Junkfood-Krieg: Indien gegen Big Food
Indien sagt Chips, Cola und Burgern rund um Schulen den Kampf an. Deutschland zeigt, warum die Debatte auch hier relevant ist: 15,4 Prozent der drei- bis 17-Jährigen sind übergewichtig, 5,9 Prozent adipös. Indien könnte mit seinen geplanten 50-Meter-Zonen deshalb zum Vorreiter einer neuen Anti-Junkfood-Welle werden.
In Deutschland trinkt zudem rund jedes fünfte Kind beziehungsweise jeder fünfte Jugendliche täglich zuckerhaltige Erfrischungsgetränke. Bei den 14- bis 17-Jährigen steigt der Anteil auf 26,8 Prozent. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen isst außerdem täglich mehr als eine Portion Süßwaren oder Knabberartikel. Indien zieht nun bei Junkfood die Notbremse. Was nach Gesundheitspolitik klingt, könnte für die Lebensmittelindustrie zum ziemlich unangenehmen Präzedenzfall werden.
50 Meter Kampfzone
Geplant ist, Lebensmittel mit besonders viel Fett, Salz oder Zucker – sogenannte HFSS-Produkte – in und rund um Schulen einzuschränken. Betroffen wären kleine Läden, Restaurants und Straßenstände ebenso wie Softdrinks, Chips, Schokolade, fettige Samosas, Pizza oder Burger. Ziel ist simpel: Kinder sollen auf dem Schulweg und in den Pausen nicht permanent von Junkfood umzingelt sein.
Big Food gerät unter Druck
Für PepsiCo, Coca-Cola, Mondelez oder Nestlé kommt die nächste Baustelle damit zur Unzeit. Indien arbeitet bereits an roten Warnhinweisen für besonders fett-, salz- oder zuckerreiche Produkte. Die neuen Schulregeln würden den Druck weiter erhöhen. Die Lebensmittelaufsicht macht aus dem Ziel keinen Hehl: Kinder sollen früh andere Essgewohnheiten entwickeln – und Hersteller einen Anreiz bekommen, ihre Rezepturen zu verändern.
41 Millionen Kinder betroffen
Der Hintergrund ist alarmierend. Die Zahl der übergewichtigen oder adipösen Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und 19 Jahren stieg in Indien von 28 Millionen im Jahr 2015 auf 41 Millionen im Jahr 2025. Bis 2040 könnten es nach Daten der World Obesity Federation 56 Millionen sein. Gleichzeitig boomen verarbeitete Lebensmittel. Lay’s, Cadbury oder Maggi sind längst Massenprodukte. Internationale Marken gelten für manche Verbraucher zudem als Symbol eines steigenden Lebensstandards – und locken mit extrem niedrigen Preisen. Domino’s brachte 2023 in Indien beispielsweise eine Pizza für gerade einmal 49 Rupien auf den Markt.
Maharashtra macht schon ernst
Während die landesweite Regelung noch diskutiert wird, geht Maharashtra mit der Metropole Mumbai bereits weiter. Dort dürfen Geschäfte innerhalb von 50 Metern um Schulen entsprechende Produkte gar nicht mehr führen. Der Grund: Ein Verkaufsverbot ausschließlich an Schüler sei praktisch kaum kontrollierbar. Bei Inspektionen wurden bereits Verstöße in 133 Geschäften festgestellt, 51 mussten ihren Betrieb einstellen.
Händler fürchten um ihre Existenz
Genau hier beginnt der Gegenangriff. Branchenvertreter warnen vor Umsatzverlusten und gefährdeten Existenzen. Gerade in dicht bebauten indischen Städten liegen Schulen häufig mitten in Einkaufsstraßen und Märkten. Ein 50-Meter-Radius trifft dann nicht nur Schüler, sondern faktisch das gesamte Geschäft. Händler berichten, ihre Umsätze könnten um ein Drittel oder mehr einbrechen. Die Industrie fordert deshalb, Beschränkungen auf das Schulgelände zu begrenzen.
Kinder sind ein verdammt wichtiger Markt
Wie ernst die Sache für die Branche ist, zeigt ein Satz eines indischen Lebensmittelrechtsexperten: Gerade für Süßwarenhersteller seien Kinder ein „wichtiger Konsumentenkreis“. Genau diesen direkten Zugang will Indien kappen. PepsiCo verweist auf eigene globale Richtlinien für Verkäufe an Schulen, Nestlé erklärt, dort nur Produkte anzubieten, die bestimmte Ernährungskriterien erfüllen. Doch Indiens Plan geht weiter: Entscheidend wäre nicht mehr allein das Schulgelände, sondern auch das kommerzielle Umfeld davor.
Chile zeigt, was passieren kann
Indien wäre damit keineswegs allein. Weltweit haben fünf Länder Verkaufsbeschränkungen rund um Schulen eingeführt oder vorgeschlagen, 48 Länder begrenzen Junkfood innerhalb von Schulen. Besonders interessant ist Chile: Dort wurden 2016 Warnhinweise eingeführt und Verkauf sowie Werbung für Junkfood an Schulen eingeschränkt. Eine aktuelle Lancet-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nach 18 Monaten die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht bei Mädchen um 2,85 Prozent und bei Jungen um 2,4 Prozent niedriger lag. Gleichzeitig änderten Hersteller Rezepturen.
Indien legt sich mit dem System Junkfood an
Noch ist die landesweite Regel nicht beschlossen, die öffentliche Anhörung läuft bis zum 6. Oktober. Doch die Richtung ist klar: Indien versucht nicht nur, Verbraucher vor ungesundem Essen zu warnen, sondern verändert den Ort, an dem Konsum entsteht. Wenn eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt Big Food tatsächlich 50 Meter Abstand von seinen Schulen verordnet, dürfte die Debatte kaum an Indiens Grenzen enden. Auch für Deutschland ist die Entwicklung relevant: Übergewicht, Softdrinkkonsum und der hohe Süßwarenkonsum bei Kindern sorgen seit Jahren für gesundheitspolitische Debatten.
Der Business Punk Blick
Zuckersteuer – der richtige Hebel gegen Junkfood?
Deutschland plant ab 2027 eine gestaffelte Abgabe auf zuckerhaltige Softdrinks. Je nach Zuckergehalt sollen Hersteller 26, 32 oder 38 Cent pro Liter zahlen; Zero-Getränke bleiben nach aktuellem Stand außen vor.
Das Ziel: weniger Zucker im Glas und weniger Übergewicht bei Kindern. Erfahrungen aus Großbritannien zeigen, dass eine solche Abgabe Hersteller zu zuckerärmeren Rezepturen bewegen kann. Genau wie Indiens geplante 50-Meter-Zonen würde sie also nicht nur Verbraucher ermahnen, sondern die Konsumumgebung verändern.
Business Punk meint: Zuckersteuer allein reicht nicht
Ja – als Teil eines größeren Pakets. Eine Zuckersteuer kann Preise und Rezepturen beeinflussen, löst das Junkfood-Problem allein aber nicht. Dafür bräuchte es zusätzlich strengere Werberegeln, bessere Schulverpflegung und klare Vorgaben für das Verkaufsumfeld von Kindern.