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Gesellschaftlicher Sprengstoff: Wenn eine KI-Lösung die Hälfte  aller deutschen Arbeitsplätze überflüssig macht   

Künstlliche Intelligenz
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Lesezeit6 Min · 1.265 Wörter

Gastbeitrag von Enes Witwit 

Stell dir vor, Du gehst in zehn Jahren zur Arbeit, zückst am Eingang Deinen elektronischen Schlüssel und kommst nicht mehr rein, denn Du wirst nicht mehr gebraucht. Klingt dramatisch, oder? Doch genau das steht uns bevor. Künstliche Intelligenz wird in einem Jahrzehnt die Hälfte der heutigen Jobs im Büro (und auch anderswo) überflüssig machen. Punkt.   

Hört sich wie Science-Fiction an? Science schon, aber nicht Fiction. Die nächste KI-Generation – an der ich mitarbeite und für die es bereits in Produkt gibt – wird alle Verwaltungsaufgaben und einen Großteil der Bürojobs übernehmen. Also die der Buchhalter, Rechnungsschreiber, Überweiser, Berechner, Abhefter, Bearbeiter, Weiterleiter und Abstempler von Anträgen, Papieren und Formularen, Schadenabwickler bei Versicherungen und Abrechner von Betriebskosten wird es dann nicht mehr geben. 

Rein technologisch gesehen werden alle administrativen und standardisierten Jobs nicht mehr benötigt. Ob die Angestellten ihre Stelle tatsächlich verlieren, steht auf einem anderen Blatt (aber irgendjemand müsste sie ja weiter bezahlen). Dabei rede ich hier nicht nur von Zuarbeitern, Sachbearbeitern, Hilfsarbeitern oder Assistenten. Auch Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Controller, Anwälte und Analysten werden in dieser Form und Fülle auch nicht mehr gebraucht. 

Die Zukunft wird zur Realität

Woher ich das weiß? Ich arbeite mit Hochdruck daran. Grob gesagt: Alles, was du über Deinen PC machen kannst, sämtliche Programme, Anwendungen und erreichbare Webseiten und Plattformen, wird durch uns erledigt – und dies, auf einen Konzern mit all seinen weltweiten administrativen Abläufen übertragen, im ganz großen Stil. 

Zentraler Fachbegriff hier ist „Agentic Process Automation“ (APA). APA ist die Weiterentwicklung von Robotic Process Automation (RPA), die Generative AI (GenAI) integriert. Es ermöglicht die autonome Bearbeitung komplexer Prozesse mit Entscheidungsfähigkeit, Anpassungsvermögen und Schnittstellenvielfalt. Im Gegensatz zu RPA (die bisherige Lösung), das strikt nach Regeln agiert, nutzt APA fortschrittliche KI-Modelle für flexiblere und intelligentere Automatisierung. 

Weiter gebraucht: Krankenschwestern und Dachdecker 

Die gute Nachricht: Krankenschwestern, Tischler, Köche, Stewardessen, Barista, Dachdecker, Lkw-Fahrer und Friseurinnen werden auch weiterhin gebraucht. Wobei klar ist, dass KI und Digitalisierung auch deren Arbeitsplätze deutlich verändern und vereinfachen, aber wohl nie überflüssig machen. Auch Ärzte werden nach wie vor unkündbare Jobs haben. Doch KI wird ihnen komplett das abnehmen, wofür sie in Deutschland amtlich mehr als ein Drittel ihrer Zeit verschwenden: Berichte schreiben, dokumentieren und mit Krankenkassen kommunizieren. Sie müssen nur noch das Protokoll checken – und können sich dem Patienten voll widmen. Unterm Strich kann dies den Fachkräftemangel massiv lindern oder gar lösen. 

Enes Witwit

Ich bin kein Zyniker 

Daran arbeite ich mit aller Kraft – und versteht mich nicht falsch: Ich bin kein Zyniker und mir macht es nicht Spaß, dass Büroarbeitsplätze wegfallen. Doch sie werden durch die rasante Weiterentwicklung von KI überflüssig. „Hören wir das nicht seit 40 Jahren, spätestens seit der flächendeckenden Einführung von PC in Unternehmen?“, mögen sich jetzt manche fragen. Sicher: In den letzten Jahrzehnten haben uns Rechner und das Internet dabei geholfen, effizienter zu arbeiten, ohne dass die Massen arbeitslos wurden. Das Ergebnis: Wir wurden alle produktiver und schaffen heute an einem Tag das, wofür wir früher eine Woche benötigten. Doch dieses Mal sind die Dimensionen anders. Diesmal wird KI Jobs direkt ersetzen, weil Arbeit von ganzen Berufsgruppen und Unternehmensteilen automatisiert werden. Wer gebraucht wird: All jene, die das organisieren, kontrollieren und vor allem programmieren. 

Nehmen wir mal die Buchhaltung. Früher hat ein Mitarbeiter einen halben Tag damit verbracht, um 50 Belege zu prüfen, hochzuladen und abzugleichen. Heute dauert das  wenige Minuten. In naher Zukunft wird eine KI 1.000 Belege am Tag verarbeiten – und das ohne den Menschen als Faktor für etwaige Fehler. Was bedeutet das? Statt 100 Buchhalter brauchst du später noch 10 – und wenn alles richtig läuft, gar keinen mehr. Wir benötigen übrigens zwei Tage, um solche Prozesse technisch abzubilden. 

