Finance & Freedom Abflug aus der Preisspirale: Warum Deutschland zum Billigflieger-Friedhof wird

Abflug aus der Preisspirale: Warum Deutschland zum Billigflieger-Friedhof wird

Steigende Flugpreise in Deutschland sind kein Zufall: Während Europa abhebt, bremsen hohe Steuern und Gebühren den deutschen Luftverkehr aus. Die Folge: Airlines meiden den Standort – und Urlauber zahlen die Zeche.

Die Zeiten der 9,90-Euro-Flüge sind endgültig vorbei. Wer heute von deutschen Flughäfen abhebt, zahlt deutlich mehr als noch vor einem Jahr – selbst bei den sogenannten Billigfliegern. Die Preisspanne für ein einfaches Ticket ohne Gepäck liegt inzwischen zwischen 67 und 130 Euro. Zum Vergleich: Im Vorjahr bewegten sich die Preise noch zwischen 66 und 110 Euro, wie aktuelle Daten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) belegen.

Gebühren-Hochburg Deutschland

Der Hauptgrund für die Preisexplosion liegt in den staatlichen Abgaben. Laut „wdr.de“ machen Gebühren und Steuern rund 70 Prozent des Ticketpreises in Deutschland aus. Frankfurt führt mit 58,60 Euro pro Passagier die nationale Kostentabelle an, gefolgt von München mit 49,06 Euro. Nur Amsterdam ist europaweit noch teurer.

Der Flughafen Berlin-Brandenburg schneidet mit 22,23 Euro vergleichsweise günstig ab, liegt aber immer noch im oberen europäischen Drittel. Besonders drastisch zeigt sich die Entwicklung im Vergleich: Während die Standortkosten europaweit seit 2019 um 26 Prozent gestiegen sind, verzeichnet Deutschland einen Anstieg von 38 Prozent, wie „wdr.de“ berichtet. Diese Kostenexplosion trifft vor allem die preissensiblen Low-Cost-Carrier.

Airlines stimmen mit den Flügeln ab

Die Folgen sind bereits spürbar: Airlines reduzieren ihr Angebot in Deutschland oder ziehen sich komplett zurück. Laut „Zeit“ liegt das Sitzplatzangebot im Sommer 2025 in Deutschland bei nur 93 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2019. Im restlichen Europa übertrifft das Angebot die Vor-Corona-Zahlen hingegen bereits um 10 Prozent.

Besonders im Low-Cost-Segment klafft die Schere weit auseinander: 85 Prozent Kapazität in Deutschland stehen 133 Prozent in anderen europäischen Ländern gegenüber. Ryanair-Chef Eddie Wilson bringt es auf den Punkt: „Ich kann nicht mehr Flugzeuge in Deutschland stationieren, wenn sie im Rest Europas bessere Renditen einfliegen“, so Wilson gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Preiskampf mit klaren Gewinnern

Im Wettbewerb der Billigflieger zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Lufthansa-Tochter Eurowings verlangt mit durchschnittlich 130 Euro am meisten – ein Plus von 20 Euro gegenüber dem Vorjahr. Dennoch bleibt sie der größte Low-Cost-Anbieter in Deutschland.

Bei Ryanair stieg der Durchschnittspreis von 66 auf rund 80 Euro, wie „reisevor9.de“ dokumentiert. Easyjet erhöhte nur leicht von 84 auf 86 Euro. Gegen den Trend konnte Wizz Air seine Preise von 94 auf 67 Euro senken und ist damit aktuell der günstigste Anbieter. Die osteuropäische Airline scheint eine Nischenstrategie zu verfolgen, während die etablierten Anbieter ihre Margen erhöhen.

Buchungszeitpunkt entscheidet

Wer kurzfristig bucht, zahlt drauf – diese alte Regel gilt mehr denn je. Für Tickets mit nur einem Tag Vorlauf verlangt Eurowings im Schnitt 169 Euro, Wizz Air immerhin 119 Euro. Frühbucher, die drei Monate im Voraus planen, zahlen bei Ryanair mindestens 46 Euro, bei Eurowings höchstens 90 Euro, wie „reisevor9.de“ berichtet.

Die dynamische Preisgestaltung der Airlines führt jedoch zu paradoxen Situationen: Ein Eurowings-Flug von Düsseldorf nach Stockholm kostete eine Woche vor Abflug knapp 500 Euro – bei noch kurzfristigerer Buchung nur 200 Euro. Der ideale Buchungszeitpunkt lässt sich kaum noch bestimmen.

Business Punk Check

Der deutsche Luftverkehr steckt in einer selbstverschuldeten Abwärtsspirale: Hohe staatliche Abgaben vertreiben Airlines, weniger Angebot führt zu höheren Preisen, was wiederum die Nachfrage dämpft. Während andere europäische Länder ihre Luftverkehrssteuer senken oder ganz abschaffen, hält Deutschland an seinem Hochpreismodell fest. Die Rechnung zahlen nicht nur Urlauber, sondern auch der Wirtschaftsstandort.

Für Geschäftsreisende und Pendler bedeutet dies: Wer flexibel ist, weicht auf grenznahe ausländische Flughäfen aus. Basel statt Stuttgart, Eindhoven statt Düsseldorf. Der Wettbewerbsnachteil für deutsche Flughäfen wird sich weiter verschärfen, wenn die Politik nicht gegensteuert. Die Bilanz ist ernüchternd: Deutschland macht sich selbst zum Hochpreisland der Lüfte – und verliert den Anschluss im europäischen Luftverkehr.

Häufig gestellte Fragen

  • Lohnt es sich noch, von deutschen Flughäfen zu starten?
    Für Kurzstreckenflüge können grenznahe ausländische Flughäfen wie Basel, Eindhoven oder Salzburg deutlich günstiger sein. Bei Langstreckenflügen bleibt der Preisvorteil oft gering, da die Gebührenunterschiede prozentual weniger ins Gewicht fallen.
  • Wann sollte man Flüge buchen, um die besten Preise zu erzielen?
    Die alte Faustregel „je früher, desto besser“ gilt nur noch bedingt. Optimal ist ein Buchungszeitraum von 2-3 Monaten vor Abflug. Paradoxerweise können Last-Minute-Buchungen (1-2 Tage vor Abflug) manchmal günstiger sein als Buchungen 1-2 Wochen vorher.
  • Welche Alternativen gibt es zu teuren Flügen ab Deutschland?
    Neben grenznahen ausländischen Flughäfen bieten Bahn-Flug-Kombinationen oft Preisvorteile. Auch Zubringerflüge zu großen europäischen Hubs wie Amsterdam, Paris oder Istanbul können sich lohnen, da von dort aus mehr Direktverbindungen zu günstigeren Preisen angeboten werden.
  • Wie wirkt sich die Entwicklung auf den Geschäftsreiseverkehr aus?
    Mittelständische Unternehmen spüren die Kostensteigerungen besonders. Viele setzen verstärkt auf virtuelle Meetings oder verlagern Geschäftsreisen auf die Bahn. Für internationale Konzerne mit Standorten in Deutschland erhöht sich der Kostendruck, was langfristig Standortentscheidungen beeinflussen kann.

Quellen: „www1.wdr.de“, „reisevor9.de“, „Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“

Das könnte dich auch interessieren