Finance & Freedom Insolvenzen zu unreif? Der Staat schaut ab jetzt lieber weg

Insolvenzen zu unreif? Der Staat schaut ab jetzt lieber weg

Das Statistische Bundesamt stellt die Veröffentlichung vorläufiger Insolvenzzahlen ein – wegen angeblich fehlender „methodischer Reife“. Ausgerechnet in einer Phase rasant steigender Firmenpleiten wird die amtliche Statistik intransparent.

Das Statistisches Bundesamt hat beschlossen, die vorläufigen Angaben zu Regelinsolvenzen nicht mehr zu veröffentlichen. Begründung: mangelnde „methodische Reife“. Man möchte ja schließlich keine unreifen Zahlen in die Öffentlichkeit entlassen. Zahlen im Stimmbruch. Insolvenzstatistik mit Akne. Man hört den Statistiker mit ernstem Blick sagen: „Diese Zahl ist noch nicht bereit für die große Bühne.“ Vielleicht braucht sie noch ein paar Jahre Coaching, einen sicheren Raum und eine warme Decke, bevor sie sich traut, die Wirklichkeit abzubilden.

Dabei ist die Lage alles andere als unklar. Es gibt einen Rekordanstieg bei den Insolvenzen in Deutschland. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle veröffentlicht ebenfalls eine monatlich aktuelle vorläufige Statistik – transparent, nachvollziehbar und erstaunlich belastbar. Der jüngste IWH-Insolvenztrend, vorgestellt erst letzte Woche Donnerstag, zeigt, dass 1519 Unternehmen im Dezember die Grätsche gemacht haben. Das sind 49 pro Tag, wenn man die Feiertage mitzählt, und das sind ganze 75 Prozent mehr als in einem durchschnittlichen Dezember der Jahre 2016 bis 2019. Wer hier noch von statistischer Pubertät spricht, verwechselt Wunschdenken mit Wirklichkeit. Die nun zum letzten Mal erschienene vorläufige amtliche Statistik des Bundesamts bestätigt den Trend der Geschichte. Nur wollen die offiziellen Statistiker ihn eben jetzt nicht mehr monatlich erzählen.

Natürlich liefert die Behörde weiterhin endgültige Zahlen. Irgendwann. Rund ein halbes Jahr nach dem eigentlichen Antrag. Wenn niemand mehr hinschaut. Wenn sich die Schlagzeilen weitergedreht haben. Wenn die Insolvenz längst abgewickelt ist, die Mitarbeiter entlassen und die Lieferanten abgeschrieben sind. Statistik wird so zum Nachruf.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um angesichts dessen eine Absicht zu vermuten. Wenn die Zahlen katastrophal sind, hilft Schweigen. Wenn das Thermometer Fieber anzeigt, kann man es auch einfach weglegen. Der Patient fühlt sich dann vielleicht kurzfristig besser – bis er kollabiert. Insolvenzen sind kein Randthema. Sie sind das Fieberthermometer der Wirtschaft. Sie zeigen, wie viele Unternehmen den steigenden Zinsen, Energiekosten, der Bürokratie und der Konsumflaute nicht mehr standhalten. Wer diese Zahlen verzögert oder versteckt, verzerrt den öffentlichen Diskurs.

Wo hört das auf? Vielleicht stellen wir demnächst auch die Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen ein – zu wenig methodisch gereift, diese Jobsuchenden wechseln ja ständig den Status. Oder die Auftragseingänge der Industrie: schwankend, volatil, emotional instabil. Besser schweigen, bevor jemand merkt, dass die Wirtschaft hustet. Oder die Steuereinnahmen: Vorläufige Zahlen könnten falsche Stimmungen erzeugen. Stimmungen! In Zeiten wie diesen brandgefährlich.

Der eigentliche Schaden entsteht nicht durch unvollkommene Daten, sondern durch das Weglassen von Information. Märkte, Unternehmen, Beschäftigte – sie alle brauchen Orientierung. Wer frühzeitig sieht, wie sich Insolvenzen entwickeln, kann reagieren: politisch, unternehmerisch, persönlich. Wer erst im Rückspiegel zählt, verwaltet den Stillstand.

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