Finance & Freedom Große Unterschiede, gleiche Gesellschaft: Diese Jobs offenbaren das Gehaltsgefälle

Große Unterschiede, gleiche Gesellschaft: Diese Jobs offenbaren das Gehaltsgefälle

Der deutsche Gehaltsmarkt ist ein Flickenteppich aus regionalen, branchenspezifischen und geschlechtsbezogenen Unterschieden. Eine exklusive Datenanalyse zeigt, welche Faktoren wirklich über dein Einkommen entscheiden.

Der Mythos vom leistungsgerechten Gehalt in Deutschland bröckelt massiv. Eine umfassende Kununu-Analyse mit hunderttausenden Gehaltsdaten offenbart ein Arbeitsmarkt-Mosaik, in dem nicht primär Kompetenz und Einsatz zählen. Stattdessen entscheiden oft Faktoren wie Wohnort, Geschlecht und Branchenzugehörigkeit über fünfstellige Gehaltsunterschiede bei identischen Jobprofilen. Laut „Focus“ zeigt die Auswertung von zehn verbreiteten Berufen: Der deutsche Arbeitsmarkt belohnt zwar Leistung – aber keineswegs gleichmäßig.

Gehaltshierarchie: Wer kassiert am meisten?

Die Gehaltspyramide in Deutschland folgt klaren Mustern. An der Spitze thronen Ingenieure mit durchschnittlich 69.140 Euro Jahresgehalt, dicht gefolgt von Produktmanagern (66.320 Euro) und Projektmanagern (63.131 Euro). Überraschend: Softwareentwickler, oft als digitale Elite gehandelt, landen mit 61.663 Euro nur im oberen Mittelfeld, wie „Focus“ berichtet.

Am unteren Ende der Skala finden sich kaufmännische Angestellte und Sachbearbeiter mit rund 42.000 Euro – ausgerechnet jene Berufsgruppen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Besonders auffällig: Komplexe Verantwortung garantiert keineswegs Spitzengehälter. Projektmanager jonglieren mit Termindruck, Schnittstellenmanagement und Budgetverantwortung, verdienen aber deutlich weniger als technische Spezialisten.

Der hartnäckige Gender Pay Gap

Die Analyse offenbart ein durchgängiges Muster: In allen untersuchten Berufsfeldern verdienen Männer mehr als Frauen – ohne Ausnahme. Laut „Focus“ sind die Unterschiede bei Produktmanagern (11.000 Euro), Projektmanagern (10.000 Euro) und Controllern (9.000 Euro) besonders eklatant.

Selbst in klassisch weiblich dominierten Bereichen wie dem HR-Management existiert die Lücke: Männer erhalten hier 59.123 Euro, Frauen nur 56.258 Euro. Der Gender Pay Gap erweist sich als strukturelles Problem, das tief in der Wirtschaftslandschaft verankert ist.

Führung und Erfahrung: Die ungleichen Multiplikatoren

Personalverantwortung wirkt als Gehaltstreiber – allerdings mit stark unterschiedlicher Hebelwirkung. Bei Ingenieuren bringt Führungsverantwortung rund 10.000 Euro Aufschlag, bei Produktmanagern sogar 12.000 Euro. Projektmanager profitieren dagegen kaum: Hier sind es magere 1.700 Euro mehr für die gleiche Verantwortung.

Als verlässlichster Gehaltstreiber erweist sich Berufserfahrung. Wie „Focus“ dokumentiert, steigen Einkommen mit den Jahren kontinuierlich an. Besonders steil verläuft die Kurve bei Ingenieuren, deren Gehälter von 57.080 Euro auf 79.063 Euro klettern. Noch steiler ist der Anstieg bei Produktmanagern: von 53.960 Euro auf 80.705 Euro nach zehn Jahren Erfahrung.

Gehaltsgeografie: Die Postleitzahl entscheidet mit

Der Standortfaktor bleibt ein mächtiger Gehaltshebel. München führt das Ranking in vielen Berufen an, etwa bei Controllern (68.006 Euro) und Softwareentwicklern (67.450 Euro). Frankfurt dominiert in finanznahen Positionen, während Stuttgart bei Ingenieuren punktet.

