Drive & Dreams Warum ich für meinen Volkswagen nach China ziehen muss

Warum ich für meinen Volkswagen nach China ziehen muss

VW präsentiert mit seiner Marke Jetta, einen schnittigen vollelektrischen Kleinwagen für wirklich kleines Geld. Das Problem: Es gibt ihn nur in China. Mit ihrer zwei Klassen-Strategie machen die deutschen Autokonzerne vor allem eins: Sie kassieren ihre Käufer hierzulande ab.

Wer auf die Preisliste deutscher Autos schaut, erkennt die neue Ehrlichkeit der Branche. Sie ist nicht mehr teuer, weil sie so gut ist. Sie ist teuer, weil sie es sich hierzulande leisten kann. Wir zahlen ja.

In China dagegen zeigt sie gerade ihr wahres Gesicht. Und das ist erstaunlich günstig. Zum Beispiel Volkswagen: Die Wolfsburger bereiten dort den Angriff mit einem 10.000-Euro-Auto vor, gebaut in China, für China. Ein Elektro-Jetta soll es werden, er wird gerade auf der Shanghai-Motorshow vorgestellt und soll „unter 10.000 Euro“ kosten.  Zum Vergleich: In Deutschland wartet man seit Jahren auf den elektrischen „Volks-Polo“. Der sollte einmal 25.000 Euro kosten. Selbst das klappt bisher nicht zuverlässig.

Das ist keine kleine Differenz. Das ist ein Systemunterschied. Volkswagen verkauft in China Autos teilweise zu Preisen, die mehr als 50 Prozent unter dem europäischen Niveau liegen. Selbst ein Golf ist dort „10.000 Euro günstiger“, also faktisch ein Drittel billiger als hier.

Man muss sich das einmal klar machen: Das gleiche Unternehmen kann Autos bauen, die plötzlich halb so viel kosten, sobald sie nicht für Deutschland gedacht sind. Und sage niemand, dass sie nicht wettbewerbsfähig sind. Sie müssen gegen chinesische Modelle bestehen, die wiederum auf dem Weltmarkt zeigen, dass sie etwas können.

Und damit sind wir bei der eigentlichen Geschichte. Sie heißt Jetta. Die Marke ist das sauberste Beispiel für die neue Zwei-Klassen-Strategie der Deutschen. Volkswagen hat sie 2019 bewusst aus der Kernmarke herausgelöst als Billiglinie für China. Die Autos kosten dort umgerechnet zwischen knapp unter 10.000 und etwa 15.000 Euro. Also ungefähr das, was man früher einmal „Volkswagen“ genannt hätte.

Nur: Diese Autos bekommt in Deutschland niemand. Sie basieren auf bewährter VW-Technik, werden lokal produziert, abgespeckt, effizient kalkuliert und aggressiv bepreist. Kein europäischer Overhead, keine deutsche Kostenstruktur, keine Markenpflege für den Heimatmarkt. Stattdessen: Volumen und Tempo und Preis. In China zeigt Volkswagen, dass es geht. In Deutschland zeigt Volkswagen, dass es hier nicht gewollt ist.

Audi macht es noch raffinierter. Dort hat man gleich das Logo entsorgt. Die neue China-Marke heißt schlicht „AUDI“ – ohne die berühmten vier Ringe. Der Grund ist simpel: Ohne Markensymbol kann man günstiger verkaufen, ohne die Premiumillusion zu beschädigen. Ein Audi ohne Ringe ist eben kein Audi mehr, sondern ein gutes Auto ohne teure, deutsche Geschichte. Auch hier gilt: Diese Modelle bleiben in China.

Mercedes und BMW gehen subtiler vor, aber die Richtung ist dieselbe. Sie entwickeln eigene China-Versionen, verlängerte Modelle, digitale Sonderlösungen, lokale Plattformen. Alles zugeschnitten auf den Markt, alles schneller entwickelt, alles günstiger produziert. Auch sie reagieren auf den brutalen Preiskampf in China, der sie zwingt, ihre Kostenstrukturen radikal zu hinterfragen. Nur eines vermeiden sie bisher konsequent: dem deutschen Kunden diese Realität zu zeigen. Denn dann müsste man erklären, warum ein Auto plötzlich 15.000 Euro und weniger kostet – nur eben nicht hier.

Die Wahrheit ist unangenehm: Die deutsche Autoindustrie betreibt inzwischen geografische Preisdifferenzierung auf Weltmarktniveau. In China wird konkurrenzfähig produziert. In Deutschland funktioniert das nicht, und wir Käufer müssen dafür zahlen. Die Gründe sind bekannt: Hohe Löhne, teure Energie, Regulierung, kleinere Stückzahlen. Alles richtig. Aber eben nicht die ganze Wahrheit.

Die ganze Wahrheit steht auf der Preisliste in Shanghai. Dort sieht man, was ein deutsches Auto kostet, wenn es wirklich im Wettbewerb gebaut wird. Und dort sieht man auch, was der deutsche Kunde nicht mehr bekommt. Es sei denn er zieht um. Ich überlege mir das. Vielleicht ziehe ich nicht wegen der Kultur, nicht wegen des Essens und auch nicht wegen der Luft nach China. Sondern ich ziehe dann dorthin, wo deutsche Autos wieder das sind, was sie einmal waren: Volkswagen.

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