Männer bekommen Funding, Frauen bekommen Fragen
Frauen gründen Fintechs, Männer kassieren das Kapital – und die Business-Manosphere liefert den Spott dazu. Ellexx-Gründerin Patrizia Laeri rechnet mit einer Finanzwelt ab, die männliche Verluste als Vision feiert und weiblichen Erfolg zum Problem erklärt. Aus unserem aktuellen Heft „It’s a Match“.
Gast-Kommentar von Patrizia Laeri
Als wir vor viereinhalb Jahren unser Fintech Ellexx gründeten, glaubte ich, die grösste Herausforderung würde darin bestehen, Frauen fürs Investieren zu begeistern. Ich irrte mich. Die eigentliche Herausforderung bestand und besteht darin, die Angriffe der Business Manosphere abzuwehren.

Ellexx ist leider kein Einzelfall, sondern Teil eines Musters. Die Forschung bestätigt, was viele Tech-Gründerinnen längst spüren. Man(n) will sie nicht in der Welt der Wachstums-Start-ups, also entzieht man ihnen Geld, Funding, Ruf oder Glaubwürdigkeit. Bis heute werden wir regelmäßig nicht als Fintech, sondern als „Blog“, „Projektli“ oder „Initiative“ bezeichnet. Gehässige Kommentatoren raten uns, doch lieber auf OnlyFans oder ins Escort-Business zu wechseln. Derweil sind unsere Finanzbildungsinhaltebereits in 16 Ländern erhältlich und Kund:innen investieren zweistellige Millionenbeträge über unsere Investing App. Und dennoch scheint für manche die Vorstellung unerträglich, dass Frauen ausgerechnet im Finanzsektor ein skalierbares Unternehmen aufbauen könnten. Dazu passt ein Begriff aus der Forschung, den kaum jemand kennt: „Status Incongruity“. Gemeint ist der Effekt, dass Menschen argwöhnischer reagieren, wenn jemand eine Rolle einnimmt, die nicht ihrem gesellschaftlich erwarteten Status entspricht. Eine Frau, die ein Fintech führt, verletzt noch immer die traditionelle Vorstellung davon, wer Geld verwaltet, Risiken eingeht und wirtschaftliche Macht ausübt. Dazu kommt bei uns, dass wir in eine traditionell männerdominierte Branche vorstoßen. Die Wissenschaft kennt auch dafür einen Begriff: „Lack of Fit“. Finanzen, Venture Capital und Technologie wurden jahrzehntelang von Männern dominiert. Eine Frau, die ein Fintech gründet, wird deshalb oft nicht als Unternehmerin wahrgenommen, sondern als Ausnahme – bestenfalls als Kuriosität, im schlimmsten Fall als Bedrohung. Fintech-Gründerinnen sind eine wahre Rarität. Wir machen weltweit nur vier Prozent aus. Frauen dürfen Unternehmen gründen – solange diese als „weiblich“ gelten. Fashion, Kosmetik: Du darfst. Wer hingegen ein Fintech aufbaut, betritt noch immer eine Arena, in der Kompetenz mit Männlichkeit verwechselt wird.
Funding Gap: Andere Fragen, anderes Geld
Das erschwert auch die Suche nach Kapital. Studien der Harvard Business School belegen, dass Investor:innen männlichen Gründern vor allem Fragen zu Chancen, Wachstum und Visionen stellen. Gründerinnen hingegen müssen über Risiken, Verluste und mögliche Fehler sprechen. Männer dürfen erklären, wie groß ihr Unternehmen werden könnte. Frauen müssen beweisen, dass ihr Unternehmen überhaupt existenzberechtigt ist. Auch die vielzitierte Studie von Dana Kanze bestätigt dies. Das Ergebnis nach Tausenden von Investorenfragen: zwei Drittel der Fragen an männliche Gründer waren „promotion-fokussiert“ – sie drehten sich ums Potenzial. Fragen an Gründerinnen waren genau umgekehrt zu gleichen Teilen „prevention-fokussiert“ – sie drehten sich um Risiken. Für jede zusätzliche Präventionsfrage sammelten Gründerinnen im Schnitt 3,8 Mio. US-Dollar weniger ein. Männer, die vorwiegend Promotion-Fragen erhielten, sammelten am Ende doppelt so viel Kapital ein wie jene mit Präventionsfragen. Auch wir sind regelmäßig danach gefragt worden, was alles schiefgehen könnte. Resultat: zehn bis 30-mal weniger Funding als unsere Peers. Unter anderem, weil für unsere Investoren oder Kooperationspartner viel auf dem Spiel steht und es rufschädigend sein kann. Sie werden medial abschätzig „Sugar Daddys“ genannt. Diese Muster spiegeln sich für alle Gründerinnen direkt im Kapitalfluss. In Deutschland gingen 2025 laut Bertelsmann Stiftung und EY Startup Barometer rund 91 Prozent des Venture Capitals an rein männliche Teams. Rein weiblich geführte Teams erhielten gerade einmal ein Prozent des investierten Kapitals, in manchen Regionen sogar nur 0,6 Prozent. In der Schweiz erhalten reine Frauenteams gemäß aktuellen Auswertungen nur rund 1,7 Prozent der Finanzierungsrunden.
