Finance & Freedom Ich zahle den Spitzensteuersatz. Und ich zahle keinen Cent mehr

Ich zahle den Spitzensteuersatz. Und ich zahle keinen Cent mehr

Warum die Steuerdiskussion Gründer und Startups in Deutschland besonders irritiert. Und warum es nicht richtig ist, wenn wir noch stärker zur Kasse gebeten werden.

Ach, lieber Lars Klingbeil, ich gebe es zu: Ich zahle den Spitzensteuersatz. Aber ich sage auch: Ihr bekommt nicht einen Cent mehr. Mit Solidaritätszuschlag, Kirchensteuer und all den anderen freundlichen Aufmerksamkeiten des Staates ist jetzt schon die Hälfte weg. Das sagt mir mein Steuerberater regelmäßig, meist in einem Tonfall, als würde er mir gerade den Tod eines entfernten Onkels mitteilen, den ich zwar kaum kannte, aber der mir ein beträchtliches Erbe hinterlassen hatte – das nun leider ebenfalls verschwunden ist. Ich habe mich daran gewöhnt. Der Mensch gewöhnt sich an alles, selbst an Zahnschmerzen. Jetzt aber wollt ihr bei der SPD meinen Steuersatz weiter erhöhen. Und mich beschleicht die Ahnung, dass dann nicht mehr nur die Hälfte weg, sondern der Rest auch nur noch ein Gerücht ist. Und da, verzeih mir, wird selbst der geduldigste Steuerzahler nervös.

Ich will mich gar nicht in eure Rechenkünste einmischen. Politische Mathematik ist bekanntlich eine eigene Disziplin: zwei plus zwei ergibt dort je nach Koalition drei, vier oder ein Sondervermögen. Mich beschäftigt etwas anderes. Warum brauche ich seit dem ersten Tag meines Berufslebens einen Steuerberater? Ich gebe zu: Excel ist für mich ein feindliches Gebiet, in dem sich Zahlen wie Guerillakämpfer im Dschungel verstecken. Aber warum ist das Steuersystem so gebaut, dass ein eigener Berufsstand davon lebt, uns vor Fehlern zu schützen, die wir ohne ihn zwangsläufig machen würden? Das Standardwerk für Steuerbürger, die Beck‘sche Sammlung von Gesetzen umfasst 1400 Seiten. 1400! Das ist kein Gesetzeswerk mehr, das ist eine Enzyklopädie der Angst. Wenn ihr schon eine Billion Euro einnehmt, warum schafft ihr es nicht, dass ein normaler Mensch mit Taschenrechner und gesundem Menschenverstand ausrechnen kann, was er schuldet? Oder ist genau das nicht gewollt?

Steuersystem als Vollbeschäftigungsprogramm

Was mir auch niemand erklärt: Wofür braucht ihr eigentlich mein Geld? Ich wohne in Düsseldorf. In einem Radius von anderthalb Kilometern gibt es mehrere Drogen-Hotspots. Werden die verschwinden, wenn ich mehr Steuern zahle? Fährt die Bahn pünktlicher? Wird ein Flughafen fertig, bevor meine Enkelkinder in Rente gehen, von der sie dann nicht leben können? Oder würdet ihr vielleicht Startups, jungen Selbständigen, Unternehmerinnen und Unternehmern, die mit Verantwortung für andere etwas aufbauen, Steuern erlassen, wenn ich mehr bezahle? Würdet ihr Studentenkredite und Meisterprüfungen finanzieren, zusätzlich zum vierten Integrationskurs? Nein – das macht ihr sicher nicht. Ihr habt ja für Startups, die an öffentlichen Aufträgen teilnehmen wollen, schon den Tarifzwang eingeführt. Ich habe den Eindruck, dass der Staat ein Fass ohne Boden ist, in das wir Geld kippen wie Wasser in den Rhein: Es fließt weiter und verteilt sich irgendwo im Ozean.

Ihr sagt, es gehe um Gerechtigkeit. Die Reichen sollen mehr zahlen, damit die Armen etwas bekommen. Das klingt edel, wie ein Märchen der Gebrüder Grimm. Aber euer Bild vom Wohlstand ist falsch. Ihr denkt in Torten: Wenn einer mehr isst, bleibt weniger für die anderen. In Wahrheit ist Wohlstand ein Hefeteig. Er wächst, wenn man ihn lässt. Und wenn er wächst, bekommen alle mehr. Überall, wo Reichtum entsteht, verschwindet Armut. Umgekehrt ist noch nie jemand aus der Armut herausbesteuert worden.

Das versteht ihr nicht? Klar, das passt ja auch nicht ins Bild. Stattdessen nehmt ihr immer mehr Hefe aus dem Teig und wundert euch dann, dass er nicht aufgeht. Irgendwann bleibt nur ein flacher, trockener Fladen übrig – staatlich reguliert, gerecht verteilt und für alle gleich fad. Vielleicht solltet ihr weniger darüber nachdenken, wie man den Kuchen verteilt, und mehr darüber, wie er überhaupt gebacken wird. Sonst sitzen wir bald alle am Tisch mit leeren Tellern. Das wäre dann zwar gerecht für alle, aber verhungern müsste jeder.

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