Jan Frodeno: „Ich hatte nie das Verlangen nach Absicherung“
Jan Frodeno ist wahrscheinlich der bekannteste Triathlet Deutschlands. Er konnte das Rennen bei den olympischen Spielen 2008 als bisher einziger Deutscher für sich entscheiden. Doch nach der olympischen Distanz ging Frodenos Reise weiter zur Langdistanz, besser bekannt unter der Ironman-Distanz. Mittlerweile ist er außerdem Gesellschafter einer Triathlonbekleidungsmarke.
Wir haben uns mit ihm getroffen, um über seine Motivation, seinen Kindheitstraum und seinen scheinbar unstillbaren Hunger nach immer mehr Erfolg zu sprechen.
Wer hat dich dazu motiviert, mit dem Triathlon zu beginnen?
Jan Frodeno: Ich bin in Kapstadt aufgewachsen. Da gab es einen Sportler, der sich Konrad Stolz nennt. Das war der erste Olympionike, den ich persönlich kennengelernt habe. Ich war damals Rettungsschwimmer am Strand und die haben jeden Sonntag ein öffentliches Freiwasser Schwimmen veranstaltet.
Weil Kapstadt damals noch absolutes Hai-Territorium war, war immer ein Rettungsschwimmer dabei. Und der war ich. Da habe ich diesen Typ kennengelernt. Er ist kurze Zeit später beim Olympia-Debüt des Triathlons in Sydney gestartet und hat mich damit einen Schritt näher an diesen Kindheitstraum Olympia gebracht.
Der Traum von Olympia war also schon immer da?
Genau. Ich komme aus dem klassischen intellektuellen Haushalt, da war Sport absolut tabu. Aber Olympia wurde selbst bei uns zuhause geguckt und dementsprechend war das vielleicht eine Trotzreaktion oder einfach nur, weil es eben etwas Besonderes war. Ich wusste schon immer, dass ich da mal hinwill, nur nicht wie.

War für dich auch direkt klar, dass es der Triathlon sein muss? Oder hast du auch über eine Schwimmprofikarriere nachgedacht?
Es war relativ bald klar, dass mir das deutlich mehr liegt als das reine Schwimmen. Ich habe erst mit 15 schwimmen gelernt und kam dann gleich in eine Hochleistungsgruppe. In der war auch der ein oder andere Olympionike dabei. Das hat aber nie so richtig geklappt, weil ich da zu weit weg war. Schwimmen fängt man eigentlich mit sechs Jahren an und das Wassergefühl braucht viele Jahre bis das halbwegs gut ist. Der Weg dorthin ist sehr weit. Und den habe ich nicht geschafft.
Hast du eine Lieblings-Disziplin?
Das ist immer Phasenabhängig. Ich würde sagen das Laufen ist in jeder Frühsaison für jeden extrem unangenehm. Wenn du laufen gehst in der Frühsaison, geht erstmal nichts und es macht auch keinen Spaß. Aber während der Saison, wenn dann eine gewisse Leichtigkeit dazukommt, ist es ein wunderbares Gefühl des Schwebens. So ist das eigentlich in allen drei Disziplinen. Es ist beim Laufen am extremsten, aber es hat alles schöne und anstrengende Momente.
Gab es für dich einen Moment, in dem du dachtest: Okay, was, wenn das alles nicht klappt?
Gerade am Anfang mit 19 oder 20 Jahren war mein Motto eher: Es gibt keinen Plan B, deswegen muss Plan A funktionieren. Das war so das, was mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hatte: Eine gewisse Kompromisslosigkeit, zu sagen, all in oder gar nichts.
Mit 19, 20 Jahren ist man oft noch finanziell von den Eltern abhängig. Wie ist es bei dir gewesen? Hast du nebenbei noch gearbeitet am Anfang oder kann man sofort von dem Triathlon auf Profiebene leben?
Der Anfang war schon extrem hart. Mein Vater hat damals sein Rennrad verkauft, damit ich mir ein Flugticket aus Kapstadt nach Deutschland kaufen konnte. Da hatte ich das große Glück in einen Bundesligaverein zu kommen. Im Bundesliga-Triathlon starten 100 Leute und die haben für jeden, den man hinter sich lässt, fünf Euro ausgezahlt. Das heißt, du konntest maximal 500 Euro gewinnen.
