Green & Generation Dunkelflaute-Poker: Warum Deutschlands Energiewende am Speicher-Dilemma scheitern könnte

Dunkelflaute-Poker: Warum Deutschlands Energiewende am Speicher-Dilemma scheitern könnte

Gaskraftwerke vs. Batteriespeicher: Die Bundesregierung setzt auf fossile Backup-Kapazitäten – und riskiert damit, innovative Speichertechnologien auszubremsen. Ein Fraunhofer-Experte rechnet vor, warum diese Strategie zur Kostenfalle wird.

Deutschland plant bis 2045 einen massiven Ausbau steuerbarer Kraftwerksleistung: 80 bis 90 Gigawatt sollen Dunkelflauten absichern. Doch während die Politik auf staatlich finanzierte Gaskraftwerke setzt, warnen Energieexperten vor einer gefährlichen Wettbewerbsverzerrung. Christof Wittwer vom Fraunhofer ISE bringt das Dilemma auf den Punkt: Wer heute Milliarden in fossile Backup-Systeme pumpt, blockiert morgen den Durchbruch von Batteriespeichern und flexiblen Alternativen.

Der Staat als Marktverzerrer

Die Bundesregierung will zwölf Gigawatt neue Gaskraftwerke bauen, perspektivisch sogar bis zu 41 Gigawatt. Das klingt nach pragmatischer Absicherung gegen Dunkelflauten – jene gefürchteten Winterphasen, in denen weder Wind weht noch Sonne scheint. Doch laut Erneuerbareenergien liegt das eigentliche Problem woanders: Wenn der Staat gezielt Kapazitätsmärkte schafft und neue Kraftwerke auf Kosten der Steuerzahler finanziert, geraten alternative Technologien wie Batteriespeicher ins Hintertreffen.

Die zentrale Frage sei daher, ob ein zu großzügiger Ausbau von Gaskraftwerken den dringend benötigten Ausbau von Speichern behindere. Die REMod-Studien des Fraunhofer ISE zeigen: Bei einem Bruttostromverbrauch von 900 bis 1.100 Terawattstunden pro Jahr werden im Endausbau bis 2045 tatsächlich 80 bis 90 Gigawatt steuerbare Kraftwerksleistung benötigt. Die aktuell diskutierten Größenordnungen von 20 oder 40 Gigawatt seien durchaus konsistent mit wissenschaftlichen Annahmen zu künftigen Backup-Leistungen. Doch die Reihenfolge entscheide über Erfolg oder Scheitern der Energiewende.

Wasserstoff-Falle statt Zukunftslösung

Besonders brisant: Die neuen Kraftwerke werden zunächst mit fossilem Gas betrieben und lediglich als „H₂-ready“ ausgewiesen. Damit lande man im klassischen Henne-Ei-Problem: Es gebe noch nicht genug grünen Wasserstoff, also könnten die Kraftwerke auch nicht damit betrieben werden.

Diese Übergangslösung möge pragmatisch erscheinen, berge aber Risiken – denn ob und wie schnell die Umstellung auf Wasserstoff gelinge, hänge von vielen langfristigen Rahmenbedingungen ab. Eine Variante mit weniger Wettbewerbsverzerrung wäre gewesen, deutlich stärkere Signale in Richtung Wasserstoff zu setzen. Stattdessen hat sich die Politik bewusst für den fossilen Weg entschieden. Das Fraunhofer ISE fordert deshalb einen Paradigmenwechsel: Weg von der wärmegeführten Dauerproduktion, hin zu einer stromgeführten, flexiblen Betriebsweise bei Biogas- und KWK-Anlagen.

Biogas: Unterschätztes Potenzial mit Grenzen

Biogas kann einen Beitrag leisten, aber das Potenzial ist begrenzt. Aus den Szenarien wisse man, dass Biomasse langfristig etwa 10 bis 15 Prozent des Energiebedarfs decken könne – deutlich weniger, als oft angenommen werde, selbst wenn man Abfallströme mit einbeziehe, berichtet Golem. Dennoch seien dezentrale Biogas- und KWK-Anlagen für gewisse Anwendungen sehr sinnvoll.

