Finance & Freedom Pleite mit Ansage: Warum München wie ein Startup ohne Funding dasteht

Pleite mit Ansage: Warum München wie ein Startup ohne Funding dasteht

Deutschlands reichste Stadt spart – und das ist erst der Anfang. Während die Kosten durch die Decke gehen, trocknet die Finanzbasis aus. Das System dahinter? Funktioniert wie ein schlechtes Geschäftsmodell: Die Kommunen liefern und bleiben auf der Rechnung sitzen.

München war lange eine Ausnahme. Es war der Stolz der Republik und vor allem der Bayern: wirtschaftsstark, wachsend, finanziell stabil. Wenn es eine Stadt gab, die sich steigende Ausgaben leisten konnte, dann diese. Genau deshalb ist das, was jetzt passiert, so brisant. München muss sparen, nicht aus Vorsicht, sondern aus schlichter Notwendigkeit. Und München ist damit nicht allein, sondern von Flensburg bis Berchtesgaden kollabieren die Kommunalfinanzen, wie es der Städte- und Gemeindebund jetzt unmissverständlich beschrieben hat.

Der Haushalt 2026 kam in der bayerischen Landeshauptstadt nur zustande, weil kurzfristig 253 Millionen Euro eingespart wurden. Den Einnahmen von 9,58 Milliarden Euro steht ein operativer Überschuss von gerade einmal 206 Millionen Euro gegenüber, während gleichzeitig Investitionen von 2,9 Milliarden Euro geplant sind, von denen 2,24 Milliarden über Kredite finanziert werden müssen. Es ist diese Kombination aus schmalem laufenden Überschuss und massiv kreditfinanzierten Zukunftsausgaben, die selbst eine wohlhabende Stadt an ihre Grenzen bringt.

Der Mann, der diese Zahlen verantwortet, ist Münchens Stadtkämmerer Christoph Frey. Er fasst die Entwicklung in einem Satz zusammen, der es auf den Punkt bringt: „Wir finanzieren zunehmend über Fremdkapital, das hört sich besser an als Schulden.“ Der oberste Stadt-Buchhalter beschreibt damit einen tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis kommunaler Finanzpolitik. Sein ehemaliger Chef, der inzwischen abgetretene Oberbürgermeister Dieter Reiter, hat den Haushalt politisch zu verantworten. Er beschreibt das Kernproblem: Der Bund entlaste die Kommunen an einer Stelle und belaste an anderer, die Differenz sei jedoch erheblich und bleibe bei den Städten hängen. Konkret sprach Reiter davon, dass der sogenannte Investitionsbooster, der seit dem vergangenen Jahr Unternehmen schneller Abschreibungsmöglichkeiten gewähre, München „bis zu 200 Millionen Euro“ an Gewerbesteuer koste, während lediglich „circa 60 Millionen Euro“ zurückflössen. Was technisch klingt, ist in Wahrheit eine schlichte Verschiebung von Lasten nach unten.

München ist damit nicht der Ausreißer, sondern nur ein besonders auffälliges Beispiel für einen Trend, der sich quer durch das Land zieht. Eher im Abseits aber noch deutlich dramatischer ist die Lage beispielsweise im pfälzischen Pirmasens. Dort zeigt sich bereits, wie der Trend endet, wenn die wirtschaftliche Basis schwächer ist. In Pirmasens standen im Haushalt 2025 Einnahmen von 178,6 Millionen Euro Ausgaben von 198,5 Millionen Euro gegenüber, was ein Defizit von 19,9 Millionen Euro bedeutet. Noch gravierender ist, dass auch die sogenannte freie Finanzspitze exakt in dieser Größenordnung negativ ist, was nichts anderes heißt, als dass bereits im laufenden Betrieb Geld fehlt und nicht erst wie in München bei den Investitionen.