Das war mein erstes Preisgeld beziehungsweise im ersten Jahr meine Löhne. Ich war anfangs auch zwei Jahre nicht krankenversichert und bin etwas planlos durchs Leben gesteuert. Es war mir aber relativ egal. Ich habe im Internat gewohnt oder geguckt, wo ich unterkomme. Eine ganze Phase lang habe ich mich einfach nur von günstiger Nahrung ernährt. Ich hatte nie das Verlangen nach Absicherung.
Eigentlich denkt man, gesunde Ernährung ist das A&O bei Profisportler:innen. War das damals noch nicht der Fall?
Haferflocken sind grundsätzlich nicht schlecht, die kosteten damals in der 500-Gramm-Packung 19 Cent im Aldi. Das sind eben pure Kohlenhydrate, damit vergiftest du dich ja nicht. Es ist natürlich nicht gerade ausgewogen. Lustigerweise war es dann immer so, dass ich mich schwer zurückhalten konnte, wenn es bei den Rennen ein Buffet gab. Einfach weil der Körper eine Überlebenshaltung kriegt und sagt: jetzt schnell noch ein paar Kalorien rein.
Den Tick habe ich bis heute noch. Das war die schönste Phase meines Lebens, die ich niemals wiederholen möchte. Einfach weil sie mir vor Augen geführt hat, wie sehr ich das will, was ich hier gerade mache. Und was ich für einen Tunnelblick habe.
Wie bleibt man dann am Ball und verliert seinen Tunnelblick nicht?
Gerade eben durch so eine Phase. Der Hustle war eigentlich schon immer mein Ding. In Südafrika ist die ganze Kultur auch ein bisschen anders. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, muss sein eigenes Ding machen und sollte nichts erwarten. Dementsprechend ist das auch Teil meiner Herkunft.
Andererseits gab es halt immer wieder Events in meinem Leben, die mir vor Augen geführt haben, dass das, was ich mache, ein Privileg ist. Sei das Verletzungen oder einfach Rückschläge, die immer wieder diesen Hunger in mir geweckt haben.
Rückschläge waren für dich also Motivation und Grund noch einmal einen drauf zu legen?
Ja, es hat sich immer so ergeben. Gerade auch später in meiner Karriere gab es oftmals Momente, die mir gezeigt haben, dass am Wettkampfrand stehen zu müssen, nach wie vor richtig weh tut. Dementsprechend ist für mich ganz eindeutig, dass es härter ist, keinen Sport zu machen, als dass ich mich ins Fitness quälen müsste. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, die sich eher pushen müssen, um Sport zu machen.
Gibt es Momente, in denen das auch bei dir nicht so einfach funktioniert?
Andauernd gibt es Momente, in denen es nicht funktioniert. Ich habe gerade momentan im Training so eine Phase, wo überhaupt gar nichts geht. Es geht nur über reine Willenskraft und mit der Brechstange. Das sind die Situationen, die keiner sieht. Es ist in den letzten Jahren zum Wettkampftag immer wieder nochmal gut gegangen. Aber da waren ein paar Punktlandung dabei, bei denen ich am Vortag noch nicht wusste, ob ich starten kann.
Du hast mit dem klassischen Triathlon gestartet und bist dann zur Ironman-Distanz übergegangen. Woher kam die Motivation, dich selbst noch einmal neu herauszufordern?
Die meisten Leute empfinden den Ironman irgendwie härter oder extremer als den olympischen Triathlon. Aber der olympische Triathlon ist von der Intensität viel höher. Bei mir ist es so gewesen, dass ich nach den Spielen 2008 einfach keinen Bock mehr hatte. Ich habe mich ziellos dahin gequält. Ich musste erstmal lernen, mir ein eigenes Ziel zu definieren, weil mein erstes Ziel mir mehr oder weniger in die Wiege gelegt wurde.
Dann hat es nochmal vier Jahre gedauert, bis ich den Mut gefasst habe, um überhaupt mal nach Hawaii zu fahren und mir diesen Triathlon anzuschauen. Es ist schon das Wimbledon in unserer Sportart. Du kannst Olympiasieger oder Weltmeister sein, das heißt aber noch lange nicht, dass sich dieser Erfolg überträgt, weil es eine komplett andere Disziplin ist. Die Herausforderung hat mich fasziniert. Deswegen war das dann der einzige konsequente Schritt, zu sagen: Ich probiere es mit neuen Wegen.
