Business & Beyond Lineare Illusion: DAX bei 50.000 – oder die Kunst der geraden Linie

Lineare Illusion: DAX bei 50.000 – oder die Kunst der geraden Linie

Große Zahlen, ruhige See, eine gerade Linie in die Zukunft. Der DAX als Rechenaufgabe – und als Illusion. Warum 50.000 Punkte vor allem eines sind: eine schöne Fantasie.

Der DAX, unser treuer Leitindex, hat wieder geliefert: Am 8. Januar 2026 knackt er die Marke von 25.000 Punkten – scheinbar mühelos, als gäbe es nur ruhige See, Rückenwind und niemals Gegenströmung. Die Börse als Wellness-Oase.

Doch spulen wir kurz zurück. Vor exakt 4.235 Tagen, am 5. Juni 2014, überschritt der DAX erstmals die 10.000er-Marke – intraday bei 10.013 Punkten, zwei Tage später dann ganz offiziell bei 10.008,63 Zählern zum Schlusskurs. ZEIT, STERN und FAZ jubelten pflichtbewusst: „Rekord! EZB-Zinszauber!“ Die Symbolik passte perfekt: Negativzinsen auf Einlagen, Hoffnung auf ewige Liquidität.

Jetzt wird gerechnet – ganz nüchtern, ganz frech:


Von 10.000 auf 25.000 Punkte in 4.235 Tagen, das sind rund 15.000 Punkte Zuwachs. Macht ziemlich exakt 3,54 Punkte pro Tag. Der DAX als verlässliche Steigerungsmaschine, brav wie ein Uhrwerk.

Also weitergedacht: Noch einmal 25.000 Punkte bis zur magischen 50.000? Bei gleicher Geschwindigkeit dauert das rund 7.062 Tage – etwa 19,3 Jahre. Start 2026, Ziel irgendwo um das Jahr 2045. Der DAX als ewiger Liftboy: hochfahren, Türen auf, nächstes Stockwerk, bitte aussteigen.

Und selbst wenn der DAX diese 50.000 irgendwann erreicht: Beeindruckend klingt das nur nominal. Inflationsbereinigt könnte die Kaufkraft eines solchen Indexstands im Jahr 2045 deutlich unter dem liegen, was heutige 25.000 Punkte wert sind. Große Zahlen schmeicheln dem Auge – dem realen Vermögen oft weniger.

Doch Vorsicht – Augenzwinkern-Alarm.

Diese „Prognose“ ist nichts weiter als mathematische Folklore. Eine lineare Extrapolation unter der Annahme, dass die Welt gefälligst stillhält: Keine Rezessionen, keine Finanzkrisen, keine Pandemien, keine Kriege, keine Crash-Partys. Volatilität? Aus dem Fenster geworfen. Zinsen, Inflation, Gewinne, Bewertungen? Nebensache. Wir ziehen eine gerade Linie durch die Vergangenheit und nennen sie Zukunft.

Das ist keine Analyse – das ist Rechenkasperle. Finanzökonomen kichern leise im Keller.

Also: Wohin die Reise, lieber DAX? Vielleicht Richtung 50.000. Vielleicht auch erst einmal Richtung 15.000. Sicher ist nur eines: Die Linie ist bequem, die Realität nicht.

Oder anders gesagt:
Kauft nicht die Gerade. Kauft die Volatilität. Oder wenigstens einen guten Kaffee!

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