Glück Auf, der Steiger kommt! Und Bochum erst recht!
Gute Nachrichten liest man selten über Bochum. Doch was, wenn sie nur übersehen werden und die Stadt schon längst nichts mehr mit dem zu tun hat, was sie mal war?
Dem Ruhrgebiet eilen Ruf und Identität voraus: Bergbaugegend. Und seit es keine Kohle mehr gibt, hat die Region folgerichtig mit dem Bedeutungsverlust zu kämpfen. Die Städte Hamm, Dortmund, Herne, Gelsenkirchen, Bottrop, Oberhausen, Duisburg und auch Bochum bilden in Nordrhein-Westfalen eines der größten Ballungszentren Europas: 4 500 Quadratkilometer, 5,1 Millionen Einwohner. Die Namen tragen den Sound der Nachkriegs-BRD mit sich, den Sound der 80er, Grönemeyer. Man denkt an Malocher mit rußigen Gesichtern, an Kohle, an Stahl. Doch die alten Bilder haben inzwischen einen vergilbten Schleier, heute verbindet man das Ruhrgebiet mit dem scheußlichen Wort Strukturwandel. Gibt es in Deutschland eine Region, die sich so sehr mit ihrer Vergangenheit als Boomregion abzumühen hat wie das Ruhrgebiet?
Doch was, wenn diese Bilder im Kopf schon längst nicht mehr stimmen? Wenn es eigentlich viele gute wirtschaftliche Nachrichten aus dem Pott gibt? Was, wenn es sich schon lange nicht mehr um ein Arbeitergebiet handelt, sondern um eine Dienstleistungs- und Angestelltenregion?
Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch fasst den Kern der Legende um seine Stadt mit einem griffigen Satz zusammen: „Früher gab es hier 300 000 Bergleute und keine Studierenden. Heute gibt es hier 300 000 Studierende und keine Bergleute.“ Seit 1973 sind die Bergarbeiter weg. Damals wurde die letzte Zeche Hannover/Hannibal dichtgemacht, danach war Schicht im Schacht. Was bleibt, ist die Erinnerung. Der Bergbau ist zudem nicht die einzige Industrie, die aus der Stadt verschwunden ist: 2008 schloss das Nokia-Werk, 2014 das Opel-Werk. Das sind große Verluste, die muss man verkraften – aber sie gleich als Stunde null erachten?
Offenbar ja, denn Eiskirch sagt: „Wir haben den Wandel in Bochum früher immer als etwas begriffen, das man bewältigen muss. Heute sehen wir die Chancen.“ Da dies bis dato aber nur semi-gut geklappt zu haben schien, beschloss er bei seinem Amtsantritt im Jahr 2015, es anders zu machen. Zwar mag das Verschwinden der Schwerindustrie seiner Stadt Probleme beschert haben. Doch dafür ist eben auch Raum für Neues entstanden.
Fließende Prozesse
Also hat Eiskirch Bochum auf ein Ziel ausgerichtet: nicht mehr Spielball großer Industrien sein, sondern einen eigenen Weg unabhängig von ihnen gehen. Dazu hat er einen Ort ausgemacht, an dem diese neue Mythenbildung beginnen soll – und das ist ausgerechnet das Opel-Werk.

2015 hing hier noch das Emblem mit dem Blitz über den Werkstoren, Hallen standen aneinandergereiht. Und weil Platz wertvoll ist, haben Stadt und Konzern sich darauf geeinigt, dass man die Fläche weiternutzen will. Man hat damit bereits angefangen, bevor die Produktion endete. General Motors hat die Fläche der Stadt für einen symbolischen Wert überlassen. Und die siedelt dort seitdem neue Player an: Universitäten, Hochschulen, Institute und natürlich Gründer.
Neu ist zudem die Sprache. „Als Erstes habe ich das Glückauf aus meinen Reden gestrichen“, sagt Eiskirch, der damit auch einen rhetorischen Neustart wagen wollte. Weg mit dem alten Eiapopeia vom Bergbau. „Auf dem Gelände sollen am Ende deutlich mehr als doppelt so viele Leute arbeiten wie zu Opel-Zeiten“, sagt der Bürgermeister. Dazu ein fresher Name: Mark 51°7. Und, schwupps, der Ort, der lange für miese Stimmung sorgte, ist zu einem Ort geworden, an dem das neue Bochum entstehen sollte – nämlich ein Hotspot für die Digitalisierung.
