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Energiemarkt schlägt Geldpolitik: EZB Zinswende wird zum Risiko

Christine Lagarde
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Lesezeit4 Min · 831 Wörter

Die EZB erhöht erstmals seit drei Jahren die Zinsen. Doch Energieschock und Geopolitik machen jede Prognose zur Makulatur. Europas Kapitalmärkte taumeln zwischen Inflation und Rezession.

Die Europäische Zentralbank steht vor ihrer ersten Zinserhöhung seit drei Jahren – und niemand weiß, ob das reicht oder der Anfang einer Hochzinsphase ist. Der Grund: Die Straße von Hormus bleibt gesperrt, Energiepreise explodieren, und die Inflation liegt bei 3,2 Prozent.

Gleichzeitig schwächelt die Konjunktur. Die EZB muss zwischen Pest und Cholera wählen. Am Donnerstag wird sie handeln – aber was danach kommt, ist völlig offen.

Märkte preisen drei Zinsschritte ein – unrealistisch?

Eine Anhebung um 25 Basispunkte gilt als ausgemacht. Doch Finanzprofis streiten bereits über den weiteren Kurs. Laut Wallstreet Online rechnet der Terminmarkt mit fast drei Zinserhöhungen bis Jahresende. Jan Felix Glöckner von Insight Investment hält das für ambitioniert. Der Inflationsdruck komme vor allem von gestiegenen Energiepreisen – ein angebotsseitiger Schock, auf den Geldpolitik kaum Einfluss habe.

Die EZB ziele weniger auf die Inflationsrate selbst ab, sondern wolle Zweitrundeneffekte verhindern. Glöckner erwartet, dass die Notenbank sich alle Optionen offenhält und auf neue Daten reagiert. David Zahn von Franklin Templeton sieht das anders. Er rechnet mit einer zweiten Zinserhöhung im September. Die Inflation bleibe hartnäckiger als gedacht, die EZB müsse entschlossener handeln als 2022 nach dem Russland-Ukraine-Krieg. Damals habe sie zu zurückhaltend reagiert. Diesmal dürfte sie stärker gegensteuern.

Geopolitik trifft Fiskalpolitik – Frankreich im Fokus

Parallel verschärft sich die politische Unsicherheit. Frankreich, Italien und Spanien stehen vor Wahlen. Besonders Frankreich bereitet Sorgen. Vor den Wahlen dürfte die Fiskalpolitik deutlich gelockert werden – schlecht für die Anleihemärkte. Die Renditeaufschläge französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen liegen bei 65 bis 70 Basispunkten.

Zahn hält das für zu niedrig. Ein fairer Wert läge bei 100 Basispunkten, angesichts der schwachen Haushaltslage und des politischen Risikos. Die EZB-Sitzung gewinnt damit zusätzliche Brisanz. Sie muss nicht nur die Zinserhöhung beschließen, sondern auch signalisieren, wie entschlossen sie gegen die Inflation vorgehen will. Gleichzeitig steht mit Boris Vujčić ein neuer Vizepräsident bereit, der Luis de Guindos ablöst.

Kapitalmärkte in der Zwickmühle

Europäische Aktien zeigen sich erstaunlich robust. Der EURO STOXX 600 legte in drei Monaten um 6 Prozent zu, obwohl der Nahostkonflikt die Nerven strapaziert. Doch Florian Späte von Generali Investments warnt vor einer Entkopplung. Seit April spiegelten Staatsanleihen Inflations- und Fiskalrisiken, während Anleger bei Aktien und Unternehmensanleihen auf einen günstigen Ausgang setzten. Sollte die Straße von Hormus bis in den Sommer gesperrt bleiben, würde die Inflation neu entfachen. Die Finanzierungsbedingungen würden sich verschärfen, Aktien und Unternehmensanleihen wieder mit den Zinsen korrelieren.

Ann-Katrin Petersen vom Blackrock Institute sieht die Kapitalmärkte in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite kräftiges Gewinnwachstum, vor allem in den USA und ausgewählten Schwellenländern. Auf der anderen Seite steigende Zinsen durch anhaltenden Inflationsdruck. Der Ausbau der Künstlichen Intelligenz erhöhe die Kapitalnachfrage zusätzlich – nicht nur für Technologie, sondern auch für Energiesicherheit und Infrastruktur. Das verstärke den Wettbewerb um Kapital und treibe die langfristigen Renditen nach oben.

Diversifikation wird zur Illusion

Der klassische Aktien-Anleihen-Mix verliert an Wirkung. Steigende Renditen bei schwächeren Aktienkursen zeigen laut FAZ, dass Staatsanleihen in einem Umfeld mit Angebotsknappheiten, hartnäckiger Inflation und steigenden Staatsschulden weniger verlässlich diversifizieren. Auch breit gestreute Indizes täuschen. Der Anteil der Informationstechnologie in den MSCI-Indizes für die USA und Schwellenländer hat sich seit Einführung von ChatGPT 2022 fast verdoppelt.

Entscheidend sei zunehmend, welche wirtschaftlichen Treiber und Risiken ein Portfolio tatsächlich enthalte – nicht die Zuordnung klassischer Anlageklassen. Lotfi Karoui von Pimco widerspricht der gängigen Marktmeinung, dass KI-bezogene Schuldenemissionen die Renditen nach oben treiben. Der jüngste Renditenanstieg spiegele vielmehr veränderte Erwartungen an die Wirtschaftspolitik und eine Neubewertung des Zinspfads der US-Notenbank. Die Rahmenbedingungen für Gesamterträge im Rentenmarkt hätten sich eher verbessert.

Business Punk Check

Die EZB steckt in der Falle. Sie kann die Zinsen erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen – aber damit würgt sie die ohnehin schwache Konjunktur ab. Sie kann abwarten – aber dann riskiert sie, dass sich die Inflation verfestigt. Die Wahrheit: Geldpolitik ist gegen geopolitische Schocks machtlos. Solange die Straße von Hormus gesperrt bleibt, wird die Inflation nicht verschwinden. Die EZB kann nur Schadensbegrenzung betreiben. Für Unternehmen bedeutet das: Finanzierungskosten steigen, Planungssicherheit schwindet.

Wer jetzt auf billige Kredite setzt, wird enttäuscht. Wer auf stabile Energiepreise hofft, ist naiv. Die Märkte preisen derzeit einen günstigen Ausgang ein – ein gefährlicher Optimismus. Sollte der Konflikt eskalieren, werden Aktien und Unternehmensanleihen abstürzen. Die klassische Diversifikation funktioniert nicht mehr. Entscheidend ist, welche wirtschaftlichen Treiber im Portfolio stecken – nicht die Etikettensammlung. Die EZB wird am Donnerstag handeln. Aber sie wird keine Klarheit schaffen. Sie wird sich alle Optionen offenhalten und auf neue Daten reagieren. Das ist keine Strategie – das ist Krisenmanagement.

Quellen: Wallstreet Online, FAZ, Handelsblatt

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.