Notsignal mit? Nach Angaben des Unternehmens niemand, der es nicht soll. Ereignis- und Positionsdaten laufen verschlüsselt über gesicherte Schnittstellen und gehen nur an autorisierte Empfänger. Wer die Übertragung abfängt, soll sie weder auslesen noch sinnvoll deuten können. Im militärischen Einsatz ist das eine Grundbedingung.
Während die Sensoren in Westen und Helme wandern, arbeitet CurveSYS mit Shape weiter an der Karosserie. Das Auto, das merkt, dass ihm jemand die Tür eingedellt hat, ist also näher, als es scheint. Seine Haut verdankt es einer Folie, die auch Kugeln abbekommen hat.