Finance & Freedom Rente mit 67? Diese Berufe schaffen es nicht mal bis 63

Rente mit 67? Diese Berufe schaffen es nicht mal bis 63

Die Rente mit 67 bleibt für viele Deutsche Theorie: Nur 40 Prozent arbeiten bis zum gesetzlichen Rentenalter. Besonders in körperlich belastenden Berufen ist früherer Ausstieg die Regel – mit drastischen finanziellen Folgen.

Die Rentendebatte in Deutschland operiert mit einer Zahl, die für viele Arbeitnehmer pure Fiktion bleibt: 67 Jahre. Während Politiker über höhere Altersgrenzen diskutieren, zeigt die Arbeitsrealität ein völlig anderes Bild. Laut „Focus“ arbeiten nur etwa 40 Prozent der neuen Ruheständler bis zum gesetzlichen Rentenalter. Die Mehrheit steigt früher aus – oft mit erheblichen finanziellen Abschlägen.

Die Rentenkluft zwischen Theorie und Praxis

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat die Zahlen auf den Tisch gelegt: Durchschnittlich gehen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit 64,4 Jahren in Rente – also deutlich vor der Regelaltersgrenze. Doch dieser Durchschnittswert verdeckt massive Unterschiede zwischen den Berufsgruppen, wie „Bild“ berichtet. Die Arbeitswirklichkeit ist von Branche zu Branche völlig verschieden.

Besonders früh verabschieden sich Beschäftigte in Sicherheitsberufen. Feuerwehrleute, Polizisten, Soldaten und Wachpersonal gehen durchschnittlich bereits mit 61,8 Jahren in den Ruhestand. Die Gründe liegen auf der Hand: Schichtdienst, permanente Anspannung und hohe gesundheitliche Risiken machen ein Durchhalten bis 67 nahezu unmöglich.

Körperliche Belastung als Karrierekiller

Im Baugewerbe und in der Logistik verkürzen schwere körperliche Arbeit, schlechte ergonomische Bedingungen und erhöhtes Unfallrisiko die Erwerbsbiografie spürbar. Auch in Reinigungsberufen, im Handel und in Teilen der Fertigung führen körperliche Belastungen kombiniert mit niedrigen Löhnen zu früherem Ausscheiden.

Überraschend: Der oft als Paradebeispiel genannte Dachdecker arbeitet mit durchschnittlich 63,5 Jahren länger als viele Büroberufe wie Callcenter-Agenten oder Controller (beide 63,2 Jahre). Landwirte und Gärtner halten mit 64,1 Jahren am längsten durch – oft in selbstständigen oder familiengeführten Betrieben mit flexiblen Übergängen.

Wer länger arbeiten kann, arbeitet auch im Ruhestand weiter

Ein bemerkenswerter Zusammenhang: Wer es bis zur regulären Altersgrenze schafft, bleibt dem Arbeitsmarkt häufig auch danach erhalten. Laut „Focus“ sind 52 Prozent derjenigen, die bis zur Regelaltersgrenze arbeiten, auch im Ruhestand noch beruflich aktiv. Insgesamt arbeiten etwa 38 Prozent aller Rentner weiter – oft im gleichen Beruf wie zuvor.

Dies verdeutlicht, wie eng Arbeitsfähigkeit und tatsächlicher Renteneintritt zusammenhängen. In Berufen mit besseren Arbeitsbedingungen, höherer Qualifikation oder größerer Flexibilität – wie in IT-Berufen, unternehmensnahen Dienstleistungen oder kreativen Tätigkeiten – ist ein längeres Arbeiten eher möglich.

Politischer Realitätscheck überfällig

Die politische Debatte um höhere Altersgrenzen läuft an der Arbeitsrealität vorbei.

