Female & Forward „Happy“ Weekend: Mit diesem Gerät komme ich zu meinem Lieblingssong?

„Happy“ Weekend: Mit diesem Gerät komme ich zu meinem Lieblingssong?

Ein Kickstarter-Projekt will Musik als körperliche Empfindung übertragen – nicht nur Rhythmus, sondern komplette Audio-Waveforms. Doch die Realität hinter dem Hype sieht anders aus.

Musik fühlen statt nur hören – das verspricht ein Crowdfunding-Projekt von Groove Thing, das auf Kickstarter bereits für Aufsehen sorgt. Das Gerät kombiniert einen Bluetooth-Lautsprecher mit vibrierenden Aufsätzen, die komplette Audio-Waveforms in körperliche Empfindungen übersetzen sollen.

Unterschiedliche Noten, Instrumente und Tonhöhen sollen angeblich spürbar werden. Die Kampagne trifft offenbar einen Nerv – doch was steckt wirklich hinter dem Marketing-Versprechen?

Mehr als nur Bass: Das technische Konzept

Vibratoren, die auf Musik reagieren, gibt es bereits. Die meisten arbeiten simpel: lauter bedeutet stärker, schneller bedeutet intensiver. Das neue System will laut Heise einen anderen Weg gehen.

Ein patentiertes Signalverarbeitungsverfahren soll die komplette Audio-Waveform in Echtzeit in vibrierende Signale umwandeln. Der interne Resonator überträgt diese dann als körperliche Empfindung. Die Audioquelle koppelt per Bluetooth an den integrierten Lautsprecher – technisch klingt das durchdacht. Und das sieht das im Werbevideo „Groove Thing • Brand Launch (NSFW)“ so aus:

Haptisches Audio ist keine Sex-Tech-Erfindung

Die Idee, Klang physisch erlebbar zu machen, stammt ursprünglich aus anderen Bereichen. Das kanadische System SUBPAC wandelt seit Jahren tiefe Audiofrequenzen in körperliche Vibrationen um – Frequenzbereich 1 bis 200 Hz. Haptische Wandler übertragen Bass-Informationen direkt auf Rücken oder Oberkörper. Musikschaffende, Gamer und VR-Nutzer setzen die Technologie bereits ein.

Der deutsche Feelbelt geht noch weiter: Zehn unabhängige Aktuatoren übersetzen das gesamte hörbare Frequenzspektrum von 10 bis 20.000 Hz in haptische Impulse. Ein ARM-Dual-Core-Prozessor mit DSP-Einheit übernimmt die Signalverarbeitung. Die Technologie existiert also – die Frage ist, ob sie im Sex-Tech-Kontext funktioniert.

Wenn Marketing auf Realität trifft

Die Kickstarter-Kampagne zeigt enthusiastische Nutzer und verspricht revolutionäre Erlebnisse. Das Magazin Wired testete einen frühen Prototyp – und zeigte sich ernüchtert. Klobiges Design, laute Motorgeräusche, unangenehme Vibrationen. Die Erfahrung sei unterdurchschnittlich gewesen.

Pikant: Der Hersteller betonte gegenüber Wired mehrfach, das Gerät sei nicht primär für sexuelle Erregung konzipiert, sondern zum Musikhören – speziell um Bass und Percussion körperlich zu spüren. Auf der Kickstarter-Seite fehlt dieser Hinweis komplett. Dort heißt es stattdessen, das Gerät sei bereits in „170 holes“ getestet worden. Die Diskrepanz zwischen Marketing und tatsächlicher Positionierung ist bemerkenswert.

Business Punk Check

Hier prallen zwei Welten aufeinander: bewährte haptische Audio-Technologie aus Gaming und Musikproduktion trifft auf Sex-Tech-Marketing. Die Grundtechnologie funktioniert – SUBPAC und Feelbelt beweisen das seit Jahren. Aber ein Vibrator ist kein VR-Gürtel. Die Anforderungen sind völlig andere: Körperkontakt, Materialbeschaffenheit, Geräuschentwicklung, tatsächliche Lustempfindung statt reiner Basswahrnehmung. Der Wired-Test entlarvt das zentrale Problem: Was technisch möglich ist, muss nicht automatisch erotisch funktionieren.

Die widersprüchliche Kommunikation – gegenüber Medien „Musikhören“, auf Kickstarter „170 holes“ – zeigt Unsicherheit über die eigentliche Zielgruppe. Wer hier investiert, sollte sich fragen: Braucht guter Sex wirklich eine patentierte Signalverarbeitung? Oder ist das nur Tech-Hype für ein Produkt, das zwischen allen Stühlen sitzt? Early Adopters riskieren hier, Beta-Tester für ein Konzept zu werden, das seine Identität noch suchen muss.

Häufig gestellte Fragen

Funktioniert die Technologie zur Übertragung von Musik als Vibration wirklich?

Die Grundtechnologie ist bewährt – Systeme wie SUBPAC und Feelbelt übersetzen seit Jahren Audiofrequenzen in haptische Impulse. Der entscheidende Unterschied: Diese Geräte sind für Musikproduktion und Gaming optimiert, nicht für erotische Anwendungen. Der Wired-Test des neuen Vibrators zeigt, dass die Übertragung dieser Technologie auf Sex-Toys nicht automatisch funktioniert. Laute Motorgeräusche und unangenehme Vibrationen sprechen gegen eine gelungene Umsetzung.

Lohnt sich die Investition in das Kickstarter-Projekt?

Wer auf Kickstarter investiert, wird Beta-Tester für ein Produkt mit unklarer Positionierung. Der Hersteller kommuniziert widersprüchlich: Gegenüber Medien betont er Musikgenuss statt sexuelle Erregung, auf der Kampagnenseite verspricht er erotische Erlebnisse. Diese Unsicherheit über die Zielgruppe ist ein Warnsignal. Wer wirklich haptisches Audio erleben will, findet mit SUBPAC oder Feelbelt ausgereifte Alternativen. Für erotische Zwecke gibt es etablierte Produkte ohne Tech-Experimente.

Welche Sex-Tech-Innovationen sind wirklich praxistauglich?

Praxistaugliche Sex-Tech konzentriert sich auf konkrete Bedürfnisse statt auf technische Spielereien. App-gesteuerte Toys mit präziser Vibrationskontrolle, Fernsteuerung für Partnerschaften auf Distanz oder körpergerechte Designs mit medizinischem Silikon haben sich bewährt. Die Integration komplexer Audio-Signalverarbeitung löst kein echtes Problem – sie schafft neue. Gute Sex-Tech ist intuitiv bedienbar, leise und fokussiert auf Lustempfindung, nicht auf technische Komplexität.

Was unterscheidet erfolgreiche von gescheiterten Sex-Tech-Projekten?

Erfolgreiche Sex-Tech-Produkte lösen echte Probleme: bessere Ergonomie, leisere Motoren, längere Akkulaufzeit, hygienischere Materialien. Gescheiterte Projekte setzen auf Tech-Hype ohne Mehrwert. Die Frage ist immer: Verbessert die Technologie das Erlebnis wirklich, oder ist sie nur Marketing? Wenn ein Hersteller gegenüber Testern andere Aussagen trifft als auf der Verkaufsseite, fehlt die Klarheit über den eigenen Produktnutzen. Das ist ein klassisches Warnsignal für überzogene Versprechen.

Quellen: Heise, Kickstarter

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