let's techle it · Fleisch

Mann mit Biss

Veggie
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Lesezeit3 Min · 608 Wörter

Timo Recker ist für Tindle wieder nach Deutschland zurückgekommen. Das Food Startup will die Fleischersatz-Branche aufessen.

Eigentlich kann die Welt dankbar sein, dass Max Verstappen ihn überholt hat. Deswegen ist Timo Recker, einstmals Kart-Pilot und an sich dem Rennsport verfallen, nämlich ausgestiegen aus dem Business. Und deswegen ist er bei Tindle gelandet. Und unter anderem deswegen macht sich Tindle in einer Phase, in der sich die Fleischersatz-Hersteller verwundert die Augen reiben, weil ihnen Investoren auch nicht mehr die Bude einrennen, jetzt auf und will die Branche konsolidieren. Denn Geld ist für Timo nicht das Problem.

Der Reihe nach: Timo ist zarte 38 Jahre alt und als er noch zarter war, hat er im väterlichen Betrieb gelernt, wie es geht. Schnitzel haben sie da gemacht, gemeinsam die Krisen der Fleischindustrie durchgestanden, wo manche zerquetscht wurden, weil der Konsum zurückgeht, die Preise verfallen und die Ansprüche an Nachhaltigkeit steigen.  „Ich bin kein Veganer, kein Vegetarier, kein Aktivist“, sagt Timo, aber er habe eben doch gespürt, dass das „Weiter so“ in der Fleischindustrie nicht mehr funktioniere. 2010 hat er sein erstes vegetarisches Schnitzel gegessen. Es muss noch eine Art Prototyp gewesen sein, aber es genügte Timo, um LikeMeat  zu gründen und zur zweitgrößten Marke für pflanzliches Proteine zu machen. Nach den Jungs von Rügenwalder. „Aber auch mit 20 Millionen Umsatz veränderst Du nicht die Welt“, bilanziert Timo nüchtern. 

Fleisch oder kein Fleisch? Die Frage stellen sich nun wirklich nicht nur die Deutschen, weswegen es Timo, der aus LikeMeat-Zeiten Kontakt zum singapurischen Staatsfonds Temasek hatte, nach dort verschlug und er seit 2020 Tindle aufbaute. Das Ziel? Ganz einfach: „Die Rettung des Planeten angenehm und köstlich zu machen“. So lautet die Eigendarstellung bei Tindle. Darunter machen sie es nicht. Und da die wichtigsten Märkte für dieses Vorhaben die USA, England und Deutschland sind, und Tindle nach einer satten Finanzierungsrund Geld in der Kasse hat, ist Timo jetzt wieder hier. Genauer gesagt in München. Und seine ganze Kraft steckt er darein, den Markt aufzurollen, oder vielleicht besser: sich durchzubeißen.

Ob Veggie-Burger, Tofuwurst oder Seitanmortadella – die Nachfrage nach vegetarischen oder veganen Fleischersatzprodukten nimmt weiter zu. Im Jahr 2023 produzierten die Unternehmen in Deutschland 16,6 Prozent mehr Fleischersatzprodukte als im Jahr zuvor, im Fünf-Jahres-Vergleich zu 2019 hat sich die Produktion sogar nach Angaben des statistischen Bundesamts mehr als verdoppelt (+113,8 Prozent). Rund 121 600 Tonnen Fleischersatzprodukte wurden 2023 produziert, im Jahr zuvor waren es noch 104 300 Tonnen. Für organisches Wachstum, was in dieser Branche ein schöner Begriff ist, passt das. Exponentielles Wachstum allerdings sieht anders aus. Dazu kommt: Der Wert der Produkte hat sich gegenüber dem Vorjahr nur um 8,5 Prozent verteuert, was angesichts der deutlich höheren Produktion für einen Preisrückgang spricht.

Timo interpretiert die Zahlen so: Mit Ende der Nullzinspolitik sei eine Ära der Finanzierung für Startups zu Ende gegangen. Für Risikokapitalgeber, die nicht exponentielles Wachstum erwarten können, wird es schwieriger und für die jungen Unternehmen damit eng. „In Europa besteht Konsolidierungsbedarf. Die nächsten sechs Monate sind absolut spannend, weil einigen die Luft ausgehen wird“, sagt Timo und fügt hinzu: „Jetzt ist der Moment, um zu investieren.“ 

In wen? „In alle, die erfolgreich im Markt sind.“ Planted, LikeMeat, Billie Green, er kennt einige. Und wo: „Der Standort Deutschland is the place to be“, deutschenglischt Timo vor sich hin und sagt damit etwas, das nicht jeder unterschreiben würde. Aber er weiß warum: „Zwar haben die Konsumenten derzeit nicht viel Geld – aber das Potenzial ist gewaltig“ – womit klar ist: Der Mann hat Appetit. Und Gas geben kann er immer noch.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.