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Mindestlohn: Die ganze Wahrheit steht nicht auf der Speisekarte

Der Mindestlohn macht der Gastro zu schaffen
Shutterstock Der Mindestlohn macht der Gastro zu schaffen
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Mindestlohn rauf, Mehrwertsteuer runter – und trotzdem soll im Restaurant plötzlich alles teurer werden und die Belegschaft bluten? Die DIHK ruft Untergang, die Politik klatscht sich ab, und am Ende zahlt wieder der Typ, der das Essen bestellt.

Drei Wochen höherer Mindestlohn – und laut Deutscher Industrie- und Handelskammer steht Deutschland kurz vor „The Walking Dead“. 40 Prozent der Unternehmen wollen Preise hochziehen, 13 Prozent Jobs streichen, in Handel und Gastro soll gleich jeder Fünfte gehen. Apokalypse now. Sirene an. Lichter aus.

Blöd nur: Die Story ist unvollständig. Ja, der Mindestlohn ist zum 1. Januar 2026 gestiegen – von 12,82 auf 13,90 Euro. Klingt fett, sind rund 8,4 Prozent. Aber das war kein Unfall, kein kosmischer Einschlag. Das war Politik. SPD-Style. Durchgedrückt von einer Mindestlohn-Kommission, die inzwischen eher Festival-Bühne als Rechenzentrum ist. Ziel: soziale Gerechtigkeit. Ergebnis: Symbolpolitik mit Kollateralschäden.

Und dann kommt die DIHK um die Ecke, wedelt mit Umfragen und ruft: Hilfe! Kleiner Reminder: Die DIHK ist kein Schiedsrichter, sondern Mitspieler. Lobbyorganisation. Wirtschaft first. Völlig okay – solange man’s dazu denkt. Vergessen aber viele.

Was ebenfalls unter den Tisch fällt: Der Staat hat parallel richtig Cash dagelassen. Die Gastro wurde massiv entlastet. Mehrwertsteuer auf Essen runter von 19 auf 7 Prozent. Auch mit Jahresbeginn. Dauerhaft Milliardenrabatt. Offiziell, damit Preise stabil bleiben und Gäste durchatmen können.

Reality-Check: Das hat kaum jemand gemerkt. Die Preise auf der Karte? Blieben hoch. Oder gingen gleich weiter nach oben. Die Steuerersparnis landete nicht beim Gast, sondern im Controlling-Excel. Nicht illegal. Aber doof, wenn ich Hunger habe.

Heißt im Klartext: Wenn jetzt Jobs in der Gastronomie wackeln, dann nicht, weil der Staat die Betriebe erwürgt hätte – sondern obwohl er sie gleichzeitig entlastet hat. Wer da allein auf den Mindestlohn zeigt, erzählt nicht die ganze Story. Sondern die Version, die gerade passt. Grüße an die DIHK.

Das Muster ist alt. Die Politik klopft sich für soziale Wohltaten auf die Schulter. Die Wirtschaft warnt vor dem Untergang. Und am Ende zahlt immer derselbe Typ: Du, wir, ich. Zweimal. Einmal über Steuern, einmal an der Bar. Verantwortung? Verdunstet irgendwo zwischen Pressemitteilung und LinkedIn-Post.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.