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Diese zwei Berliner Gründer wollen zum Reddit für Audio werden

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Lesezeit5 Min · 1.013 Wörter

Ein stimmgewaltiges Riesen-Projekt: Alan Sternberg und Robert Kilian wollen mit ihrer Social-Media-Plattform Beams das Reddit für Voice werden. Doch wie funktioniert das Ganze?

Sneaker-Trends aus New York. Die gesellschaftliche Spaltung in der Türkei. Krypto, No-Gos beim ersten Date, die gestern angefangene Netflix-Serie – der Alltag eines Menschen im Jahr 2021 ist komplex und vielfältig. Über alles will man mehr erfahren und verschiedene Meinungen hören. Der eigene Social-Circle droht schnell zur Echokammer zu werden. Zum Glück gibt es im Internet für jedes Thema unzählige Subforen.

Bisher jedoch vor allem über das Medium Text. Anonyme User:innen mit langen Zahlenfolgen im Namen setzen Posts ab – nicht selten sorgt das für ein raues, unpersönliches Klima. Wie wäre es aber, wenn man nicht Texte von den Personen liest, sondern sie sprechen hört – direkt und mit den eigenen Stimmen der Redenden?

Beams CTO Alan Sternberg

Genau hier setzt die neue Social-Audio-App Beams aus Berlin an. „Unsere User:innen bezeichnen unsere App oft als Reddit für Voice“, sagt Alan Sternberg. „Das kann man gerne als unsere Produktvision verstehen.“ Sternberg ist einer der Gründer von Beams. Zusammen mit seinem Co-Founder Robert Kilian hat er im April dieses Jahres die App gelauncht.

Ein Audio-Mosaik aus Geschichten und Gedanken

Beams ist eine Social-Media-Plattform, auf der jede:r zu jedem erdenklichen Thema Channels erstellen und innerhalb dieser dann miteinander sprechen kann. Ein Voice-Beitrag – auch Micro-Podcast oder Beam genannt – ist bis zu 90 Sekunden lang. Und anders als bei Clubhouse sprechen nicht nur ausgewählte Hosts, sondern die ganze Community. Es entsteht ein Audio-Mosaik aus verschiedensten Geschichten, Gedanken und Themen.

Die Idee hierzu kam Sternberg und Kilian, als sie in Kollaboration mit dem französischen Künstler JR Soundinstallationen in New York und San Francisco auf die Beine stellten. Tausende Stimmen erzählten in Voice-Messages ihre Geschichte, darunter auch 48 Insassen aus dem Hochsicherheitsgefängnis im kalifornischen Tehachapi.

Kilian und Sternberg wurde bewusst, wie mächtig das Audioformat sein kann, weil es eine ganz andere Intimität als Fotos und Videos erzeugt. „Wir haben gemerkt, wie intim es ist, wenn dir jemand persönliche Geschichten ins Ohr erzählt“, berichtet Kilian begeistert.

Beams CO-CEO Robert Kilian

Die beiden sahen, dass es keine Plattform gibt, die dieses Phänomen abbildet. Kilian über den Moment der Klarheit: „Wir sagten: Lass uns doch ein Unternehmen gründen, das genau darauf aufbaut.“

Kleiner Exkurs: Der Name für ihre App reicht weit zurück, bis in die Projektionskunst des 17. Jahrhunderts. Damals gewann die Magic Lantern immer mehr an Popularität: ein Projektionsgerät, das Reisende nutzten, um ihre Erlebnisse zu erzählen. Man betrat einen dunklen Raum und horchte den Erzählungen der vorführenden Person. Dabei starrte man durch die Magic Lantern auf kleine Bilder, die durch Lichtstrahlen – „beams of light“ – vors Auge projiziert wurden.

Um die Idee groß zu machen, werden bei Beams aktiv Creators für ganz bestimmte Themen rekrutiert. Zum Beispiel DJ Jesse Rose, der über die Macken des Musikbusiness spricht, oder die PR-Expertin Gia Kuan, die fünfminütige Interviews mit Entrepreneur-Promis oder Gesichtern aus der Kreativbranche führt.

Beams will jedoch nicht nur gestandene Experts und Prominente ranholen, sondern auch Talente, die noch kein starkes Standing in der Social-Media-Welt haben. Diese sollen dann mit Beams wachsen. „Wir bauen die Creator:innen von morgen auf“, sagt Sternberg.

„Wir bauen die Creator:innen von morgen auf“

An den Features der App wird ständig gewerkelt. Bald wird es möglich sein, auf Beams mit Likes zu antworten, um so bestimmte Channels in die Trends zu pushen. Kuratiert wird also nicht von der Hersteller:innenseite aus – die Community entscheidet, was gehört werden soll und was nicht.

Geplant sind außerdem bestimmte Subscription-Modelle, durch die zusätzliche Features freigeschaltet werden können. Bisher wird bei Beams alles über die Investor:innen finanziert, die dem Team als Angels & Advisors auch beratend zur Seite stehen. Und die Liste dieser Angels hat es in sich.

Da wäre zum Beispiel Bailey Richardson, die Instagram von der Stunde null an mit aufgebaut hat und die mittlerweile Head of Community bei der Newsletter-Plattform Substack ist. Oder Kai Elmer Sotto, der wiederum die frühen Tage von Facebook miterlebt hat und der maßgeblich am Wachstum des Social-Media-Giganten beteiligt war. Oder auch Ashley McCollum, die bei Westbrood Media, der Produktionsfirma von Will Smith und Jada Pinkett Smith, für Revenue & Strategy zuständig ist.

Schnappen die Social-Media-Haie zu?

Um auch auf der operativen Seite schnell zu glänzen, besteht das Team von Beams aus Leuten, die vorher unter anderem bei Instagram, der „Vogue“ oder Spotify waren. Viele Mitarbeiter:innen werden bewusst aus dem Audiobereich und von Soundcloud oder Spotify geholt. Sie sollen wertvolle Learnings für den Aufbau des Produkts mitbringen: einer Audio-App, die die Use:innen länger faszinieren soll als Q1-Darling Clubhouse.

Sternberg und Kilian sind sich allerdings sicher, dass ihnen nicht die Gefahr droht, ähnlich wie Clubhouse von Social-Media-Haien wie Facebook oder Twitter aufgefressen zu werden. Neue Social-Ideen sind nett, aber am Ende werden die Angebote genutzt, wo ohnehin schon die große Crowd ist.

Beams soll deswegen nach einer anderen Logik funktionieren als die meisten Social-Media-Plattformen. So folgt man hier Channels, nicht einzelnen Personen. Daraus ergibt sich eine App-Architektur, die nicht direkt übertragbar auf andere beliebte Plattformen wie Instagram ist.

Auch hinsichtlich des Back-to-normal nach den langen Lockdown-Episoden sehen sie keinen Grund zur Sorge. Denn ihr Format soll ausschließlich Short-Format-Content bieten, ideal also für unterwegs und die angeblich von Studien belegte kurze Aufmerksamkeitsspanne der Gen Z. Sternberg sagt: „Wir sehen Beams als neues Format. Komplett neu. Kannst du mit nichts vergleichen.“

Im Dossier der vierten Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema Sales & Retail. Mit Blick auf unsere Titelgeschichte sei gesagt: Wir brauchen eine OnlyFans-Strategie! Außerdem ist es eine sehr musik- und kunstlastige Ausgabe geworden: Drangsal, Kool Savas, Ju Schnee, Simon Lohmeyer, Rapperin Little Simz – alle dabei. Dies und noch viel, viel mehr gibt es am Kiosk eures Vertrauens – oder wie immer hier im Aboshop.

Vincent S.