Am anderen Ende der Skala stehen ostdeutsche Städte wie Leipzig und Dresden, die oft fünfstellige Gehaltsabschläge verzeichnen. Die Bundesländer-Analyse bestätigt das Bild: Baden-Württemberg, Bayern und Hessen führen, während Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen das Schlusslicht bilden. Die deutsche Einheit existiert beim Gehalt noch lange nicht.

Branchen-Lotterie: Gleicher Job, anderes Gehalt

Ein massiv unterschätzter Faktor ist die Branchenzugehörigkeit. Bei identischen Jobprofilen klaffen Gehälter um mehr als 20.000 Euro auseinander, wie „Focus“ berichtet. Controller verdienen in der Chemiebranche 71.160 Euro, im Gesundheitssektor dagegen nur 46.834 Euro.

HR-Manager erreichen in der Versicherungswirtschaft 68.606 Euro, in klassischen Dienstleistungsbranchen nur 51.827 Euro. Das Muster ist eindeutig: Kapitalintensive, margenstarke Branchen zahlen besser. Selbst standardisierte Positionen wie Sachbearbeiter spüren den Brancheneffekt: In der öffentlichen Verwaltung gibt es 47.430 Euro, in der Dienstleistung nur 37.813 Euro.

Business Punk Check

Die Gehaltsdaten entlarven den Mythos vom leistungsgerechten Arbeitsmarkt als naive Illusion. Wer seine Karriere optimieren will, muss strategisch denken: Ein Jobwechsel von Dresden nach München bringt oft mehr als fünf Jahre harte Arbeit am gleichen Ort. Der Branchenwechsel eines Controllers vom Gesundheitssektor in die Chemie kann das Gehalt um 50 % steigern – bei identischem Jobprofil.

Die wahre Karrierestrategie 2023 liegt nicht im Überstundenmarathon, sondern in der klugen Positionierung im Koordinatensystem aus Branche, Region und Führungsverantwortung. Wer heute noch glaubt, allein durch Leistung aufzusteigen, ignoriert die Systemlogik des deutschen Arbeitsmarkts. Frauen müssen zusätzlich gegen strukturelle Benachteiligung ankämpfen – selbst in traditionell weiblich dominierten Bereichen.

Häufig gestellte Fragen

  • Wie kann ich meinen Standortnachteil beim Gehalt ausgleichen?
    Wer nicht umziehen kann oder will, sollte auf Remote-Positionen bei Unternehmen aus Hochlohnregionen setzen. Alternativ bieten überregional tätige Konzerne oft standortunabhängige Gehaltsstrukturen mit geringeren regionalen Unterschieden.
  • Lohnt sich ein Branchenwechsel finanziell wirklich?
    Absolut. Der Wechsel in kapitalintensive Branchen wie Chemie, Telekommunikation oder Automobilindustrie kann bei identischem Jobprofil bis zu 20.000 Euro Gehaltsplus bringen. Besonders Controller, HR-Manager und Produktmanager profitieren von der Branchenmobilität.
  • Wie können Frauen den Gender Pay Gap aktiv bekämpfen?
    Transparenz schaffen durch offenen Gehaltsaustausch mit männlichen Kollegen. Bei Verhandlungen konkrete Marktdaten für vergleichbare Positionen vorlegen. Netzwerke mit anderen Frauen der Branche aufbauen und Gehaltsinfos teilen. Unternehmen mit nachweislicher Gehaltsgleichheit priorisieren.
  • Was bringt mehr Gehalt: Führungsverantwortung oder Spezialisierung?
    Die Daten zeigen: Bei Ingenieuren und Produktmanagern zahlt sich Führung mit 10.000-12.000 Euro Aufschlag deutlich aus. Bei Projektmanagern bringt Spezialisierung in lukrativen Branchen dagegen mehr als der Führungsbonus von nur 1.700 Euro.
  • Wie wichtig ist Berufserfahrung wirklich für das Gehalt?
    Berufserfahrung bleibt der verlässlichste Gehaltstreiber mit bis zu 50% Steigerung nach 10 Jahren. Allerdings zeigen die Daten: Ein strategischer Branchen- oder Standortwechsel kann die Gehaltsentwicklung von 5-10 Jahren Berufserfahrung in einem Schritt bringen.

Quellen: „Focus“, „Kununu“

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