Das sind fließende Prozesse. Noch bevor Opel weggezogen ist, haben die Universitäten bereits regen Zulauf gehabt, die 300 000 Studenten sind nicht alle erst nach 2014 nach Bochum gekommen. Doch passierte das eben unter der Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung. „Ich habe den Anspruch, dass wir uns nicht mehr verstecken“, sagt Eiskirch.
Allerdings gibt es noch immer die Mentalität der Ruhrgebiet-Natives. Und die ist nachhaltig von einer Industrie geprägt, die wenige Show-off-Charakter kannte. Sich jetzt als hübsch und modern zu zeigen fällt hier vielen schwer, weil man sich dafür aus seiner Komfortzone wagen muss.
Eiskirch hat mehrere Faktoren ausgemacht, die aus Bochum einen internationalen Digital-Hotspot machen sollen: „Wir haben hier eine Kombination aus guten Leuten, exzellenter Wissenschaft und niedrigen Lebenshaltungskosten“, sagt er. Die Universitäten und Hochschulen sind Eckpfeiler seines Plans. Längst schon läuft die Ausbildung junger Leute auf Hochtouren. Sie sollen immer mehr Ideen entwickeln, mit denen sich die Stadt von ihren alten Industrien lösen kann. Einen Vorteil hat der Nachwuchs: Nur wenige kennen die alte Zeit. Die meisten kennen Bochum nur als Digitalregion und wollen diesen Ruf weiter befeuern. Auch die Lebenshaltungskosten spielen Eiskirch in die Karten. Es reicht ein Blick in andere Städte: München ist durchgentrifiziert. In Berlin und Hamburg viele Stadtteile auch. Die Mieten für Wohnungen sind hoch, für Büros auch. Bier und Pizza am Abend sind da noch gar nicht mit drin. Ein Vorteil für Bochum. Zwar (noch) unsexy – aber bezahlbar!
Natürlich haben diese Metropolen trotzdem einen Startvorteil. Weil sie seit Langem Gründer anziehen, gibt es dort Geld für deren Ideen. Und andersrum natürlich. Im internationalen Vergleich ist es in Deutschland ohnehin schwer für Gründer, an Geld zu kommen. Außerhalb der Großstädte ist es noch härter. Doch Bochum will das nicht einfach hinnehmen. Dazu hat die Stadt sich kurzerhand dafür eine Lösung überlegt. Sie tritt jetzt einfach selbst als VC auf.
David Latz ist Geschäftsführer von Shiftdigital. Weil er schon in mehreren Städten des Ruhrgebiets gelebt und gearbeitet hat, nennt er sich halbironisch „Wanderer zwischen den Welten“. Auch wenn die Grenzen zwischen den Städten fließend sind, „ist es trotzdem sehr unterschiedlich“, sagt er. In Bochum etwa habe die Startup-Szene einen familiären Charakter. Sie sei so offen, „dass man sich gut begegnen kann“.

Latz’ Unternehmen soll und will der Verwaltung der Stadt bei der Digitalisierung helfen. Shiftdigital entwickelt dafür eine Software. Zuerst soll so Bochum zu einer Stadt mit richtigen Digitalstrukturen werden. Doch Latz will mehr: nämlich, dass auch andere Städte seine Software kaufen. Software as a Service, made for Germany, in Bochum. Die Wirtschaftsförderung hat ihn mit einer Anschubfinanzierung ausgestattet, sodass Latz ein Team aufbauen kann – und vor allem: Dass er erst einmal herausfinden kann, was eine Stadt braucht. „Es bringt ja nichts, wenn man den Bürgern ein digitales Frontend gibt, aber die Prozesse dahinter analog sind“, sagt er. Um das zu lösen, so Latz, gäbe es eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Stakeholdern in der Stadtverwaltung. Das hilft dem Unternehmer. Es zeigt aber auch, dass man in Bochum verstanden hat, dass es kein „Weiter so“ geben kann.
