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Kamel-Kapitalismus: Tinder fürs Wüstenschiff

Kamel-Kapitalismus: Tinder fürs Wüstenschiff
KI-generiert
Erschienen
Lesezeit4 Min · 891 Wörter

Kamelfutter, Auktionen und Tiere für sechsstellige Summen: Ein Startup aus den Emiraten bringt einen jahrhundertealten Handel aufs Smartphone. Hign Al Khaleej hat bereits Tausende Kamele vermittelt – und will zum digitalen Marktplatz für eine ziemlich spezielle Milliardenwelt werden.

Wer in Al Ain ein Kamel kaufen will, muss dafür nicht mehr zwingend zwischen Pickup-Trucks, Händlern und Hunderten Tieren über den berühmten Kamelmarkt ziehen. Seit Ende 2024 digitalisiert Hign Al Khaleej einen Handel, der tief in der Kultur der Golfregion verwurzelt ist – und in dem heute ziemlich viel Geld unterwegs ist.

15.000 Nutzer handeln digital

Hign Al Khaleej bedeutet frei übersetzt „Kamele des Golfs“. Gründer und CEO Jaber Al Ahbabi startete den digitalen Marktplatz Ende 2024, bereits 2025 kamen App und Webplattform zusammen auf mehr als 15.000 Nutzer. Die Idee klingt fast absurd simpel: kaufen, verkaufen und versteigern wie auf anderen Online-Marktplätzen – nur eben mit Kamelen. Tatsächlich trifft das Startup damit auf einen gewaltigen Markt. Allein im Emirat Abu Dhabi, zu dem Al Ain gehört, leben rund 500.000 Kamele.

Aus Wüstenschiffen werden Wertanlagen

Über Jahrhunderte waren Kamele in der Golfregion Transportmittel, Milch- und Fleischlieferanten und Rohstoffquelle für Leder und Wolle. Heute kommt eine lukrative Sport- und Entertainment-Industrie dazu. Kamelrennen sind populär, ebenso Schönheitswettbewerbe, bei denen besonders wertvolle Tiere gegeneinander antreten. Beim Al Dhafra Camel Festival in Abu Dhabi stehen allein für die Schönheitswettbewerbe Preisgelder von insgesamt 97 Millionen Dirham – rund 26 Millionen Dollar – bereit. Wer das richtige Kamel besitzt, hält damit nicht einfach ein Nutztier, sondern im Extremfall eine ziemlich wertvolle Geldanlage auf vier Beinen.

136.000 Dollar für ein Kamel

Entsprechend wild können die Preise werden. Bei einer Auktion in Abu Dhabi wurden 2025 gerade einmal 15 Kamele für zusammen 1,77 Millionen Dirham verkauft, umgerechnet knapp 500.000 Dollar. Für ein einzelnes Tier zahlte ein Käufer nach einem intensiven Bieterduell 500.000 Dirham, rund 136.000 Dollar. Absolute Spitzenkamele können sogar Millionenpreise erreichen. Abstammung, Rennerfolge, Zuchtpotenzial und Aussehen entscheiden darüber, ob ein Tier normales Nutzvieh oder Luxus-Asset mit Höckern ist.

Der Kamelhandel steckt im Analogzeitalter

Genau hier sieht Al Ahbabi die Chance für Digitalisierung. Seine Familie besaß selbst Kamele und nahm mit ihnen an Rennen teil, der Gründer kennt das Geschäft also nicht nur aus Startup-Pitches. Das Problem: Der Handel funktioniert vielerorts noch erstaunlich analog. Verkäufer transportieren Tiere teilweise über große Distanzen auf Pickups zu potenziellen Käufern – ohne Garantie, dass am Ende überhaupt ein Deal zustande kommt. Käufer wiederum reisen mitunter in ein anderes Land, nur um sich interessante Tiere anzusehen. Wer beispielsweise ein Kamel aus Saudi-Arabien kaufen möchte, muss womöglich erst hinfliegen, bevor überhaupt klar ist, ob das Tier wirklich infrage kommt. Tradition trifft Transaktionskosten.

