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Eine Nacht bei Philipp Lahm! Kann das Airbnb retten?

Philipp Lahm
Foto: Anja Horn
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Aktualisiert
Lesezeit4 Min · 894 Wörter

Hier können wir also schlafen wie ein Champion! Dank Philipp Lahm. Er gilt als einer der besten Verteidiger aller Zeiten. Jetzt soll er helfen, die Angriffe auf Airbnb abzuwehren. Er, die FC Bayern-Legende, Kapitän der Weltmeistermannschaft von 2014. Für die Onlineplattform vermietet er seine Villa am Tegernsee. Für nur 21 Euro kann da nun jeder übernachten. Gerade war Lahm noch schnell Turnierdirektor der EURO 2024 und damit Gastgeber für ganz Fußball-Europa. Was ist da naheliegender, als Gastgeber im eigenen Zuhause zu sein, werden sich die Werbestrategen wohl gedacht haben. Für Airbnb geht es in diesem Spiel um alles. Immer mehr Städte ziehen dem Vermietungsportal aus Angst vor Overtourism die Bettdecke weg. Auch bald bei uns?

„Wir können es kaum erwarten, die gemütliche Atmosphäre dieses Hauses zu teilen und unseren Gästen eine einzigartige Erfahrung zu bieten“, verkündete Philipp Lahm in dieser Woche und zeigte dazu Fotos von seiner Bilderbuch-Villa am Tegernsee, die er bisher immer sehr privat gehalten hat. Er posiert im Kaminzimmer vor den Trophäen seiner schönsten Fußballmomente, setzt sich auf das strafraumgroße weiße Sofa im Wohnzimmer, macht ein Dribbling zum Indoorpool im Keller und schwärmt, dass sich Ehefrau Claudia seit dem Kauf der Villa im Jahr 2011 um die Inneneinrichtung und das Design gekümmert habe wie die besten Trainer früher um ihn.

Vor einem Jahr hat Airbnb in Kalifornien mal Barbies Malibu Dreamhouse zur Vermietung angeboten. Einmal in ihrer pinkfarbenen Villa übernachten: Nach dem Barbie-Film war das natürlich der Traum von Millionen Puppenfans.

Nach Barbie kommt jetzt also der Ken vom Tegernsee. Am 18. Oktober möchte Philipp Lahm zwei Gäste persönlich in seinem Zuhause begrüßen. Ab 7. August können sich Interessenten auf Airbnb dafür bewerben, so viel Werbung muss dann doch sein.

Übernachtungskosten? Nur 21 Euro. Die 21 war schließlich die Rückennummer auf Lahms Trikot.

Im Preis inbegriffen: ein handsigniertes Trikot von ihm. Sicherlich auch, damit keiner der Gäste auf die Idee kommt, eines heimlich von der Trophäenwand zu nehmen.

Beim Check-out gibt es mehr Giveaways als in den besten 5-Sterne-Hotels. Star-Vermieter Lahm macht es für Airbnb bayernlike und lädt seine Übernachtungsgäste noch zum Spiel des FC Bayern München gegen den VfB Stuttgart ein. Eine Top-Bewertung dürfte ihm damit auf dem Vermietungsportal ziemlich sicher sein.

Fraglich, ob es auch Airbnb rettet. 2008 in San Francisco gegründet, als „Airbed and Breakfast“, also Luftmatratze und Frühstück. Den drei Gründern Bryan Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk war die Idee dazu gekommen, weil die WG-Zimmer zu teuer geworden waren und Hotels unerschwinglich, vor allem wenn Events wie große Messen oder Konzerte in der Stadt stattfanden.

Privatzimmer für ein paar Tage zu vermieten, das schien die Lösung zu sein. Wenn man sowieso nicht zu Hause ist oder noch Platz übrig hat. Und mehr als eine Luftmatratze und vielleicht Frühstück am nächsten Tag braucht doch niemand, oder? Zumindest nicht damals, als alle noch cool waren oder wenigstens sein wollten.

Heute ein Milliardengeschäft. Umsatz 3,4 Milliarden Dollar. 5600 Mitarbeiter weltweit. 5 Millionen Inserate auf der Plattform, 900 Millionen Übernachtungen in 100.000 Städten. Und genau da droht die Matratze zu platzen.

Airbnb ist nicht mehr wie das Übernachten bei Freunden, die unvergesslichen Tage im Penthouse in Paris oder im Loft in Neapel oder in einem dieser lässigen Beachhouses in Malibu. Oder eben am Tegernsee bei Philipp Lahm. Es ist ein Business geworden. Es geht den Machern um Money, nicht mehr um Memories. Die Realität: Ganze Wohnhäuser werden umfunktioniert zu Airbnb. Immobilien-Entwickler ziehen Apartment-Anlagen ausschließlich für Airbnb-Nutzung hoch. Investoren vervierfachen ihren Gewinn, indem sie ganzjährig auf Airbnb-Touristen setzen, statt die Wohnungen an Einheimische zu vermieten. 

Die Folge: Menschen, die in Urlaubsregionen leben und arbeiten, finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr. Mallorca, Venedig, Barcelona, Capri, Lissabon, Amsterdam – plötzlich überall Proteste dagegen. Das Codewort: Over-Tourism! 

Jörg Arnold, General Manager vom berühmten The Chedi Andermatt und Vorstand Schweiz Tourismus, kennt das Business seit 35 Jahren. Er sagt: „Ein Großteil von diesem Over-Tourism hat mit Airbnb zu tun. Weil Urlauber plötzlich nicht mehr in Hotels sind, sondern in Privathäusern überall verteilt. Das bringt eine Unruhe in Quartiere, die vorher ganz ruhig waren und Partys in Häusern von Leuten, die niemand kennt. Das hat sehr, sehr viel Unruhe in den Tourismus gebracht.“

In Madrid hat die Stadtverwaltung registriert, dass auf eine legale Ferienwohnung mittlerweile acht illegale Airbnbs kommen.

Jaume Collboni, Bürgermeister von Barcelona, setzt Airbnb an die Luft: Per Dekret hat er alle bestehenden Lizenzen für die Vermietungen von Ferienwohnungen beendet, ab 2028 ist Airbnb in der Stadt verboten!

Lissabon hat eine neue Verordnung erlassen, dass Airbnbs in einer Hausanlage verboten werden, sobald sich auch nur ein einziger Anwohner darüber beschwert.

Auch der Berliner Senat zieht eine Mauer gegen Airbnb auf. Die Inserate von privaten Ferienwohnungen seien durch die restriktive Politik bereits um zwei Drittel zurückgegangen, wie Visit Berlin in dieser Woche stolz meldet. 

Airbnb hat ein Image wie ein Sonnenbrand. Das Geschäftsmodell ist plötzlich wackelig wie eine Nacht auf einer dieser Luftmatratzen. Der Aktienkurs ist in diesem Monat um 8 Prozent eingebrochen. 

Für alle Business Punks: Buchen wir uns also schnell bei Philipp Lahm ein – so lange es noch geht.

Portrait Tom Junkersdorf

Tom Junkersdorf