Dazu gehört auch, dass man Unternehmern aus ihrem Versteck hilft, so weit man eben kann. Und es passt ganz gut zu dem, was diese Unternehmer denken, nämlich dass Bochum „eine Stadt im Aufbruch“ sei. Das jedenfalls sagt Eray Basar, Co-Founder der Digitalagentur 9elements und CEO von img.ly. Das Unternehmen entwickelt eine Designsoftware. „Es gibt hier eine junge Verwaltung, die wirklich bereit ist, Risiken einzugehen“, sagt er. „Hier heißt es, okay, du hast Ahnung von dem, was du tust, und dann folgt die Verwaltung da auch einer Empfehlung.“
Mit img.ly hat Basar in Bochum einen digitalen Player angesiedelt. Sein Unternehmen bietet einen Foto-Editor als Software-Development-Kit an, ein Markt, der bisher von Adobe dominiert wird. Den will Basar jetzt umkrempeln. Das ist nicht gerade ambitionslos, aber der Unternehmer hat unter anderem einen Painpoint ausgemacht, den die Konkurrenz bisher kaum lösen konnte: Er will die Reibung zwischen Designern und Nichtdesignern abbauen, die viele Unternehmen daran hindert, richtig gute Designs zu machen. Das ist ein globales Business und zeigt exemplarisch, in welcher Liga sich die Bochumer Unternehmer heute sehen. Und dass er sich ausgerechnet diese Stadt dafür als Headquarter ausgesucht hat, hat einen einfachen Grund: Basar ist einer dieser bereits erwähnten Ruhrgebiet-Natives.
Spätestens seit Corona hat sich die Frage nach dem perfekten Standort ohnehin relativiert. „Remote first“, sagt Basar schlicht. Damit hat die Pandemie einer Entwicklung Schub gegeben, die es auch vorher längst gab. Im Digitalbusiness sind Wohn- und Arbeitsort schon lange weniger wichtig. Das Büro ist dort, wo der Rechner steht. Jetzt haben Brick and Mortar in diesem Geschäftsfeld das letzte bisschen Bedeutung verloren. Trotzdem sagt Basar: „Hier ist aber unser Headquarter.“ Hier, das ist Bochum, und das hat noch einen anderen Grund.
Digitaler Nachwuchs
Denn Remote first hin oder her, auch Basar ist immer auf der Suche nach neuen Leuten. Und die gibt es an Bochums Universitäten und Hochschulen, die seit Jahren auf die Ausbildung des digitalen Nachwuchses spezialisiert sind. „Wir haben hier einen großen Talentpool, den wir ausschöpfen können.“ Für Unternehmen wie die von Basar bietet Bochum damit eben doch einen wichtigen Standortvorteil, der in einem sich globalisierenden Arbeitsmarkt entscheidend sein kann. „Wir haben jetzt auch Leute in Vancouver sitzen oder in der Ukraine“, sagt Basar. Die wollen natürlich auch nach internationalem Standard bezahlt werden – gut, wenn man da auf lokale Ressourcen zurückgreifen kann.
Ähnliches berichtet Daniel Schütt. Er ist einer der Gründer von Masterplan, einer digitalen Lernplattform für Unternehmen und deren Mitarbeiter. „Wir sind gar kein Bochumer Unternehmen“, sagt Schütt. „Wir haben Mitarbeiter aus Dortmund, aus Duisburg, aus Essen oder aus Wuppertal.“
Ob man in Berlin von Ost nach West fährt oder im Ruhrgebiet von einer Stadt in die nächste, sei ja auch egal. Das mag zuerst natürlich trivial klingen, aber beim War for Talents macht es einen entscheidenden Unterschied: Wer Hannover, Stuttgart, Nürnberg oder Dresden nicht mag, kann sich nicht einfach eine dezent andere Stadt in Pendelentfernung aussuchen. Somit profitieren Unternehmen, die auf dem Arbeitsmarkt auf einmal globalen Prozessen ausgesetzt sind, einfach davon, dass im Ruhrgebiet sehr viele Menschen leben.

Die Unternehmen und die Region selbst sind also schon lange Teil eines großen Prozesses, in dem es heißt, sich als Player etablieren zu müssen. Schütt beobachtet etwa, dass es in einigen Berufsgruppen immer noch schwer ist, Talente zu finden. „Data-Scientists findet man eher in Berlin“, sagt er. Wie schafft man es als Standort, sich da zu verbessern, wenn es so starke Konkurrenz gibt? Talent zieht weiteres Talent an, Unternehmen ziehen weitere Unternehmen an. Nur geht das nicht innerhalb von ein paar Jahren, Dinge brauchen Zeit: „Das Silicon Valley ist auch nicht über Nacht entstanden, sondern über 60 Jahre“, sagt Schütt. Und Bochum sei in seinen Vorzeigebranchen inzwischen ein Standort mit Valley-Potenzial. Nicht nur in Deutschland haben die Bochumer einen Ruf, sondern in ganz Europa. Das Ganze könnte also wirken wie ein Schwungrad: Wenn man es einmal ordentlich anschiebt, dreht es sich immer schneller. So jedenfalls die Hoffnung der Bochumer.