Sie erhöhten die Resilienz vor Ort, weil lokale Ressourcen genutzt werden könnten. Wichtig sei allerdings ein Paradigmenwechsel: Dafür müssten die Anlagen leistungsfähiger werden, größere Gasspeicher bekommen und gezielt auf Netzbedarfe reagieren können. Das erfordere Investitionen – und entsprechende Anreize.

Die Speicher-Illusion

Mit Schwarm- oder Heimspeichern allein ließen sich keine mehrtägigen Dunkelflauten überbrücken. Eine typische Dunkelflaute im Januar dauere 72 bis 120 Stunden. Selbst wenn Deutschland 50 Millionen Heimspeicher mit je 10 kWh hätte – das seien 500 Gigawattstunden Kapazität – wäre das bei einer durchschnittlichen Last von 80 Gigawatt in wenigen Stunden leer.

Dafür brauche es echte Backup-Kapazitäten. Gleichzeitig seien Flexibilitätsanbieter und Speicher im sogenannten Arbitragegeschäft extrem wichtig und wirtschaftlich attraktiv. Batteriespeicher, erneuerbare Energien und flexible Verbraucher könnten Tages- und teilweise auch Wochenunterschiede ausgleichen – aber keine längeren Dunkelflauten. Die entscheidende Frage sei deshalb nicht „entweder oder“, sondern: Verzerrt der staatlich organisierte Kapazitätsausbau den Wettbewerb und behindert er Innovationen bei neuen Flexibilitätslösungen?

Der volkswirtschaftliche Kompass fehlt

Der Ansatz des Fraunhofer ISE ist klar: Deutschland müsse konsequent entlang der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten planen und diesen Rahmen als Leitbild für Regulierung und Politik nutzen. Entscheidend seien belastbare Mengengerüste und der nachweisliche Beitrag zur CO₂-Minderung.

Darauf aufbauend brauche es eine strategische Entscheidung, welche Technologien zu welchem Zeitpunkt notwendig seien – ohne sie gegeneinander auszuspielen. Das Marktdesign sei ohne Zweifel anspruchsvoll. Aber mit einem konsistenten Strategie- und Entwicklungsplan, dem man konsequent folge, entstünden für alle Flexibilitätsanbieter tragfähige Geschäftsmodelle.

Business Punk Check

Die Bundesregierung spielt Energiepolitik nach Gutsherrenart: Erst werden Milliarden in fossile Gaskraftwerke gepumpt, dann wundert man sich, warum Batteriespeicher und Wasserstoff-Startups keine Investoren finden. Das ist keine Energiewende, sondern Marktverzerrung mit Ansage. Die Fraunhofer-Rechnung ist brutal ehrlich: 80 bis 90 Gigawatt steuerbare Leistung bis 2045 – das ist kein Pappenstiel. Aber wer heute auf „H₂-ready“-Gaskraftwerke setzt, die erstmal mit fossilem Gas laufen, kauft sich ein Henne-Ei-Problem auf Steuerzahlerkosten. Denn grüner Wasserstoff kommt nicht vom Himmel gefallen, sondern braucht massive Investitionen in Elektrolyse-Infrastruktur. Die aber bleiben aus, solange staatlich subventionierte Gaskraftwerke die Preise drücken.

Das eigentliche Skandal: Batteriespeicher könnten Tages- und Wochenschwankungen abfedern – und sind technologisch längst marktreif. Doch wer investiert in Speicher, wenn der Staat parallel fossile Backup-Kapazitäten verschenkt? Hier wird nicht die Energiewende geplant, sondern eine Branche systematisch ausgebremst. Die Biogas-Debatte zeigt das Dilemma: 10 bis 15 Prozent Potenzial – mehr ist nicht drin, selbst mit Abfallströmen. Trotzdem werden dezentrale Biogas-Anlagen als Allheilmittel verkauft, obwohl sie ohne massive Umrüstung auf stromgeführte Betriebsweise kaum zur Netzstabilisierung beitragen. Auch hier: Viel Rhetorik, wenig Substanz.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind staatlich finanzierte Gaskraftwerke ein Problem für Batteriespeicher?