Tinder fürs Wüstenschiff

Hign Al Khaleej zieht diesen Prozess aufs Smartphone. Rund 3.300 Kamele aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar, Oman und Kuwait stehen auf dem digitalen Marktplatz zum Verkauf. Die Inserate liefern Informationen zu Alter, Abstammung und medizinischer Vorgeschichte. Statt wegen jedes interessanten Tieres quer über die Arabische Halbinsel zu reisen, können Käufer zunächst digital aussortieren, vergleichen und Kontakt aufnehmen. Ganz anonym läuft das Kamel-Shopping allerdings nicht. Nutzer müssen ihre Telefonnummer sowie eine staatlich ausgestellte Identifikationsnummer hinterlegen. Damit schafft das Startup zumindest eine grundlegende Überprüfung der beteiligten Personen. Möglichst viele Informationen und Funktionen rund um den Kauf sollen an einem Ort zusammenlaufen – und einen bislang aufwendigen Handel schneller, transparenter und effizienter machen.

3.000 Kamele sind schon weg

Dass ein traditionsreicher Markt keine Lust auf Apps hätte, lässt sich mit den bisherigen Zahlen schwer behaupten. Rund 3.000 Kamele wurden bereits über Hign Al Khaleej verkauft. Und das Startup baut längst mehr als einen digitalen Viehmarkt. Nutzer können über die Plattform auch Futter und Medikamente kaufen oder nach Jobs in der Kamelbranche suchen. Angeboten werden beispielsweise Stellen für Trainer und Hirten. Aus einem Verkaufsportal entsteht damit Schritt für Schritt ein digitales Ökosystem rund ums Kamel.

Jetzt soll Kapital das Wachstum treiben

Anfangs wollte Al Ahbabi externe Investoren eher draußen halten. Der ehemalige Regierungsmitarbeiter hatte keine klassische Tech-Karriere hinter sich und wollte weder unnötig Schulden aufnehmen noch früh Kontrolle über sein Unternehmen abgeben. Inzwischen arbeitet er Vollzeit an Hign Al Khaleej – und das organische Wachstum hat offenbar auch seine Haltung gegenüber Investoren verändert. Frisches Kapital soll nun helfen, schneller zu expandieren. Rückenwind bekommt das Unternehmen auch aus Abu Dhabis Startup-Szene. Im Mai wurde Hign Al Khaleej als eines von 17 Unternehmen aus Al Ain für ein dreimonatiges Entwicklungsprogramm des Tech-Ökosystems Hub71 und des Khalifa Fund for Enterprise Development ausgewählt. Beim anschließenden Demo Day im Juli landete das Startup auf Platz drei und erhielt Sachleistungen im Wert von 40.000 Dirham, rund 10.000 Dollar.

Das Amazon für alles mit Höckern

Al Ahbabis Ambition geht inzwischen deutlich über digitale Kleinanzeigen für Kamele hinaus. Hign Al Khaleej soll zur ersten Adresse für alles werden, was mit den Tieren zu tun hat: Handel, Auktionen, Futter, Medikamente, Jobs und Dienstleistungen. Was zwischen Wüste, Tiermarkt und Pickup-Trucks begonnen hat, bekommt damit die klassische Plattformlogik der Digitalwirtschaft. Und vielleicht steckt genau darin die interessanteste Startup-Lektion der Geschichte: Digitalisierung muss nicht immer den nächsten KI-Assistenten, Fintech-Chatbot oder Lieferdienst hervorbringen. Manchmal reicht ein jahrhundertealter Markt, der noch immer umständlich funktioniert – und allein in einem Emirat 500.000 potenzielle Hauptdarsteller hat.

Günther Suchy

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist er Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Der promovierte Volkswirt kennt den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: Er leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder in die Welt hinaus: Nach China, Chile, Marokko oder Bhutan, wo er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College lehrte und das Nationale Olympische Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“ beriet. An der Universität Durban in Südafrika gibt er Seminare zum Thema "Green Startups". Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.