Wenn Bürgermeister Eiskirch davon spricht, dass er das, was es in der Stadt jetzt schon gibt, nicht mehr verstecken will, dann meint er damit auch, dass er zeigen will, welche Branchen hier schon groß geworden sind. So groß, dass sie längst mehr als nur das Potenzial mitbringen, Kohle und Stahl zu beerben. Sie könnten der Stadt langfristig ein neues Gesicht geben: Cybersecurity ist so ein Feld, und Medizintechnik ist inzwischen eines der größten Reservoirs für Arbeitsplätze geworden. Um die Hochschulen und Universitäten hat sich ein Wissenschaftsnetzwerk entwickelt, das jedes Jahr neue Leute auf den Markt bringt, das eng mit der Wirtschaft verwebt ist. Vielleicht baut einer davon das ersehnte Unicorn, von dem in der Region alle träumen? Das Opel-Gelände ist einer dieser Orte, an dem das Ganze jeden Tag passiert. Aber die Stadt investiert auch in ihr Zentrum. Gegenüber dem Rathaus entsteht etwa gerade ein Haus des Wissens. Die alte Postzentrale soll zu einem Begegnungszentrum zwischen den Menschen der Stadt und der Wissenschaft werden.
Heike Kehlbeck ist die Vizepräsidentin für Hochschulentwicklung an der Technischen Hochschule Georg Agricola, kurz: THGA, einer 1816 ursprünglich als Bergschule zur Ausbildung von Steigern und mittleren Grubenbeamten gegründeten Hochschule. Seit es in Bochum keinen Bergbau mehr gibt, ist für die Stadt die Ausbildung von Bergleuten irrelevant geworden. Aber die THGA zeigt, wie man sich aus dieser Falle befreien kann. „Wir versuchen heute hier, an den Standort angepasste Gründungen zu forcieren“, sagt Kehlbeck. Seit dem vergangenen Jahr gibt es die Initiative StartING@THGA. „Uns war lange gar nicht bewusst, dass unsere Studierenden so viele Ideen haben“, sagt Kehlbeck. „Aber wenn man sie fragt, dann sprudelt es richtig.“ In der Initiative geht es darum, diese Ideen zu kanalisieren und zu strukturieren. Denn die beste Idee bleibt am Ende nur eine Idee, wenn sie niemand umsetzt. Und dafür gibt es an der Georg Agricola nun eben Hilfe. „Welche Schritte sind wichtig? Kann man ein Stufenmodell entwickeln? Welche Kontakte brauchen die Leute?“
Echte Arbeitermentalität
Die meisten Absolventen sind Ingenieure. Die haben es auf dem Arbeitsmarkt oft leichter als andere – es ist schwer, diesen Talentpool zum Gründen zu motivieren. „Unsere Studierenden haben gute Jobs“, sagt Kehlbeck. Und wer gute Arbeit habe, habe eben weniger Motivation, sich selbstständig zu machen. Auch wenn die THGA ihre Starthilfe für Gründer erst seit dem Jahr 2020 auf der Spur hat, sagt Kehlbeck, dass sich die Initiative bereits in ein tragfähiges Netzwerk anderer Projekte einfügt. „Die Region braucht gute Initiativen“, sagt Kehlbeck. Denn wie Eiskirch sagt auch sie, dass vieles in Bochum sich immer noch versteckt. „Ich habe in Berlin und in Hamburg gelebt. Und ich kann aus Erfahrung sagen, dass Bochum anders ist als diese Orte“, sagt Kehlbeck. Das liege daran, dass der Bochumer an sich das Herz eben nicht auf der Zunge liegen habe und dass, auch wenn der Bergbau lange verschwunden ist, die zurückhaltende Arbeitermentalität trotzdem noch da sei. „Als ich hierhergekommen bin, dachte ich ja auch, dass Bochum eine Arbeiterstadt ist“, sagt sie.
