Die Macher hinter LVL wollen nicht nur das Zocken neu erfinden, sondern gleich die digitale Welt verändern
„Geil, was?“ Dorian Gorr spricht die beiden Männer mittleren Alters, die vor seinem Laden stehen, direkt an. Eigentlich wollte Gorr schon längst Feierabend machen. Jetzt aber geht er entschlossen auf die Männer zu und erklärt ihnen das Konzept von LVL, seinem neuen Gaming-Mekka in Berlin. Die beiden haben neugierig reingeschaut und Screens entdeckt, einen Burger-Laden, außerdem eine Verkaufsfläche mit Merchandise. Was ist da los?
Was Gorr in dem Wort „geil“ zusammenfasst, ist eine Mischung aus Gaming, Entertainment und Verkauf, direkt am Checkpoint Charlie. Und man kann es Gorr sicherlich nicht verübeln, seine Begeisterung ungezügelt auf die Menschheit loszulassen: zweieinhalb Jahre Vorbereitung, ein geplantes Grand Opening für Ende März – dann kam Corona.
Einen halben Tag suhlten er und sein Team sich in Selbstmitleid, dann wurde wieder in den Vorwärtsgang geschaltet. Den Vorwärtsgang legen dann die beiden Männer auch ein und gehen weiter – sie sind wohl auch nicht die Zielgruppe für Gorrs Großprojekt
Gorr ist der Typ Manager, den es nur in einer Branche geben kann, die keine klaren Ausbildungswege kennt und die (vielleicht) dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein. Gorr trägt langes, graues Haar, einen Hoodie, dessen Ärmel er weit über seine Hände stülpt, was bei einem Mittdreißiger noch einmal Nerdkultur und Anti-Establishment verstärkt.

Der 34-Jährige hat weder einen Master in Marketing noch sonstige Stationen in seiner Vita stehen, die einen nach allgemeiner Auffassung für die Position als Marketingchef qualifizieren. Aber: Er bringt das mit, was es braucht, will man eine Marke from scratch aufbauen. „Größenwahnsinnig bin ich, sonst hätten wir das nicht gebaut“, sagt er.
Angesprochen auf die hauseigene Soundanlage im LVL, lässt er abgeklärt wissen: „Damit machen wir jeden Berliner Club platt.“
Auf den ersten Blick scheint LVL ein neuer, schicker Szenetreffpunkt sein zu wollen. Ein Ort der Experience, an dem Fans und Interessierte zusammenkommen, um gemeinsam ihre Leidenschaft für Video- und Computerspiele zu zelebrieren und dafür reichlich Platz vorfinden.
Auf 2.500 Quadratmetern und über zwei Stockwerke erstrecken sich eine E-Sport-Arena, ein Lan-Bereich mit High-End-Gaming-PCs, Trainingsräume für das E-Sport-Team von G2, ein Kino, eine VIP-Lounge, ein Bereich mit alten Arcade-Automaten, ein Merch-Store sowie ein Burger-Restaurant.
Bloß will LVL mehr sein als die Summe der Teile. Was auch am Gründer liegt: Gorr ist als Gamer, Musikliebhaber und Storyteller die personifizierte Synthese aus verschiedenen Entertainmentbereichen, die bei LVL zu einer Marke verschmelzen sollen.
Pogo und Pixel
Der Krefelder unternimmt im Alter von fünf Jahren seine ersten virtuellen Gehversuche. Sein erstes Spiel: „Qbasic Gorillas“ von 1991, in dem zwei Affen sich mit explodierenden Bananen bewerfen. Klingt einfach, hatte aber viel mit mathematischer Berechnung zu tun.
Später kauft er in einem Hinterhof das erste „Grand Theft Auto“ von 1997 – da ist Gorr, Jahrgang 1986, noch weit von der Altersfreigabe entfernt. Auf der ersten Playstation spielt er das Agentenspiel „Metal Gear Solid“ laut eigener Erinnerung „mindestens 45-mal“ durch.
Bis heute ist Gorr Vollblut-Gamer. In seinem Haushalt befinden sich mehrere Konsolen aus verschiedenen Generationen. Nach der Arbeit entscheidet er sich für eine Runde Zocken oder, falls er zu platt ist, für einen Stream auf Twitch.