Die Ursachen sind klar benannt und wirken in ihrer Kombination wie ein struktureller Zwang: sinkende Steuereinnahmen, gleichzeitig deutlich steigende Sozialausgaben sowie wachsende Personalkosten. Aus dieser Dynamik entsteht eine Spirale, die sich nicht durch einzelne politische Entscheidungen stoppen lässt. Die Folgen werden vor Ort unmittelbar sichtbar. Pirmasens erhöht die Grundsteuer deutlich, kürzt freiwillige Leistungen und hebt die Preise für kulturelle Angebote an. Das sind keine abstrakten Haushaltspositionen, sondern konkrete Einschnitte in das Leben der Bürger. Die Stadt spart nicht mehr im klassischen Sinn, sie zieht sich Schritt für Schritt aus Bereichen zurück, die sie eigentlich ausmachen.

Was München und Pirmasens verbindet, bringt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, jetzt auf den Punkt: „Die Finanzen der Kommunen befinden sich in einem dramatischen Abwärtsstrudel.“ Und er ergänzt einen Satz, der nichts beschönigt: „Unsere Haushalte kollabieren reihenweise.“ Seine Diagnose ist durch Zahlen gedeckt. Im Jahr 2025 lag das Defizit der Kommunen in Deutschland zusammengenommen bei 31,9 Milliarden Euro, was den historischen Höchststand seit der Wiedervereinigung markiert. Den Ausgaben von 423,3 Milliarden Euro stehen lediglich Einnahmen von 391,4 Milliarden Euro gegenüber, und entscheidend ist dabei, dass sich diese Lücke nicht als vorübergehende konjunkturelle Schwäche erklären lässt, sondern als strukturelles Problem, das sich Jahr für Jahr weiter verfestigt.

Der Druck auf die kommunalen Finanzen kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Entgegen vieler politischer Verkürzungen sind es nicht die Ausgaben für Asyl, die die kommunalen Haushalte dominieren; sie liegen bei rund 3,4 Milliarden Euro und sind zuletzt sogar gesunken. Die eigentliche Dynamik entsteht in anderen Bereichen, vor allem bei der Eingliederungshilfe, die inzwischen 25,2 Milliarden Euro umfasst. Die Hilfe ist eine zentrale Leistung für Menschen mit Behinderungen, die in bestimmten Fällen sogar schon greift, bevor eine Beeinträchtigung voll ausgeprägt ist. Für die Kommunen ist das ein doppeltes Dilemma: Sie können diese Leistungen weder begrenzen noch politisch gestalten, müssen sie aber vollständig finanzieren. Dazu kommt als großer Posten die Kinder- und Jugendhilfe mit rund 20 Milliarden Euro. Insgesamt summieren sich die Sozialausgaben der Kommunen auf etwa 90 Milliarden Euro – Tendenz nach oben. Landsberg spricht hier von jährlichen Steigerungsraten „um die 10 Prozent“. Er bemängelt, dass die Ausgaben gesetzlich vorgegeben seien und von den Kommunen ausgezahlt werden müssten, unabhängig davon, wie sich ihre Einnahmen entwickeln. Damit legt Landsberg die Situation offen, die das gesamte System in Schieflage bringt und die zentrale Ursache für die kommunale Finanzkrise ist: „Bund und Länder übertragen immer neue Aufgaben, ohne für eine ausreichende Finanzierung zu sorgen.“

Für München bedeutet das, dass Investitionen gedeckelt werden müssen, die Verschuldung deutlich steigt und große Projekte verschoben werden. Eine Stadt, die es gewohnt war, ihre Zukunft aktiv zu gestalten, beginnt damit, ihre Möglichkeiten zu begrenzen. Für Pirmasens bedeutet es etwas anderes, im Kern noch Härteres: steigende Belastungen für die Bürger, immer weniger freiwillige Leistungen und kaum noch Handlungsspielräume. Eine Stadt, die gestalten müsste, kann nur noch reagieren.

Am Ende stehen zahlreiche Städte, alle unterschiedlich und doch durchlaufen sie dieselbe Entwicklung. München verliert an Dynamik, Pirmasens verliert an Substanz. Beide verlieren Stück für Stück genau das, was kommunale Politik eigentlich ausmacht: die Fähigkeit, das Leben ihrer Bürger nicht nur zu verwalten, sondern spürbar zu verbessern.

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