Die Initiative StartING der THGA habe sich wegen Corona im vergangenen Jahr gleich zu Beginn einmal neu erfinden müssen. Alle Veranstaltungen mussten digital stattfinden. Eine Lösung war ein Podcast. Das Studio, ein umgebautes Tiny House, hat Kehlbeck vor das Bergbaumuseum gestellt. „Da ist mir erst mal bewusst geworden, dass die meisten Leute im Viertel die Hochschule gar nicht kennen“, sagt sie. Dabei ist sie einer von vielen Wissenschaftsplayern in der Stadt, in die viele der Hoffnungen hineinprojiziert werden.
Ein weiterer wichtiger Player auf dem Gebiet ist, natürlich, die Ruhr-Universität Bochum (RUB). Über die Grenzen Bochums hinaus hat die Uni einen Ruf als Brutalismus-Hochburg und Sozenbunker. Sosehr sie aber von außen abschrecken mag, in ihrem Inneren zeigt die RUB, dass sie ihre Stadt mit in die Zukunft katapultieren will. Marc Seelbach ist dort dafür zuständig, Forschungsergebnisse nach außen zu transferieren. Dass die Stadt angefangen hat, sich zu wandeln, sagt er, habe unmittelbar damit zu tun, dass Nokia und Opel weggebrochen sind. „Damals wurde ein Prozess gestartet, den wir Worldfactoy nennen“, sagt er. Auf dem ehemaligen Opel-Gelände sollten Lehre, Forschung und Gründung unter einem Dach vereint werden – klares Ziel: Bochum als Wissensstandort stärken.
„Die Leute hier waren immer stolz auf ihre Arbeit, auf den Bergbau. Auch weil er sichtbar war, obwohl er unter Tage stattfand.“
Heike Kehlbeck
2017 gründete die Uni dann die Abteilung, in der Seelbach heute arbeitet. Bis dahin gab es für das Thema Gründungen nicht mal eine Vollzeitstelle für 40 000 Studierende und 5 000 Wissenschaftler. Inzwischen hat sich die RUB dort neu aufgestellt und für die verschiedenen Forschungsbereiche zuständige Inkubatoren gegründet. „Wir implementieren damit das Thema Entrepreneurship tief in der Lehre.“ „Start4Chem“ ist demnach für Innovationen im Bereich Chemie zuständig, „Materials“ für Materialwissenschaften, „Smart Systems“ ist der Fachinkubator für Industrie-4.0-Themen. „Inzwischen haben wir campusweit rund 30 Vollzeitstellen auf dem Thema“, sagt Seelbach. Ein wichtiger Faktor war, dass das Land Nordrhein-Westfalen 2018 viel Geld in die Hand genommen hat, um die Universitäten zu unterstützen. Die RUB allein hat damals 20 Mio. Euro bekommen.
Eines der Unternehmen, die aus der RUB hervorgegangen sind, ist Physec. Es steht nicht nur für das Gründen in Bochum an sich, sondern auch für einen Sektor, auf den Bochum stolz ist: Cybersecurity. Cube 5 ist der Inkubator, der den Bereich an der RUB weiter fördern soll. „Das ist ein Aushängeschild“, sagt Seelbach.
Heiko Koepke ist Gründer von Physec, eigentlich ist er Wirtschaftswissenschaftler. Auf einer Veranstaltung der RUB, die Techies und Wirtschaftsmenschen zusammenbringen sollte, hat er Christian Zenger kennengelernt, einen Spezialisten für Cybersecurity. Die beiden haben ihr Unternehmen im Februar 2016 angemeldet. Inzwischen beschäftigen sie 40 Mitarbeiter. Physec ist darauf spezialisiert, für Sicherheit im Internet of Things zu sorgen. Ein Zukunftsfeld, denn je mehr Geräte mit dem Netz verbunden werden, desto wichtiger die Arbeit von Physec. Seien es Strom- oder Wasserzähler, Industrieanwendungen oder Sensoren.
Dass Koepke und Zenger Physec in Bochum gegründet haben, liegt nicht nur daran, dass Koepke aus dem Ruhrgebiet ist und die beiden sich an der RUB kennengelernt haben. Die Stadt hat mit dem Horst-Görtz-Institut das deutschlandweit erste Institut für Cybersecurity angesiedelt. Das beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema, außerdem bringt die Forschung selbst immer wieder neue Innovationen auf den Markt. Die Beziehungen sind eng. Außerdem sitzt Koepke im Vorstand von Eurobits e. V., dem Kompetenzzentrum für IT-Sicherheit in Bochum. „Darüber können wir natürlich immer wieder an Rekruten kommen“, sagt Koepke.
