Özdemirs riskante Wette: Kann er auf Boris Palmer setzen, um zu gewinnen?
Ein Händedruck in Tübingen reicht – und plötzlich ist alles wieder offen. Jahrelang distanziert, nun demonstrativ nah: Cem Özdemir setzt im Machtkampf um Baden-Württemberg ausgerechnet auf Boris Palmer, den er nicht immer mochte.
Beim jüngsten gemeinsamen Auftritt in Tübingen stehen sie nebeneinander, fast beiläufig, als sei nichts gewesen. Cem Özdemir, Bundesminister und grüner Spitzenkandidat für die Wahl Anfang März in Baden-Württemberg, und Boris Palmer, parteiloser Oberbürgermeister mit langer grüner Vergangenheit. Ein Händedruck hier, ein kurzer Austausch dort, ein gemeinsames Lächeln für die Kameras. Kein offizielles Statement, keine Personalansage. Und doch ist der Moment politisch aufgeladen. Im Ländle hat mit dem Auftritt in dieser Woche eine Spekulation begonnen: Bereitet Özdemir den Einzug Palmers in ein künftiges Kabinett in Stuttgart vor?
Diese Szene bildet den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die vor allem eines offenlegt: Cem Özdemirs Verhältnis zu Boris Palmer ist über Jahre von Widersprüchen geprägt. Seine Haltung schwankt zwischen scharfer Distanzierung, demonstrativer Kritik und neuerdings, wo er den unkonventionellen Palmer brauchen kann: vorsichtiger Annäherung.
Chronik einer Zweckbeziehung
Eine Chronik ihrer Beziehung macht klar: Da steckt keine biografische Laune dahinter, sondern politisches Kalkül. 2019 reagierte Özdemir auf Fragen zu Palmers provokanten öffentlichen Äußerungen mit sichtbarem Ärger. Palmer hatte damals in der Asyldebatte gesagt: „Tatsache ist: Es kommen gerade nicht diejenigen über das Meer, die unsere Hilfe dringend brauchen, sondern vor allem junge Männer, die Schlepper bezahlen können. Tatsache ist auch, dass die meisten in Europa bleiben, obwohl sie keinen Anspruch auf Asyl haben. Das kann kein gutes System sein. Für niemand. Die Seenotretter sind Teil des Kalküls der Schlepper.“
Palmer schade sich selbst und der Partei, stellte Özdemir damals fest, und forderte den unliebsamen Parteifreund auf, Kritik künftig intern zu klären. Das war eine klare Abgrenzung. Zwei Jahre später verschärfte Özdemir den Ton noch. Das ständige „Missverstandenwerden“ von Palmer könne er nicht mehr hören, erklärte er 2021. Palmer sprenge Brücken, mache Debatten kaputt, schade der Sache. Das war keine Momentaufnahme, sondern ein grundsätzliches Urteil über Palmers politischen Stil. Gleichzeitig ließ Özdemir selbst damals eine Ambivalenz erkennen, als er feststellte, Palmer halte, „was andere nur versprechen“. Anerkennung der Leistung, Ablehnung der Person – der Widerspruch war angelegt.
2024 begann sich der Ton zu verändern. Özdemir erklärte, man solle Menschen selten für immer abschreiben. Palmer habe Brücken eingerissen, aber es müsse Wege zurückgeben unter bestimmten Bedingungen. Aus klarer Abgrenzung wurde vorsichtige Öffnung. Auffällig ist der Zeitpunkt. Parallel begannen die Umfragen in Baden-Württemberg für die Grünen schwieriger zu werden. Der Vorsprung schmolz, die politische Lage wurde enger.
Anfang 2026 folgt jetzt der nächste Schritt. Özdemir bezeichnet Palmer öffentlich als „sehr, sehr wichtigen Ratgeber“. Personalfragen wollte er vor der Wahl nicht klären, doch er stellt Nähe zu dem Missverstandenen her. Palmer, der zuvor als Risiko galt, wird wird für Özdemir zum Faktor. Nicht, weil sich Palmer erkennbar verändert hätte, sondern weil sich die Mehrheitsverhältnisse verändert haben.
Wer braucht hier wen?
Der Hintergrund für Özdemirs Drehungen und Wendungen liegt im seit Jahren schwierigen Verhältnis Palmers zu den Grünen. Palmer war einer der erfolgreichsten Kommunalpolitiker der Partei, zugleich ihr größter innerer Widersacher. Seine migrations- und ordnungspolitischen Positionen, seine Sprache, seine Provokationen passten immer weniger zum Selbstbild der Grünen. 2023 trennte sich Palmer faktisch von der Partei – und kam damit einem Ausschluss möglicherweise zuvor. Er blieb aber politisch ein Ausnahmetalent und erreicht genau jene bürgerlich-pragmatischen Wähler, die den Grünen inzwischen fehlen.
Die aktuellen Umfragen erklären die neue Dynamik. Die Grünen liegen in Baden-Württemberg bei nur noch 20 Prozent, während die CDU derzeit auf 29 Prozent kommt. Cem Özdemir braucht Stimmen außerhalb des grünen Kernmilieus, wenn er Ministerpräsident werden will. Boris Palmer ist einer der wenigen Politiker im Land, die in diesem Lager Glaubwürdigkeit besitzen.
Palmer selbst ist übrigens anders als der Wahlkämpfer konstant bleibt. Er äußert sich respektvoll über Özdemir, spricht von Freundschaft, traut ihm das Amt ausdrücklich zu. Öffentliche Kritik an Özdemir war von ihm bislang nicht zu hören. Das Signal aus dieser ungleichen politischen Kameradschaft lautet damit so: Nicht der Tübinger Oberbürgermeister braucht den möglichen Ministerpräsidenten in spe, sondern es ist Özdemir, der Palmer braucht, wenn er gewinnen will.