style & design · Dresscode

Ghetto-Expressionismus

Krawatten-Comeback
Krawatten-Comeback
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Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 921 Wörter

Bei den Fashion Weeks in Paris und Mailand feierte die Krawatte ihr Comeback.

Ghetto-Expressionismus also! Zugegeben, es ist vielleicht nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man an Krawatten denkt. Aber ja: Es ist eine neue Art von Ghetto-Expressionismus, wenn wir morgens vorm Spiegel stehen und uns ab jetzt wieder Hemd und Schlips zusammenknoten. Zumindest, wenn es nach A$AP Rocky geht.

Der selbst ernannte Pate für alles, was wir Kunst und Mode nennen, hat bei der Pariser Fashion Week seine erste Modekollektion präsentiert. Der Titel: „American Sabotage“. Ein Anschlag auch auf unseren Kleiderschrank. Denn der Rapper sagt: „Ich bin es leid, Rick Owens oder Balenciaga zu sehen. Die Zeit der Brands ist vorbei. Jetzt kommt meine Zeit.“

Rihanna und Asap Rocky bei A$AP Rockys „AMERICAN SABOTAGE“, präsentiert von AWGE Menswear für die Frühjahr/Sommer 2025 Kollektion, im Rahmen der Paris Fashion Week in Paris, Frankreich, am 21. Juni 2024. Foto von Jerome Dominé/ABACAPRESS.COM.

Echt jetzt? 

Seine Zeit – das heißt: Krawattenzeit. Als Kreativchef seines Labels AWGE hat sich A$AP Rocky demonstrativ eine umgebunden, als er zur Premiere auf den wichtigsten Laufsteg der Branche cruiste. Fest wie der Krawattenknoten an seiner Seite: Lebensgefährtin Rihanna mit ihren 151 Millionen Instagram-Followern. Schneller können Trends nicht in die Welt geschossen werden. Und wenn sogar Design-Guru Pharrell Williams bei Louis Vuitton in Paris seine Models mit Krawatten über den Runway schickt, dann wird es ernst: Die Business-Uniformen kommen zurück! Einreiher, Doppelreiher, Hemd und Schlips. Was wir alles in die Altkleidersammlung unseres Lebens geworfen haben, es steht wieder von den Toten auf.

Die Fashion Weeks in Mailand und Paris zeigen es deutlich: Die lazy New-Work-Days sind vorbei, in denen wir in Jogginghose und Sneaker dem Amazon-Paketboten aufmachen, mit eingeklemmter Teams-Meeting-Taste unverdächtig rüber ins Gym und ab Donnerstagmittag schon ins Wochenende remoten konnten. Passend zur Kampfansage vieler Unternehmen, ihre Mitarbeiter vollständig ins Office zurückerpressen zu wollen, kommen die Old-Work-Dresscodes zurück. Symbol dafür: das Comeback der Krawatte.

Eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Rapper den Krawattenkeim, der ausgerottet schien wie die Fünf-Tage-Woche nun wieder einschleppen. Aber auch Dolce & ­Gabbana beamten bei der ­Fashion Week in Mailand den Schlips ins Social-Media-Zeitalter zurück. Und auch Fendi. Und Giorgio Armani, der König der Eleganz. Und Marken wie Hugo Boss sowieso. Die hängen ja mit ihrer ganzen DNA am Anzug wie der Schaffner an der Fahrkartenkontrolle. „Be your own Boss“ heißt der Werbeclaim. Und was ist bossiger als eine Krawatte? Das „K“ der „Krawatte“ war doch immer im Gleichklang mit „Karriere“.

Knotenalarm!

Hätten wir eine Corona-App für Fashion, sie würde uns jetzt warnen: Nichts steht mehr für Old Work als die Krawatte. Ganze Vorstandsetagen trauten sich nach Covid nicht mehr damit in den Videocall. Zu groß war die Gefahr, bei Headhuntern sofort als toxischer alter, weißer Mann abgelegt zu werden. Auch wer keine Ahnung von Digitalität hatte: Als ­Sneaker-Boy sah auch 50 plus zumindest so aus, als habe man mehr Zugang zu Künstlicher Intelligenz als zu künstlichen Hüftgelenken. Denn wir alle haben in den vergangenen Jahren quasi Karriere ohne Personalausweis gemacht. Dress like a Kid. Die Streetwear, wie sie in der milliardenschweren Fashion-Inustrie genannt wird, ist heimlich von der Straße in unsere Büros und Homeoffices geschlichen. Aus Casual Friday wurde ­casual forever. Die absolute Freiheit. Nichts, was uns außerhalb unserer Workspaces decodieren könnte oder Rückschlüsse auf unsere berufliche Sozialisierung erlaubt hätte.

Vorstand oder Praktikant? Ein Dresscode für alle. Hierarchien wie Hosenlängen. One fits it all. Auch wenn einige CEOs im Gleichmacher-Style der New-Work-Ära verloren wirkten wie ein Office ohne Vorzimmerdame und Dienst ohne Dienstwagen. Wie ist man denn mächtig ohne die Insignien der Macht? Ganze Armeen von neuen Coaches haben sich mit Förderprogrammen der Arbeitsagentur für derartige Frageraster ausbilden lassen und sind auf Führungskräfte losgestürmt wie früher die McKinsey-Berater.

Alles haben wir empowert – nur nicht unsere Kleiderschränke!

Bist du noch im Homeoffice? Oder schon im Feierabend? Kein Dresscode, der das eindeutig beantworten konnte. Und wer Jogginghose trägt, kann nun mal gleich losrennen. Einige Designer verdienten sich Sonder­boni, indem sie Anzüge zu sogenannten Jogg-Suits umschneiderten. Leicht zu erkennen an den Kordeln, die vorn meist so ungeschickt aus der Hose baumeln.

Aber die Krawatte? Sie wird uns verraten. Eine Krawatte zieht unsere Freiheit zusammen, wie die Fußfesseln es bei einem Strafgefangenen machen, der gerade aus Alcatraz zu fliehen versucht. Wer Krawatte trägt, nein, der kann nicht schnell mit dem Mountainbike zum Feinkostladen radeln oder sich vormittags unschuldig zum Pilates anmelden. Die ­Krawatte schreit so unmissverständlich: „Ich. Bin. Im. Dienst. Ich gehöre nicht in die Freizeit.

Aber: Krawatte ist auch Verantwortung. Einigen hängt sie wie eine Last um den Hals. Da hilft es auch nicht, sie besonders lässig zu binden. Jetzt zieht sich der Knoten wieder zu. Von wegen: Purpose ist der neue Profit. Alles zurück auf Anfang. Old Work ist das neue New Work. Für die Transformationsphase geben uns Fashion-Häuser wie Prada oder das Berliner Label 032c eine Art Onboarding-Phase. Wie die funktioniert? Auf den Laufstegen in Mailand und Paris war es schön zu sehen: Echte Business Punker brauchen nämlich weder Hemd noch Krawatte. Sie werfen das Sakko einfach über den nackten Oberkörper. Mit freier Brust back to Business. Play hard für alle, die oben mitspielen wollen.

Portrait Tom Junkersdorf

Tom Junkersdorf