Sobald Frauen die Zielgruppe sind, schrumpft die Fantasie
Das Irrationalste ist aber letztlich, dass dadurch Märkte, die Frauen adressieren, systematisch unterschätzt werden. Frauen kontrollieren heute immer mehr des weltweiten Vermögens und treffen die meisten Konsumentscheidungen. Trotzdem fließt Venture Capital weiterhin überwiegend in Produkte, die Männer entwickeln – oft auch für Frauen. Studien zeigen gar, dass selbst frauengeführte Femtech-Unternehmen weniger Kapital erhalten als vergleichbare Start-ups mit männlichen Gründern. Dahinter steckt ein Denkfehler: Innovationen für Frauen werden oft als „Nischenthemen“ betrachtet, während Innovationen für Männer automatisch als universelle Geschäftsmodelle gelten. Wie oft haben wir gehört, dass wir mit der Mehrheit der Bevölkerung eine Nische bedienen würden. Ein Mann, der eine Trading-App entwickelt, baut die Zukunft der Finanzindustrie. Eine Frau, die finanzielle Lösungen für Frauen entwickelt, ein NGO. Diese Dynamik endet nicht auf der Pitch-Bühne. Sie setzt sich in der öffentlichen Wahrnehmung fort.
Warum Verluste bei Männern Vision sind – und bei Frauen
Versagen Immer noch sind 90 Prozent der Menschen, die Wirtschaftsmedien erwähnen und porträtieren, Männer. Dazu gesellt sich eine mediale Doppelmoral. Wenn ein männlicher Gründer Verluste schreibt, ist das Kalkül und eine „aggressive Wachstumsstrategie“. Wenn eine Frau dasselbe tut, ist es Versagen. Dieselbe Kennzahl wird um 180 Grad unterschiedlich interpretiert – abhängig einzig vom Geschlecht der Person dahinter. Und immer steht latent die Frage im Raum: „Kann sie das?“. Wir wurden als Hühner, Barbies, die Börsenkurse erklären, oder als dumm verhöhnt. Als kürzlich zum vierten Mal in Folge über das angebliche Ende unseres Fintechs Ellexx berichtet wurde, war das Muster längst vertraut: Millioneninvestitionen, Wachstumsphase, Verluste, ein junges Unternehmen mit ambitionierten Zielen – nichts Ungewöhnliches für die Branche. Auffällig war, was fehlte: der Branchenvergleich und die Einordnung. Kein Wort dazu, dass praktisch kein Fintech weltweit nach viereinhalb Jahren profitabel ist. Kein Wort zu Robinhood, Monzo oder N26, die Jahre für schwarze Zahlen brauchten. Kein Wort dazu, dass Lizenzen, Regulierung und Produktentwicklung im Finanzsektor Millionen verschlingen, bevor ein Euro verdient wird. Stattdessen: das Versagen. Das ist ökonomischer Sexismus in Reinform. Ehrgeiz wird bei Männern gefeiert und bei Frauen entweder verhöhnt, kritisiert oder verniedlicht. Die gute Nachricht: Frauen liefern trotz strukturellem Gegenwind bessere Kapitaleffizienz und schnellere Exits – das zeigen mehrere Marktanalysen. An der Leistung hapert es nicht. Wahrgenommen wird das hingegen gänzlich anders. Wer Frauen wirtschaftliche Kompetenz abspricht, schreibt nicht bloß Gründerinnen symbolisch aus der Tech- und Finanzwelt heraus, er verhindert Innovation, unterschätzt Milliardenmärkte und lenkt Kapital an den falschen Ort. Fehlallokation der Mittel, Hallo BWL-Lektion Nummer 1. Doch das alles ist kein Naturgesetz. Es ist ein System und das lässt sich ändern. Und: Wir fangen mit der Finanzwelt an.