Wenn der Staat Gaskraftwerke auf Kosten der Steuerzahler vorfinanziert, entstehen staatlich subventionierte Konkurrenzkapazitäten, die bereits bezahlt sind. Das macht es für private Investoren unattraktiv, in Batteriespeicher oder andere flexible Technologien zu investieren, weil diese am Markt gegen subventionierte Angebote konkurrieren müssen. Die Folge: Innovationen bei Speichertechnologien werden ausgebremst, obwohl sie für Tages- und Wochenschwankungen technisch besser geeignet wären.

Können Batteriespeicher Dunkelflauten wirklich nicht überbrücken?

Batteriespeicher sind für kurz- bis mittelfristige Flexibilität ideal, können aber mehrtägige Dunkelflauten von 72 bis 120 Stunden nicht allein abdecken. Selbst bei optimistischem Ausbau würden stationäre Speicher und E-Auto-Batterien bis 2040 nur für zwei bis drei Tage reichen. Für längere Phasen braucht es zusätzlich Gaskraftwerke oder Wasserstoff-Infrastruktur. Die entscheidende Frage ist, ob der Staat durch überdimensionierte Gaskraftwerks-Kapazitäten den Speicher-Ausbau behindert.

Warum setzt Deutschland auf „H₂-ready“-Gaskraftwerke statt echte Wasserstoff-Lösungen?

Die Politik hat sich bewusst für eine Übergangslösung entschieden: Neue Kraftwerke laufen zunächst mit fossilem Gas und sollen später auf Wasserstoff umgestellt werden. Das Problem: Es gibt noch nicht genug grünen Wasserstoff, also landen wir im Henne-Ei-Problem. Ob und wie schnell die Umstellung gelingt, hängt von langfristigen Rahmenbedingungen ab – und davon, ob Investitionen in Elektrolyse-Infrastruktur überhaupt attraktiv bleiben, solange fossile Gaskraftwerke staatlich subventioniert werden.

Welche Rolle kann Biogas bei der Dunkelflaute-Absicherung spielen?

Biogas kann langfristig etwa 10 bis 15 Prozent des Energiebedarfs decken – deutlich weniger, als oft angenommen wird. Dezentrale Biogas- und KWK-Anlagen sind sinnvoll für lokale Resilienz, müssen aber von wärmegeführter Dauerproduktion auf stromgeführte, flexible Betriebsweise umgestellt werden. Das erfordert Investitionen in leistungsfähigere Anlagen, größere Gasspeicher und Anreize für netzbedarfsgerechte Steuerung. Ohne diesen Paradigmenwechsel bleibt das Potenzial begrenzt.

Was müssen Unternehmen jetzt tun, um von der Energiewende zu profitieren?

Unternehmen sollten auf Flexibilitäts-Technologien setzen: Batteriespeicher für Tages- und Wochenschwankungen, Demand-Side-Management für intelligente Laststeuerung und dezentrale Biogas-Anlagen mit stromgeführter Betriebsweise. Wer jetzt in Speicher- und Wasserstoff-Infrastruktur investiert, positioniert sich für tragfähige Geschäftsmodelle – vorausgesetzt, die Politik schafft faire Wettbewerbsbedingungen statt staatlich subventionierter Gaskraftwerke. Die nächsten fünf Jahre entscheiden, ob Deutschland eine echte Flexibilitäts-Infrastruktur aufbaut oder mit überteuerten fossilen Backup-Systemen dasteht.

Quellen: Erneuerbareenergien, Xpert, Golem

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