Wie bei img.ly hat Corona den Arbeitsmarkt auch für Physec durcheinandergebracht. Arbeit wird auch hier ortsunabhängig. „Ich sehe daher aktuell keinen Bedarf für weitere Standorte“, sagt Koepke. Die hätten sonst in Berlin oder München entstehen können. In Städten, die schon länger Magnete für Talente sind. Doch fragt man Koepke, ob Bochum sich als Standort auch in Zukunft wird behaupten können, ist die Antwort eine recht eindeutige: „Ich glaube, dass wir auf zwei wichtige Themen gesetzt haben. Die Gesundheitswirtschaft und die IT-Sicherheit.“ Für ihn ist daher klar: Bochum hat das Potenzial – die Demografie und die Digitalisierung könnten Treiber sein, dass die Stadt es ausspielen muss.
Und vielleicht ist das dann auch der Grundstein für eine neue Legende. Eine, in der eine Stadt im permanenten Strukturwandel es geschafft hat, sich zu erneuern. Weil sie auf die richtigen Felder gesetzt hat und weil sie mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hat – ohne sie abzulegen. Und so wie Kehlbeck diese Erkenntnis erst einmal sacken lassen musste, muss das auch die ganze Stadt, vielleicht die ganze Region. „Die Leute hier waren immer stolz auf ihre Arbeit, auf den Bergbau. Auch weil er sichtbar war, obwohl er unter Tage stattfand“, sagt Kehlbeck. Das Neue müsse man eben jetzt auch sichtbar machen. Und neuen Stolz auf das Geschaffene anfachen.
Wen und was muss man in Bochum kennen?
David Latz Sein Unternehmen Shiftdigital soll der Bochumer Verwaltung den nötigen Digitalisierungsschub geben. Die Software soll auch an andere Städte verkauft werden können – SaaS made in Bochum.
Heike Kehlbeck Die ehemalige Bergbauschule Georg Agricola arbeitet nun daran, zeitgemäße Gründungen zu fördern – und setzt dabei darauf, gut sichtbar aufzutreten. Auch dann, wenn man sich nicht treffen darf.
Eray Basar Der Seriengründer hat Bochum als Standort für sein Unternehmen ausgewählt. Erstens ist er von dort, zweitens kann er hier auf viele gut ausgebildete Leute zurückgreifen. Ein Standortvorteil.
Thomas Eiskirch Der Oberbürgermeister von Bochum hat sich einem Ziel verschrieben: sichtbar machen, was es schon gibt. Außerdem will er die Standortvorteile seiner Stadt ausspielen: etwa Lebenshaltungskosten.
Daniel Schütt Mit Masterplan hat er einen digitalen Player in Bochum angesiedelt. Er sieht, dass etwa Data-Scientists immer noch gerne nach Berlin gehen. Das bedeutet: Es gibt immer noch Arbeit zu erledigen.»Wir versuchen,an denStandortangepasste Gründungen zuforcieren«
Heiko Koepke Sein Unternehmen Physec arbeitet im Bereich der Cybersecurity. Es ist eines der Geschäftsfelder, auf die Bochum auf dem Weg in die Zukunft setzen will – und es wird immer wichtiger werden.
Marc Seelbach Er ist an der Ruhr-Universität dafür zuständig, Gründungen zu fördern. Seelbach nennt es Wissenschaftstransfer – Forschung wird so in jungen Unternehmen präsent.
Bochum liegt im Zentrum des Ruhrgebiets und gehört zur Metropolregion Rhein-Ruhr. Die 370 000-Einwohner-Stadt bietet neun Hochschulen. Die Ruhr-Universität war Deutschlands erste Uni-Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg. Interessanter: Derzeit spielt der VfL um den Aufstieg in die Bundesliga.
Gründer-Kumpel
Senkrechtstarter
Branchenoffener Wettbewerb für Gründer in Bochum und NRW. Jeder mit einer Geschäftsidee kann mitmachen, es gibt Rat und Geld.
Cube 5
…ist der Inkubator des Horst-Görtz-Instituts und richtet sich an Gründer im Bereich IT-Sicherheit.
WERK X
…sucht jedes Jahr drei Gründerteams, die ihre Ideen zu einem marktreifen Startup entwickeln wollen. Der Inkubator lockt mit schnellen Tests und Co-Working.