Woher nimmst du die Motivation für den Sport auf Dinge wie zu viel Süßigkeiten oder Alkohol zu verzichten? Ist das für dich überhaupt ein Verzicht?
Ganz und gar nicht. Ich habe das während meiner olympischen Phase als Verzicht gesehen. Da war meine Motivation aber auch Ruhm und Kohle machen. Das hat sich relativ schlagartig geändert. Die Motivation ist jetzt eine ganz andere und dementsprechend ist es für mich auch kein Verzicht.
Ich trinke gerne ab und zu mal ein Bierchen oder auch ein Glas Wein, bin aber durch meine sportliche Form relativ schnell bedient. Ich ernähre mich sehr ausgewogen und mir schmeckt die Ernährung. Dementsprechend habe ich gerade jetzt eigentlich immer eher das Privileg vor Augen. Mal abgesehen von ewig viel Zeit mit meinen Kids, die ich gerne aufbringen würde.
Du bist 2016 das erste Mal Vater geworden. Wie hat dich das denn verändert? Wie hat das deine Motivation und deine Ziele geändert?
Das hat insofern meine Perspektive geändert, dass es definitiv die schönste Nebensache der Welt ist, Sport zu treiben. Den Morgen vor der Weltmeisterschaft 2016 habe ich auf Hawaii mit meinem kleinen Sohn verbracht. Da habe ich gemerkt: Dem ist es sowas von egal, was morgen passiert. Im krassen Gegensatz dazu stand die Außenwelt, die von mir den Sieg voll und ganz erwartet hat. Das Rennen war eigentlich schon gelaufen, bevor es überhaupt angefangen hat.
Das war so eine skurrile Situation, weil es auch in der Vorbereitung lange nicht so klar war, wie es einem nachgesagt wurde. Mein Sohn hat mir in dem Moment sehr viel Druck genommen und einen schönen Ausgleich geschaffen, um von dem ganzen Hype abzuschalten.
Wie bist du denn sonst immer mit dem Druck umgegangen, weil du für viele eben Hoffnungsträger warst?
Druck ist etwas Wunderbares, wenn man gut vorbereitet ist, weil er natürlich sehr besondere Situationen hervorruft, durch die ich das meiste aus mir herausholen kann. Irgendwo brauche ich den Druck, um im Training und der Vorbereitung akribisch zu sein und Gas zu geben.
Wie kriegst du es hin, dich immer wieder in neue Höhen zu pushen und nie zufrieden zu sein?
Ich glaube, dass die Decke noch nicht erreicht ist. Ich bin immer der Meinung, dass noch was geht und gerade die Verbesserung ist einer meiner größten Motivatoren. Schau dir mal 2016 an, das war ein Weltrekord mit Radsturz, wo ich kurz im Busch gelandet bin. Es fasziniert mich immer wieder zu sehen, wie gut es gehen könnte und die Neugier treibt mich nach wie vor an.
Wo kam auf einmal der neue Ansporn her, neben diesem ganzen Hustle mit der Klamottenmarke Ryzon auch noch in das Unternehmertum einzusteigen?
Ich kannte die Konrad Brüder, die Ryzon mit einem Freund gegründet haben. Die haben mich dann gefragt: Hast du nicht Bock mitzumachen? Das war das erste Mal, dass ich überhaupt mit dem Thema Unternehmertum konfrontiert wurde. Im ersten Moment war ich auch nicht so überzeugt.
Warum sollte ich da mitmachen, anstatt einfach die Kohle von einem Sponsor mitzunehmen? Aber die Möglichkeit, sich zu engagieren, auszutoben und so die sehr bunte Triathlonkleidungslandschaft selbst ein bisschen umzugestalten, hat mich überzeugt. Und irgendwann wagst du dann den Sprung und sagst: Okay, ich will es probieren. Mit Ryzon kann ich mich persönlich noch einmal anders verwirklichen.

Was für eine Rolle nimmst du in dem Unternehmen ein?
