Green & Generation Fossile Energieimporte: 80 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Einfach weg.

Fossile Energieimporte: 80 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Einfach weg.

Warum Deutschland seine Wärme endlich selbst produzieren kann – und was es kostet, es nicht zu tun.

Man stelle sich vor: man überweist jeden Monat Miete – obwohl man längst das Geld hättest, sein eigenes Haus zu bauen. Genau das tut Deutschland mit seiner Wärmeversorgung.
80,7 Milliarden Euro. So viel hat Deutschland 2023 für fossile Energieimporte ausgegeben. Im Krisenjahr 2022 waren es 137 Milliarden. Das Geld wandert zu Öl-Konzernen in Riad, Gaslieferanten in Norwegen – und bis vor kurzem nach Moskau. Der Löwenanteil davon heizt Wohnungen. Büros. Wasser. Wärme. Der vergessene Sektor der Energiewende.

Das blinde Fleck

Deutschland hat bei Wind und Solar geliefert. Aber Strom ist nur die halbe Wahrheit. Wärme macht 52,6 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus – und beim Heizen hängt Deutschland noch immer mit 67 Prozent an fossilen Brennstoffen. Importiert. Teuer. Erpressbar.

Wer die Energiewende ernst nimmt, muss die Wärmewende gewinnen. Und dafür liegt die Lösung buchstäblich unter unseren Füßen: Geothermie.

Was unter unseren Füßen liegt

Fraunhofer und Helmholtz haben es durchgerechnet: Bis zu 25 Prozent des deutschen Wärmebedarfs können durch Tiefengeothermie gedeckt werden. Drei von vier Bestandsgebäuden könnten ihren Wärmebedarf geothermisch decken. Das Maximalpotenzial liegt bei 300 TWh pro Jahr.

Der entscheidende Vorteil gegenüber Wind und Solar: Geothermie liefert 365 Tage, 24 Stunden, wetterunabhängig. Keine Dunkelflaute. Keine Speicherproblematik. Und nach dem Bau: kaum Betriebskosten, null Rohstoffpreise, null geopolitisches Risiko.

Das ist keine Klimapolitik. Das ist Souveränitätspolitik.

Die Zahlen auf dem Tisch

Heute produziert Deutschland gerade mal 1,8 TWh aus Tiefer Geothermie. Das ist ein Promille des Wärmebedarfs.
Das Ausbauziel bis 2030: 10 TWh. Klingt bescheiden – wäre aber eine Verzehnfachung und würde allein 9 Milliarden Euro fossile Importkosten jährlich einsparen, 24.000 neue Jobs schaffen und 34 Millionen Tonnen CO₂ vermeiden.

Das Fraunhofer-Optimalszenario: Bei konsequentem Ausbau wären bis 2030 sogar 100 TWh möglich. Das entspricht mehr als einem Zehntel des deutschen Gasbedarfs – dauerhaft, heimisch ersetzt.
Die Roadmap ist klar: Bis 2040 könnten 15–30 Milliarden Euro jährlich im Land bleiben statt ins Ausland zu fließen. Bis 2050, wenn Geothermie gemeinsam mit Wärmepumpen und Solarthermie den fossilen Wärmeanteil unter 10 Prozent drückt: 60–80 Milliarden Euro Einsparung – jedes Jahr, für immer.

Kein reines Bayern-Phänomen

Das populäre Bild: Bayern heizt geothermisch, der Norden macht Wind. Stimmt – aber nur halb.

Bayern führt unbestreitbar: 25 Tiefengeothermie-Anlagen, 96 Prozent der deutschen thermischen Geothermie-Leistung. München baut bis 2033 die größte Geothermieanlage Kontinentaleuropas.
Aber das Norddeutsche Becken – Heimat von Flachland und Windkraft – ist gemessen an seinen geologischen Mächtigkeiten die größte Geothermie-Lagerstätte in Deutschland. Technisches Potenzial: 911 TWh pro Jahr. Temperaturen bis 165 Grad in der Tiefe. Kaum angefasst.

Deutschland ist kein energetisch zweigeteiltes Land. Es ist ein Land, das seinen wertvollsten Schatz noch nicht einmal vollständig kartiert hat.

Was die Politik jetzt tun muss

Im Dezember 2025 wurde das Geothermie-Beschleunigungsgesetz verabschiedet. Genehmigungen werden vereinfacht, Fristen gesetzlich verankert, Erdwärme anderen Erneuerbaren gleichgestellt. Ein guter erster Schritt.

Aber die konkret messbaren Ausbauziele – 10 TWh und 100 neue Projekte bis 2030 – wurden im letzten Moment gestrichen. Ohne Ziele kein Druck. Ohne Druck kein Tempo.
Was fehlt: Die KfW-Risikoversicherung gegen Fehlbohrungen muss schnell kommen. Der Aufbau einer heimischen Bohrindustrie muss aktiv gefördert werden – ein Großteil der Spezialisten ist ins Ausland abgewandert. Und Fernwärmenetze müssen mit mindestens 3 Milliarden Euro jährlich gefördert werden, sonst kommt die Wärme nicht in die Wohnzimmer.