Während Politiker wie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) warnen, dass die Frage längerer Lebensarbeitszeiten nicht losgelöst von der Realität vieler Beschäftigter geführt werden dürfe, betont das IAB: Eine bloße Erhöhung des Rentenalters ohne verbesserte Arbeitsbedingungen, Gesundheitsprävention und Weiterbildung führt nicht zu längeren Erwerbsphasen. Im Gegenteil: Ohne flankierende Maßnahmen würden mehr Menschen vorzeitig aus dem Beruf gedrängt, mit mehr Rentenkürzungen und Erwerbsminderungsrenten als Folge – also genau das Gegenteil dessen, was eine Anhebung erreichen soll.

Business Punk Check

Die Rentendebatte krankt an einem fundamentalen Widerspruch: Während die Politik über höhere Altersgrenzen diskutiert, ignoriert sie die Arbeitsrealität ganzer Branchen. Statt starrer Altersgrenzen braucht es flexible Modelle, die Arbeitsbelastung und Beitragsjahre berücksichtigen. Der Vorschlag des Wirtschaftsprofessors Jens Südekum, den Rentenbeginn nach Beitragsjahren statt nach Alter zu bemessen, verdient mehr Aufmerksamkeit.

Für Unternehmen bedeutet dies: Wer qualifizierte Fachkräfte länger halten will, muss in altersgerechte Arbeitsplätze und Gesundheitsmanagement investieren. Die Wirtschaft braucht keine politischen Scheinlösungen, sondern praxistaugliche Konzepte, die die unterschiedlichen Belastungsprofile der Berufe berücksichtigen. Der demografische Wandel erfordert einen Paradigmenwechsel – weg von starren Altersgrenzen, hin zu flexiblen, belastungsgerechten Übergängen.

Häufig gestellte Fragen

  • Welche Berufsgruppen sind besonders von vorzeitigem Renteneintritt betroffen?
    Besonders Sicherheitsberufe (Polizei, Feuerwehr, Wachpersonal) mit durchschnittlich 61,8 Jahren Renteneintritt, aber auch körperlich belastende Tätigkeiten im Bau, in der Logistik und im Reinigungsgewerbe. Die Belastungsprofile dieser Berufe machen ein Arbeiten bis 67 oft unmöglich.
  • Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter länger im Beruf halten?
    Unternehmen sollten in altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung, präventives Gesundheitsmanagement und kontinuierliche Weiterbildung investieren. Flexible Arbeitszeitmodelle und schrittweise Übergänge in den Ruhestand können die Erwerbsdauer verlängern, ohne die Gesundheit zu gefährden.
  • Welche Alternativen gibt es zum starren Rentenalter von 67 Jahren?
    Vielversprechend sind Modelle, die Beitragsjahre statt Lebensalter in den Mittelpunkt stellen. Wer 45 Jahre eingezahlt hat, könnte unabhängig vom Alter abschlagsfrei in Rente gehen. Auch belastungsdifferenzierte Altersgrenzen, die die unterschiedlichen Anforderungen der Berufe berücksichtigen, wären praxisnäher als eine pauschale Altersgrenze.
  • Welche wirtschaftlichen Folgen hat der vorzeitige Renteneintritt für den Mittelstand?
    Für mittelständische Unternehmen bedeutet der frühe Verlust erfahrener Fachkräfte einen erheblichen Wissensverlust und zusätzliche Rekrutierungskosten. Gleichzeitig bietet die Situation Chancen für innovative Personalkonzepte wie Tandem-Modelle zwischen Jung und Alt oder spezialisierte Beraterfunktionen für Ruheständler.
  • Wie wirkt sich die Rentendebatte auf die Attraktivität bestimmter Berufe aus?
    Berufe mit bekanntermaßen hoher Belastung und frühem Ausscheiden werden für junge Menschen zunehmend unattraktiver. Branchen mit körperlich fordernden Tätigkeiten müssen daher besondere Anreize schaffen – sei es durch höhere Vergütung, bessere Arbeitsbedingungen oder transparente Karriere-Zweitpfade für die zweite Berufshälfte.

Quellen: „focus.de“, „Bild“

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