Finance & Freedom Trotz Iran-Krieg: Wall Street knackt Rekorde

Trotz Iran-Krieg: Wall Street knackt Rekorde

Während im Nahen Osten die Waffen sprechen, klettern S&P 500 und Nasdaq auf Allzeithochs. Anleger ignorieren Ölkrise und Waffenstillstandspoker – und setzen auf KI-Aktien und Unternehmensgewinne.

Die Wall Street feiert neue Höchststände, während die Straße von Hormus blockiert bleibt. Der S&P 500 übersprang letzte Woche die 7.022-Punkte-Marke, der Nasdaq Composite durchbrach erstmals die 24.000er-Schwelle. Seit dem Tiefpunkt am 30. März legten die Indizes elf Prozent zu – trotz Iran-Konflikt, Ölpreisschock und IWF-Warnungen. Was auf den ersten Blick wie Realitätsverweigerung aussieht, folgt einem klaren Kalkül: Investoren wetten darauf, dass Diplomatie siegt und Tech-Konzerne weiter abliefern.

Ölpreis-Poker und Waffenstillstandsroulette

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Seit Ende Februar passieren kaum noch Tanker die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Ölangebots fließt. Das US Central Command bestätigt: Zehn Schiffe wurden zurückgeschickt, keines durchbrach die Blockade. Brent-Öl notiert bei 96,5 Dollar, WTI bei 92,5 Dollar – deutlich über Vorkriegsniveau.

Der Internationale Währungsfonds kappte seine Wachstumsprognose für 2026 von 3,3 auf 3,1 Prozent und rechnet mit 4,4 Prozent Inflation. Trotzdem bleiben Anleger entspannt. Der Grund: Trump deutete an, dass Friedensverhandlungen neu starten könnten. Die zweiwöchige Waffenruhe hält, auch wenn Teheran offiziell jegliche Gespräche dementiert. Alan McIntosh von Quilter Cheviot Europe sieht Hoffnung auf eine baldige Einigung – und damit auf eine rasche Normalisierung der Öllieferungen.

KI-Rally treibt Tech-Werte

Während Geopolitik für Schlagzeilen sorgt, liefern Tech-Konzerne die Performance. Die Gewinnerwartungen für das erste Quartal wurden nach oben korrigiert: S&P-500-Unternehmen sollen zusammen über 605 Milliarden Dollar verdienen – umgerechnet rund 513 Milliarden Euro. Besonders KI-Aktien treiben den Nasdaq an. Bankchefs berichten von konsumfreudigen US-Verbrauchern und einer vollen Pipeline für Übernahmen und Börsengänge.

McIntosh erklärt gegenüber Morningstar: Der Investitionsschub rund um Künstliche Intelligenz lasse nicht nach und stütze das US-Wachstum weiter. Bisher gebe es kaum Anzeichen dafür, dass der Nahost-Konflikt die Unternehmenszahlen belaste. Zusätzlich profitieren Rüstungskonzerne von massiv aufgestockten Verteidigungsetats – allen voran in den USA.

Historisches Muster: Märkte verdauen Kriege

Ein Blick zurück zeigt: Aktienmärkte erholen sich nach Kriegsausbruch oft schneller als erwartet. Während des Irak-Kriegs 2003 stieg der S&P 500 im ersten Jahr um über 25 Prozent. Im Golfkrieg 1990/91 folgte nach einem Minus von elf Prozent eine kräftige Rally.

Analysen der Royal Bank of Canada belegen: In rund 60 Prozent der Fälle legten Aktien im ersten Jahr nach Kriegsbeginn zu. Die Märkte fokussieren sich weniger auf den initialen Schock als auf den erwarteten Ausgang. Sie belohnen wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit und setzen auf Klärung. Die aktuellen Rekorde von S&P 500 und Nasdaq folgen diesem Muster – auch wenn Risiken bei einer Eskalation mit Iran bestehen bleiben.

Trump überrascht von Markt-Resilienz

Selbst Trump zeigte sich überrascht von der Widerstandsfähigkeit der Börsen. In CNBCs „Squawk Box“ gab er zu, er habe mit einem Minus von 20 Prozent bei S&P 500 und Dow Jones gerechnet. Auch beim Ölpreis lag er daneben: Er erwartete 200 Dollar pro Barrel, tatsächlich pendelt sich der Preis bei rund 90 Dollar ein.