Handlungsempfehlung: Wer jetzt handeln sollte

Für Unternehmer: Geothermie ist kein Risikokapital mehr. In München läuft sie seit 20 Jahren mit nahezu 100-prozentiger Verfügbarkeit. Das ist Infrastruktur mit stabiler Rendite ohne Weltmarktrisiko. Wer heute Aufsuchungslizenzen sichert, ist in zehn Jahren strukturell unabhängig vom Gasmarkt.

Für Kommunen und Stadtwerke: Wer in einer geothermisch geeigneten Region liegt – Süddeutschland, Oberrhein, Norddeutsches Becken – muss Geothermie heute in die Wärmeplanung einschreiben. Nicht als Option. Als Kernsäule.

Für Hausbesitzer: Wer jetzt baut oder grundsaniert, sollte Erdwärme-Sonden oder die Vorrüstung dafür einplanen. Die Amortisation ist in den meisten Regionen Deutschlands wirtschaftlich – und die Preisstabilität gegenüber Gas unbezahlbar.

Für alle: Jede Kilowattstunde Wärme aus dem eigenen Untergrund ist eine Kilowattstunde, für die Deutschland nie wieder Rechnung zahlt.

Fazit

Geothermie wird Deutschland nicht über Nacht befreien. Aber sie ist die einzige erneuerbare Energie, die Wärme liefert – grundlastfähig, wetterunabhängig, heimisch, preisbeständig – und damit den strukturellen Kern unserer Abhängigkeit angreift. Das Potenzial liegt unter unseren Füßen. Das Gesetz ist verabschiedet. Das Kapital ist da.

Die einzige Frage ist: Wann hört Deutschland auf, Miete zu zahlen?

Häufig gestellte Fragen

Welche Branchen profitieren konkret von der Geothermie-Offensive?

Bohrunternehmen, Anlagenbauer für Fernwärmenetze, Ingenieurdienstleister für geologische Erkundung und Stadtwerke mit eigenen Wärmenetzen stehen an erster Stelle. Auch Immobilienentwickler, die Neubauviertel mit geothermischer Infrastruktur ausstatten, verschaffen sich einen Wettbewerbsvorteil. Mittelständische Heizungsbauer, die auf Erdwärme-Sonden spezialisieren, erschließen einen wachsenden Markt mit langfristiger Planungssicherheit.

Wie wirkt sich das Geothermie-Beschleunigungsgesetz auf Stadtwerke aus?

Stadtwerke können Genehmigungen schneller durchsetzen und Planungssicherheit für Fernwärme-Projekte gewinnen. Allerdings fehlen konkrete Ausbauziele, was den politischen Druck mindert. Ohne KfW-Risikoversicherung gegen Fehlbohrungen bleiben Investitionen riskant. Stadtwerke in geothermisch geeigneten Regionen sollten trotzdem jetzt Aufsuchungslizenzen sichern – wer wartet, verliert strategische Standorte an Wettbewerber oder private Investoren.

Was bedeutet Geothermie für die Importabhängigkeit Deutschlands?

Deutschland importiert 65 bis 67 Prozent seines Energiebedarfs, bei Öl 97 Prozent, bei Gas 95 Prozent. Geothermie könnte bis 2050 zusammen mit Wärmepumpen und Solarthermie 60 bis 80 Milliarden Euro jährlich im Land halten – Geld, das heute nach Riad, Oslo oder in Krisenregionen fließt. Jede geothermisch erzeugte Kilowattstunde reduziert die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten und geopolitischen Konflikten dauerhaft.

Welche Regionen außerhalb Bayerns haben Geothermie-Potenzial?

Das Norddeutsche Becken verfügt über ein technisches Potenzial von 911 TWh pro Jahr – mehr als Bayern. Temperaturen bis 165 Grad in der Tiefe, geologisch ideal. Auch der Oberrheingraben bietet exzellente Bedingungen. Beide Regionen bleiben nahezu ungenutzt. Kommunen und Investoren, die jetzt geologische Erkundungen starten, sichern sich Zugang zu den ertragreichsten Standorten, bevor der Markt anzieht.

Wie bereiten sich Mittelständler auf die Wärmewende vor?

Energieintensive Betriebe sollten prüfen, ob Geothermie oder Abwärme-Nutzung die Produktionskosten senken können. Unternehmen mit eigenen Immobilien können durch Erdwärme-Sonden langfristig Heizkosten stabilisieren – unabhängig von Gas- und Ölpreisen. Zulieferer für Bohrtechnik, Wärmepumpen oder Fernwärme-Komponenten erschließen einen Markt, der bis 2030 um den Faktor zehn wachsen soll. Wer jetzt Expertise aufbaut, positioniert sich vor dem Boom.

Quellen: Öko-Institut, KfW Research, Umweltbundesamt, Fraunhofer, BVEG, Bundeswirtschaftsministerium

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