Finance & Freedom Rentenkollaps: Warum die Boomer-Abrechnung zu kurz greift

Rentenkollaps: Warum die Boomer-Abrechnung zu kurz greift

Deutschland verliert bis 2039 fast ein Drittel seiner Erwerbskräfte. DIW-Chef Fratzscher fordert „Boomer-Soli“ und Pflichtdienst für Rentner – doch die Systemfrage bleibt unbeantwortet.

Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einem demografischen Erdbeben. Bis 2039 werden 13,4 Millionen Menschen das Rentenalter erreichen – das entspricht 31 Prozent aller heutigen Erwerbspersonen. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts verdeutlichen die Dimension: Allein die 55- bis 59-Jährigen stellen aktuell mit 5,6 Millionen die stärkste Gruppe am Arbeitsmarkt, laut „Focus“. Zum Vergleich: Alle nachfolgenden Altersgruppen bleiben unter der 5-Millionen-Marke.

Generationenkonflikt oder Systemfrage?

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hat die Debatte mit provokanten Thesen angeheizt. Er wirft den Babyboomern vor, durch ihre Familienplanung die heutige Rentenkrise mitverursacht zu haben. „Der Generationenvertrag, einst ein Versprechen, den kommenden Generationen eine stabile und sichere Zukunft zu gewährleisten, scheint gebrochen“, zitiert „Focus“ den Ökonomen aus einem „Wirtschaftswoche“-Beitrag.

Seine Lösungsvorschläge haben es in sich: Ein „Boomer-Soli“ als Sonderabgabe auf höhere Alterseinkünfte und ein verpflichtendes soziales Jahr für Rentner. Die Einnahmen sollen in ein Sondervermögen fließen, aus dem niedrigere Renten aufgestockt werden könnten.

Historische Wurzeln der Rentenkrise

Die Probleme des deutschen Rentensystems reichen weit zurück. Bereits bei der Einführung des Umlageverfahrens, 1957 unter Adenauer, warnten Experten vor demografischen Risiken. Das System funktioniert nur mit einer stabilen Zahl von Beitragszahlern.

Adenauers berühmter Satz „Kinder bekommen die Leute immer“ erwies sich als fataler Irrtum, wie „Stern“ berichtet. Mit der Einführung der Antibabypille 1961 und veränderten gesellschaftlichen Werten sank die Geburtenrate dramatisch – von 2,5 Kindern pro Frau in den 1960ern auf 1,4 zwei Jahrzehnte später. Das Verhältnis verschob sich von einst sechs Beitragszahlern pro Rentner auf heute nur noch zwei.

Systemfehler statt Generationenschuld

Die Kritik an Fratzschers Analyse: Sie individualisiert ein strukturelles Problem. Die Politik setzte jahrzehntelang falsche Anreize. Wer viele Kinder großzog, wurde im Rentensystem benachteiligt. Doppelverdiener ohne oder mit nur einem Kind stehen im Alter finanziell besser da als Familien mit mehreren Kindern und nur einem Einkommen.

Frühe Reformvorschläge, kinderlose Arbeitnehmer stärker zu belasten, fanden nie politische Mehrheiten. Selbst die 2014 eingeführte Mütterrente bleibt ein unzureichender Ausgleich.

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