Effizienzsprung hoch zehn

Für den einzelnen Betrieb ist das ein Effizienzsprung wie von einem anderen Stern. Doch gesellschaftlich ist es ein Pulverfass, völlig klar und ich habe auch keine Antwort auf die Frage, was wir mit den restlichen 90 Buchhaltern machen. Ich weiß nur: Diese Entwicklung kommt. Und natürlich ist es keine Lösung, da einfach nicht mitzumachen, sich dem zu verweigern und die Arbeitsplätze dadurch „zu sichern.“ Denn sie sind nicht sicher, da die Konkurrenz KI und APA nutzen wird – und so würde gleich die gesamte Firma vom Markt gefegt. Dasselbe kann man auf gesamte  Volkswirtschaften übertragen. Keiner kann hier die Schotten dichtmachen. 

Das bedeutet aber auch: Unternehmen und Volkswirtschaften, die eine KI-First-Strategie verfolgen, werden ihren Output drastisch steigern und so ihr Überleben sichern. Wo liegen dann noch die Job-Chancen? Ich kann sagen: Menschliche Kreativität lässt sich in den nächsten zehn Jahren, und womöglich auch darüber hinaus, nicht ersetzen. Man erkennt nach wie vor, ob ein Text von einer KI oder einem Menschen geschrieben wird. Kreativität wird immer einen Platz auf dem Arbeitsmarkt haben, denn hier stoßen KIs an ihre Grenzen. Aber nicht jeder kann plötzlich Journalist, Schriftsteller, Designer oder Regisseur werden. Der Druck auf die Gesellschaft wird enorm, und darauf sind wir überhaupt nicht vorbereitet. 

These: Kann fast komplett weg – die öffentliche Verwaltung 

Und dabei haben wir noch nicht einmal über jenen Bereich geredet, wo die meisten der oben beschriebenen Büro-Jobs liegen: in der öffentlichen Hand. Dort könnten Millionen Beamten- und Angestelltenstellen wegfallen, die wir alle teuer bezahlen: Alle möglichen Bescheide, die ohnehin auf Basis von gesetzlichen Regeln und Berechnungsgrundlagen funktionieren, könnten vollautomatisch ausgestellt werden – mit obendrein drastisch geringerer Fehlerquote. Hast Du schon mal einen simplen Verkehrsunfall bei der Polizei zu Protokoll gegeben? Das dauert mindestens eine Stunde, in der der Beamte an den Schreibtisch gefesselt ist. Und danach kommt die nächste Anzeige. All dies geht demnächst anders. Das Prüfen von Abrechnungen – Heerscharen von Krankenkassenmitarbeitern tun dies (und sind durch ihre Nachfragen für einen Großteil der Bürokratie bei Ärzten verantwortlich) – und Zehntausender anderer Standardverwaltungsvorgänge könnte ebenfalls eine KI komplett übernehmen. Hier reden wir dann nicht mehr von 50, sondern von 99 Prozent Jobs, die wegfallen. 

Ob sich da wohl jemand rantraut? Keine leichte Aufgabe für Entscheider und Politiker. Doch wer sich dem verweigert, schickt sein Unternehmen oder Land auf Talfahrt. Deutschlands Absturz, in Teilen jetzt schon sichtbar, wäre dann beschleunigt. Mein Text ist daher auch als Warnung und Hoffnung zu sehen, dass es dazu nicht kommt. 

Deutschland braucht eine KI-Strategie

Denn dass wir in Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinken, ist Allgemeingut. Eine KI-Strategie – wie die Arbeit effizienter erledigt werden kann – existiert nicht. Zum Glück aber einige Positivbeispiele, darunter ausgerechnet die Bundesagentur für Arbeit, die ja mutmaßlich mit den Millionen neuer Arbeitslosen umgehen muss. Sie setzt jetzt schon verstärkt auf KI und möchte Europas „modernste digitale Dienstleisterin“ im öffentlichen Sektor werden. Allerdings aus einem ganz anderen Grund: Fachkräftemangel. Denn 35 Prozent der 115.000 Mitarbeiter verlassen bis 2032 die Agentur; meist, weil sie in Rente gehen. CIO Stefan Latuski sagt dazu: „Wir haben als Bundesagentur für Arbeit einen unglaublichen Handlungsdruck. Es ist illusorisch, diese große Zahl von Menschen wieder zu rekrutieren.“ 

Die KI-Revolution ist also schon hier und jetzt. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Wenn wir nicht sofort beginnen, über die Folgen nachzudenken und Lösungen zu entwickeln, stehen wir in zehn Jahren vor einem riesigen gesellschaftlichen Scherbenhaufen. 

Portrait Enes Witwit

Enes Witwit

Enes Witwit ist Gründer und Geschäftsführer von uiAgent. uiAgent ist eine KI-gestützte Automatisierungsplattform, die speziell dafür entwickelt wurde, Routine- und sich wiederholende Aufgaben in der Buchhaltung zu automatisieren – insbesondere für Buchhaltungs- und Finanzteams. Statt ein neues Tool zu lernen, arbeitet der KI-Agent direkt in den bestehenden Systemen und Workflows, die Unternehmen bereits nutzen.