Finance & Freedom EZB-Game of Thrones: Warum Lagarde schneller gehen könnte

EZB-Game of Thrones: Warum Lagarde schneller gehen könnte

Eigentlich sollte die Chefin der Zentralbank bis Oktober 2027 bleiben. Doch die Nachfolger laufen sich warm. Einer hat die Nase vorn.

Im Frankfurter Eurotower wird kein Geld gedruckt. Hier werden Machtverhältnisse gestanzt. Oben im Glas, zwischen Konferenzräumen und Bloomberg-Screens, brodelt gerade eine Debatte, die weit über Inflation, Zinsen und Konjunktur hinausgeht. Es geht um den wichtigsten Job Europas. Und um die Frage, wer ihn bekommt, bevor der politische Wind in Paris endgültig dreht.

Offiziell läuft der Vertrag von Christine Lagarde noch bis zum 31. Oktober 2027. Inoffiziell läuft längst eine andere Uhr. Vor allem britische Medien spekulieren über einen früheren Abgang. Lagarde selbst winkt ab. Doch in europäischen Zentralbankerkreisen wird nicht mehr gefragt, ob sie geht – sondern wann.

Der Grund sitzt nicht in Frankfurt, sondern im Élysée. Emmanuel Macron gilt dort bereits als „Lame duck im Élysée-Palast“. Ein Präsident mit schwindender Macht, der weiß, dass Zeit sein knappstes Gut geworden ist. Wenn er sich noch Einfluss sichern will, tut er das jetzt. Und nicht 2027. Dabei war die Besetzung der EZB-Spitze nie ein offenes Casting. Sie war immer ein Hinterzimmerdeal zwischen Berlin und Paris. Rom und Madrid durften manchmal mitreden. Kleinere Länder wurden informiert, wenn alles entschieden war. Europäische Demokratie im Executive-Modus.

Die EZB war schon immer mehr als eine Zentralbank. Sie ist die mächtigste Institution Europas. Sie entscheidet über Schulden, Banken, Staaten, Rettungen. Wer hier sitzt, sitzt am Hebel der Integration. Frankreich hatte mit Lagarde den Jackpot. Ein zweites Mandat für Paris wäre politisch kaum durchsetzbar. Gleichzeitig wächst der Druck aus Südeuropa. Spanien will endlich den Job. Italien sucht Bündnisse. Der Norden will Stabilität, aber keine französische Dauerpräsenz.

Deutschland? Kaum im Rennen. Joachim Nagel, deutscher Bundesbankpräsident, wird als zu orthodox, zu groß, zu deutsch beschrieben. Konsensfähigkeit schlägt Stabilitätsdogma. Das Rennen läuft deshalb nach Informationen aus internationalen zentralbanker-Kreisen zwischen zwei Typen. Der eine: Klaas Knot aus den Niederlanden. Stabilitätsfreak, Inflationsjäger, Fan monetärer Disziplin. Für viele die Rückkehr zu einer alten EZB, die sich weniger als Retter Europas und mehr als Hüter des Geldwerts versteht. Der andere: Pablo Hernández de Cos, derzeit Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. International, politisch geschickt, akzeptabel für Nord und Süd. Und vor allem: Spanier. Spanien hatte den Posten noch nie. In der EU ist das ein unschlagbares Argument.

Während dieses Rennen läuft, verschiebt sich die eigentliche Macht in die zweite Reihe. Paris und Berlin konzentrieren sich auf die Posten, die weniger sichtbar, aber oft entscheidender sind. Der des Chefvolkswirts etwa. Derzeit ist das der Ire Philip Lane. Er ist der Mann, der die Modelle baut, mit denen Politik legitimiert wird. Sein möglicher Nachfolger: Markus Brunnermeier, deutscher Princeton-Professor, global vernetzt, intellektuell anschlussfähig.

Oder der Marktvorstand. Noch ist das die deutsche Isabel Schnabel. Wer ihr folgt, steuert Kommunikation, Märkte und oft die operative Linie der Geldpolitik. Das klingt nach Personalpolitik. In Wahrheit ist es Geopolitik. Denn während die USA offen über die Unabhängigkeit der Federal Reserve System streiten, läuft Europas Machtkampf leise. Hinter Türen. In Telefonaten. In Abendessen. Die Frage ist dieselbe: Wie unabhängig ist eine Zentralbank, deren Spitzenjobs politisch verhandelt werden?

Ein früher Abgang Lagardes wäre deshalb kein Drama für Märkte. Die würden sich anpassen. Es wäre ein politisches Signal. Europa wird nicht in Brüssel regiert. Auch nicht in Frankfurt. Sondern in den Hauptstädten. Und solange das so bleibt, gilt für die EZB: offiziell unabhängig. Praktisch politisch.Formularende

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