Meine Rolle ist neben Gesellschafter vor allem Tester zu sein. Und zudem habe ich in den letzten 20 Jahren im Ausdauersport schon viel gesehen und auch probiert. Ich kann somit schon auch vorher sagen, was geht und was vielleicht nicht. Ich glaub auch, dass ich mit meinem Anspruch als Profi die Jungs in der Entwicklung hin und wieder stresse, aber vor allem auch antreibe, neue Wege zu beschreiten. Zudem gebe ich der Marke auch eine gewisse Bekanntheit und Credibility.
Die Bekanntheit war besonders am Anfang mit das Wichtigste. Denn die qualitativen Stoffe, die wir jetzt aus recycelten Materialien herstellen, hatten wir damals noch nicht. Aber glaub mir, wenn das Zeug nicht gut wäre, würde ich es nicht tragen.
Und ihr produziert jetzt aus komplett recyceltem Material?
Nicht komplett, aber zu großen Teilen. Es gibt Sachen, die kannst du nicht aus recyceltem Material machen. Aber die ganze Firma ist sehr stark auf Nachhaltigkeit angelegt.
Es gibt ja auch eine eigene Frodissimo-Line in eurem Angebot. Ist da dann nochmal speziell dein Geschmack mit eingeflossen?
Das ist im Prinzip aus dem eigenen Merchandise in den Jahren vor Ryzon entstanden. Wir brachten jedes Jahr zu Hawaii T-Shirts oder Cappies heraus, die wir in der Garage selber verpackt und einzeln rausgeschickt haben. Da war es dann der logische Schritt das auch in Ryzon zu integrieren, besser zu machen und weiter auszubauen.
Mittlerweile haben wir auch eine komplette Frodissimo-Line fürs Training, die ich nach meinen Wünschen mitgestalten kann. Die Produkte sind im Design reduziert, aber mit kleinen aber feinen Details, wie ein paar Racingstreifen oder einem Motivationsspruch, der versteckt in die Klamotte eingelassen ist.
In der Frodissimo-Line findet man auch Kaffeetassen und Bohnen im Angebot. Was hast du mit Kaffee zu tun?
Kaffee ist mein Elixir. Jeden Tag. Schon seit Jahren. Und der Kaffee ist auch im Prinzip die Geburt von „Frodissimo“. Ein Sponsor hatte mir 2008 zum Olympiasieg 100 goldene Kaffeepackungen mit dem Aufdruck „Frodissimo“ geschenkt. Seither gibt es auch keine Autogrammstunden mehr, sondern nach Möglichkeit „Kaffeekränzchen“.
Die Idee ist daraus entstanden, dass ich Autogramme irgendwie komisch finde. Du setzt dich hin und unterschreibst deinen Namen ein paar hundert Mal auf einen Zettel und ich frage mich, warum das jemandem etwas gibt. Die kannst du auch einfach ausdrucken.
Die Leute sollen etwas Persönliches haben und mir ist Kaffee wichtig. Also haben wir gesagt: Wir bringen guten Espresso auf die Messen. Dann haben wir die Autogrammstunden mit Kaffee veranstaltet, wo sich die Leute ihren Kaffee abholen können und man auch einen persönlichen Moment hat, um wenigstens einen kurzen Talk zu führen oder währenddessen ein Selfie zu machen.
Die Leute wollten dann diesen Kaffee auch mit nach Hause nehmen. So kam dann das eine zum anderen und wir haben den Kaffee zum Verkauf angeboten. Und daraus sind dann weitere „Merchandise Produkte“ entstanden. Anfang des Jahres haben wir unseren langjährigen Traum dann wahr gemacht und ein Café in der Altstadt von Girona, meinem Wohnort, eröffnet.
Was würdest du denn sagen, was für dich einfacher ist: Ein Unternehmen führen oder Profisportler zu werden?
Das ist, glaube ich, in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Aber als Profisportler hast du definitiv nur eine Chance. Es ist ja oft so, dass Unternehmer in ersten Projekten scheitern, bevor sie wirklich den großen Erfolg haben. Das ist, glaube ich, so eine Absolutheit im Sport, die es im Business nicht gibt.
Aber andererseits sehe ich auch sehr viele Parallelen wie das Teambuilding, Leute motivieren, Leute auf den Weg mitzunehmen, mit Druck umzugehen und am Tag X performen. Das sind Sachen, die mir der Sport natürlich beigebracht hat, die auch im Business sehr wichtig sind. Es gibt mehr Parallelen, als die meisten wahrscheinlich vermuten würden.