Genauso groß wie seine Leidenschaft für Gaming und E-Sport ist seine Passion für Musik. Mit 18 Jahren gründet er sein eigenes Heavy-Metal-Magazin: „Metal Mirror“. In seiner Zeit als rasender Reporter für die Metal-Szene begegnet er auch immer wieder dem Thema Videospiele, sei es auf dem Festival Wacken oder auf Tour mit einer Heavy-Metal-Band. „Im Backstage-Bereich machten die nichts anderes als ,World of Warcraft‘ zocken“, sagt Gorr.
Jahre später lässt er sich an der Axel-Springer-Akademie zum Journalisten ausbilden und widmet sich den Themen Gaming und E-Sport. Als „Bild“-Reporter reist er um die Welt, besucht E-Sport-Turniere und schreibt über die virtuellen Duelle mit dem gleichen mitreißenden Enthusiasmus, mit dem südamerikanische Fernsehmoderator*innen Fußballspiele kommentieren.
Im Jahr 2017 folgt dann der Turning Point in Gorrs Karriere. Er trifft auf den Berliner Unternehmer Thomas Fellger. Der Gründer und CEO von Iconmobile will in E-Sport investieren und ist auf den Gaming-Journalisten aufmerksam geworden.
Gorr erinnert sich in einem Podcast, dass Fellger nach einem anderthalbstündigen Gespräch weder seinen Nachnamen kennt noch seinen Lebenslauf. Dennoch ist danach eine neue Firma geboren: Veritas Entertainment, die unter der Brand LVL weltweit Gaming- und E-Sport-Hotspots bauen möchte.
Für ihren ersten Ableger am Checkpoint Charlie in Berlin sammeln CEO Fellger und CMO Gorr 10 Millionen Dollar bei Kapitalgebern wie Bitkraft Esports Ventures ein. Gorrs Frage poppt im Kopf wieder auf: Geil, was?
One-Stop-Content
LVL soll nicht nur für die Pros ein Treffpunkt sein, sondern auch Laien begeistern. Die Nähe zum Touristenmagneten Checkpoint Charlie ist kein Zufall. „Wir wollen Gaming und E-Sport deutlich mehr in den Mainstream pushen. Und das gelingt dir nur, wenn du in mainstreamtauglicher Lage bist“, sagt Gorr. Sollten die Touris wie noch vor Corona Berlin besuchen, sollte es aufwärtsgehen.
Dann werden sie über verschiedene Stufen mit der elektronischen Spielkultur in Berührung kommen. Der erste Triggerpunkt: das Burger-Restaurant. Gaming geht durch den Magen. Dann: die nostalgischen Gefühle beim Anblick alter Spielautomaten und ein paar Casual-Runden an den installierten Konsolen.

Hat man die Gäste erst mal so weit in den eigenen Kosmos hineingezogen, folgt der nächste Schritt: Mit einem Bier setzt man sich auf die Tribüne in die E-Sport-Arena und schaut den Profis beim Performen zu.
Der sogenannte Dome im Untergeschoss ist das architektonische Highlight der Location. Die Konstruktion aus Glas und Stahl fungiert als Bühne für die E-Sport-Teams, von wo aus sie in virtuelle Wettkämpfe ziehen. Das doppelwandige Glas sorgt für einen schalldichten Raum. Die Sportler*innen können sich so voll auf ihre Schlachten in „League of Legends“, „Counter-Strike“ oder „Fortnite“ konzentrieren.
Allerdings will sich LVL darüber hinaus auch noch als Content-Plattform positionieren. Denn im Untergeschoss befinden sich mehrere Broadcast-Studios sowie kleinere Kabinen, in denen Streamer*innen vor Ort ihre Videos produzieren können.
Auf die Geschäftsmodelle Experience und Events kommt so gesehen ein weiteres digitales Modell oben drauf. „Unser Konzept bietet eine Mischung aus einer regionalen Reallife-Produkt-Experience, die sich immer übersetzen lässt in enthusiastischen und authentischen Content, den die ganze Welt sehen kann.“ Dafür braucht Gorr ein volles Haus, um „geile Produktionen für geile Marken“ zu machen.
Kooperationen soll es übrigens nicht nur mit Influencer*innen und Publisher*innen aus der Gaming- und E-Sport-Branche geben. Auch nicht endemische Unternehmen und Akteur*innen wie Musiker*innen können im LVL auftreten.
Gorr sagt: „Am Ende ist LVL ein begehbares Produktionsstudio.“ Als gelernter Journalist ist er dafür prädestiniert, dreht sich doch auch hier alles um Storytelling. Seine Vision: „In zehn Jahren soll jede*r Gamer*in auf diesem Planeten die Marke kennen. Ich will Leute auf der Gamescom mit LVL-Shirts sehen.“
Klingt gut – jetzt muss er es nur noch schaffen, die beiden Männer beim nächsten Vorbeigehen in den Laden zu bekommen.

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