Die Märkte ignorieren damit nicht nur geopolitische Risiken, sondern auch präsidiale Erwartungen. Trumps Social-Media-Posts hatten zuvor für extreme Volatilität gesorgt – ein Post über „produktive Gespräche“ mit Iran ließ den S&P 500 um 2,6 Prozent steigen, bevor Teheran dementierte und eine Billion Dollar Marktwert vernichtet wurde.

Business Punk Check

Hier die unbequeme Wahrheit: Die Wall Street spielt Roulette mit geopolitischen Risiken – und gewinnt vorerst. Aber wie lange noch? Der Waffenstillstand läuft aus, die Straße von Hormus bleibt dicht, und die CRU Group warnt vor Energiepreis-Turbulenzen bis mindestens Juni. Anleger setzen darauf, dass Trump und Iran sich einigen – eine Wette, die auf wackeligen Beinen steht. Die KI-Rally kaschiert strukturelle Probleme.

Ja, Tech-Konzerne liefern Rekordgewinne. Aber was passiert, wenn die Inflation durch anhaltend hohe Ölpreise anzieht und die Fed gegensteuern muss? Dann platzt die Party schneller als ein Trump-Tweet die Märkte bewegen kann. Die historischen Vergleiche mit Irak- oder Golfkrieg greifen zu kurz: Damals gab es keine algorithmusgetriebenen Märkte, keine Social-Media-Volatilität, keine derart konzentrierte Tech-Abhängigkeit. Wer jetzt einsteigt, sollte sich bewusst sein: Die Märkte preisen ein Best-Case-Szenario ein. Jede Eskalation, jedes gescheiterte Friedensgespräch, jeder Tweet kann die Rally beenden. Die Frage ist nicht, ob die Märkte irrational sind – sondern wie lange sie es bleiben können.

Häufig gestellte Fragen

Warum steigen Aktienmärkte trotz Iran-Konflikt?

Anleger setzen auf ein schnelles Ende der Kämpfe und robuste Unternehmensgewinne, besonders im Tech-Sektor. Historisch erholen sich Märkte nach Kriegsausbruch oft rascher als erwartet – in 60 Prozent der Fälle legten Aktien im ersten Jahr zu. Zusätzlich treiben KI-Investments und aufgestockte Rüstungsetats die Performance.

Welche Risiken ignorieren Investoren aktuell?

Die Straße von Hormus bleibt blockiert, Ölpreise liegen deutlich über Vorkriegsniveau, und der IWF warnt vor schwächerem Wachstum. Falls Friedensverhandlungen scheitern oder der Konflikt eskaliert, drohen massive Kursverluste. Die Märkte preisen ein Best-Case-Szenario ein – jede negative Wendung kann die Rally beenden.

Sind KI-Aktien jetzt noch ein Kauf?

KI-Titel treiben den Nasdaq auf Rekordhöhen, und Gewinnerwartungen wurden nach oben korrigiert. Doch die Bewertungen sind ambitioniert, und die Abhängigkeit von wenigen Tech-Giganten birgt Klumpenrisiken. Wer einsteigt, sollte Volatilität einkalkulieren und auf Diversifikation achten – die Party kann schneller vorbei sein als gedacht.

Wie lange hält die Markt-Rally noch an?

Das hängt vom Ausgang der Friedensverhandlungen ab. Solange Hoffnung auf Entspannung besteht und Tech-Konzerne liefern, bleibt die Stimmung positiv. Kritisch wird es, wenn der Waffenstillstand endet oder Inflation durch hohe Ölpreise die Fed zum Handeln zwingt. Historisch folgen auf kriegsbedingte Rallys oft Korrekturen.

Welche Sektoren profitieren vom Iran-Konflikt?

Rüstungskonzerne verzeichnen Kursgewinne durch aufgestockte Verteidigungsetats. Energieunternehmen profitieren von höheren Ölpreisen. Tech-Aktien bleiben trotz Geopolitik gefragt, da KI-Investments weiterlaufen. Verlierer sind konsumnahe Branchen, die unter steigenden Energiekosten und Inflationsdruck leiden.

Quellen: Morningstar, Euronews, qz.com

Das könnte dich auch interessieren