Finance & Freedom Süden zahlt mehr, Osten spart: So unterschiedlich kauft Deutschland ein

Süden zahlt mehr, Osten spart: So unterschiedlich kauft Deutschland ein

Haushalte in Süddeutschland geben über 400 Euro monatlich für Lebensmittel aus, der Osten kommt mit 376 Euro aus. Die Kaufkraft-Schere klafft – und die nächste Teuerungswelle rollt bereits an.

Deutschland zerfällt beim Lebensmitteleinkauf in zwei Welten. Während süddeutsche Haushalte im Januar durchschnittlich 402 Euro für Essen und Getränke ausgaben, kamen ostdeutsche Haushalte mit 376 Euro aus.

Das zeigen Daten von YouGov, die 30.000 Haushalte erfassten. Die Differenz von 26 Euro monatlich klingt harmlos – offenbart aber strukturelle Kaufkraft-Unterschiede, die sich seit Jahren manifestieren.

Kaufkraft-Gefälle bleibt Realität

Die Zahlen legen offen, was politische Sonntagsreden gern verschweigen: Ostdeutschland hinkt ökonomisch weiter hinterher. Kleinere Haushalte mit mehr Senioren, schwächere Kaufkraft in ländlichen Regionen – die Gründe kennt YouGov-Marktforscherin Petra Süptitz genau. Im Süden dagegen zahlen Menschen bereitwillig mehr für Bedientheken, Markenprodukte und Regionalität. Höhere Einkommen machen es möglich.

Der Westen liegt mit 398 Euro knapp unter dem Süden, der Norden mit 388 Euro im Mittelfeld. Bundesweit gaben Haushalte im Januar 393 Euro aus – ein Anstieg von 61 Euro seit 2021. Die Inflation nach dem Ukraine-Krieg 2022 trieb die Preise auf fast neun Prozent. Heute kosten Lebensmittel 38 Prozent mehr als 2020, so T Online. Rindfleisch, Kaffee, Schokolade – alles deutlich teurer. Und die nächste Welle baut sich bereits auf.

Iran-Krieg treibt Preise weiter

Wegen geopolitischer Spannungen rechnen Experten mit steigenden Energie-, Dünger- und Transportkosten. Brot, Backwaren, Getränke, Fertiggerichte – Produktgruppen mit hohem Logistikanteil werden besonders betroffen sein. Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren eine Inflationsrate von 2,8 Prozent für 2026 und 2,9 Prozent für 2027.

Der Bauernverband und die Ernährungsindustrie bestätigen: Die Preisspirale dreht sich weiter. Dabei reagieren Verbraucher bereits jetzt sensibel. 47 Prozent achten viel stärker auf Preise und Sonderangebote als vor einigen Jahren, weitere 33 Prozent etwas mehr. Nur 18 Prozent sehen keine Verhaltensänderung. 67 Prozent halten die Preiserhöhungen für schwer nachvollziehbar und ärgern sich massiv – das Verständnis sinkt seit 2023 kontinuierlich.

Discounter gegen Supermärkte

Beim Einkaufsort spaltet sich Deutschland ebenfalls: 32 Prozent bevorzugen Supermärkte wie Rewe und Edeka, 29 Prozent Discounter wie Aldi und Lidl. 38 Prozent haben keine feste Präferenz. Supermärkte punkten mit Erreichbarkeit und Frischeprodukten, Discounter mit Preisen. Mehr als die Hälfte kauft mehrmals wöchentlich oder täglich ein, nur 7 Prozent nutzen Lieferdienste regelmäßig.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. Schweizer und Dänen geben am meisten aus, Thailand und Indien am wenigsten. Der Anteil am verfügbaren Einkommen beträgt in Deutschland nur 10 bis 13 Prozent – typisch für entwickelte Volkswirtschaften. In Polen oder Südostasien fließt ein deutlich größerer Teil des Einkommens in Lebensmittel.

Business Punk Check

Die Zahlen entlarven politisches Wunschdenken: Ost-West-Angleichung bleibt Phrase, solange Kaufkraft-Unterschiede von 26 Euro monatlich beim Grundbedarf Lebensmittel bestehen. Süddeutschland leistet sich Premium, der Osten rechnet jeden Euro. Für Lebensmittelhändler bedeutet das: Regionalstrategien müssen Kaufkraft-Realitäten abbilden. Discounter-Dichte im Osten erhöhen, Premium-Sortimente im Süden ausbauen. Die nächste Preisrunde durch den Iran-Krieg trifft Haushalte, die bereits 38 Prozent Teuerung seit 2020 verkraften mussten. 67 Prozent sind verärgert – zu Recht.

Handel und Hersteller sollten Transparenz bei Preisbildung schaffen, statt auf Verständnis zu hoffen. Wer jetzt nicht kommuniziert, verliert Vertrauen dauerhaft. Lieferdienste bleiben Nische mit 7 Prozent regelmäßigen Nutzern. Die Hoffnung auf digitale Revolution im Lebensmittelhandel war überzogen. Menschen wollen Frischeprodukte sehen, fühlen, selbst auswählen.

Häufig gestellte Fragen

Warum geben Süddeutsche mehr für Lebensmittel aus als Ostdeutsche?

Höhere Einkommen in Süddeutschland schaffen größere Zahlungsbereitschaft für Qualität, Regionalität und Markenprodukte. Im Osten drücken geringere Kaufkraft und kleinere Haushalte die Ausgaben. Strukturelle Unterschiede, die sich seit Jahrzehnten verfestigt haben.

Welche Produktgruppen werden durch den Iran-Krieg besonders teuer?

Brot, Backwaren, Getränke, Fertiggerichte und Tiefkühlprodukte trifft es hart. Ihre Wertschöpfung hängt stark von Energie- und Logistikkosten ab. Wer hier regelmäßig zugreift, sollte Budgets nach oben korrigieren.

Lohnt sich der Wechsel vom Supermarkt zum Discounter wirklich?

Für preissensible Haushalte definitiv. Discounter bieten identische Grundprodukte zu niedrigeren Preisen. Wer auf Bedientheken und Premiummarken verzichten kann, spart monatlich zweistellige Beträge – bei 38 Prozent Teuerung seit 2020 keine Kleinigkeit.

Wie entwickeln sich Lebensmittelpreise in den nächsten Jahren?

Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten Inflationsraten von 2,8 Prozent 2026 und 2,9 Prozent 2027. Geopolitische Krisen, Energiekosten und Lieferkettenprobleme bleiben Preistreiber. Entspannung ist nicht in Sicht – Haushalte müssen sich auf dauerhaft höhere Ausgaben einstellen.

Warum nutzen so wenige Menschen Lebensmittel-Lieferdienste?

71 Prozent verzichten komplett auf Lieferdienste. Gründe: Liefergebühren, Mindestbestellwerte und fehlende Kontrolle über Frischeprodukte. Nur 7 Prozent nutzen Services wie Picnic oder Rewe wöchentlich – der stationäre Handel dominiert weiterhin.

Quellen: Spiegel, T Online

Das könnte dich auch interessieren